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Großbritannien und Irland

Der Markt ist heilig

Unter der Laissez-faire-Politik des britischen Premierminister John Russell starben bei der Großen Hungersnot in Irland vor 180 Jahren eine Million Menschen

Foto: Dreamstime/imago
Das 1997 errichtete Famine Monument in Dublin erinnert an die katastrophale Hungersnot

Die unmittelbare Ursache der Großen Hungersnot in Irland, An Gorta Mór, wie sie auf Irisch heißt, war die Pilzkrankheit »Phytophthora infestans«, damals als »Krautfäule« bekannt. Aus den USA eingeschleppt, wo sie bereits in früheren Jahren aufgetreten war, zeigte sie sich Ende Juni 1845 erstmals in Belgien und breitete sich von dort über Nord- und Mitteleuropa aus. In Irland wurde sie erstmals am 20. August desselben Jahres festgestellt. Obwohl das späte Auftreten der Krautfäule 1845 ihre Auswirkungen zunächst begrenzte, wurde in der ersten Saison etwa ein Drittel der Kartoffelernte vernichtet.

Im folgenden Jahr zeigte sich die Plage im Sommer früh und heftig: Die Felder waren mit schwarzen Halmen und verfaulten Knollen bedeckt, die einen widerlichen Gestank verströmten. Die Kartoffelernte wurde nahezu vollständig vernichtet. Im August berichtete der irische Pater Theobald ­Mathew von der Geschwindigkeit, mit der die Krankheit ihre verheerende Wirkung entfaltete: »Am 27. des letzten Monats fuhr ich von Cork nach Dublin, und diese Pflanze blühte in der ganzen Pracht einer unverschämten Ernte. Als ich am dritten Tag zurückkehrte, bot sich mir mit Trauer ein weißes Ödland verrottender Vegetation.«

Versiegende Vorräte

Im Frühjahr 1846 trafen aus allen Teilen der Insel Berichte ein, die vor einer drohenden Katastrophe warnten: »Der größte Teil der Bevölkerung ernährt sich von Kartoffeln, die pechschwarz sind und bald verzehrt sein werden. (…) Viele haben keine Vorräte mehr und weder Kartoffeln zum Essen noch Saatgut; viele liegen mittellos und fiebernd da.« Die 1847 bepflanzte Kartoffelfläche betrug nur noch ein Siebtel des Vorjahres.

Trotz einiger Eingriffe war die Reaktion des britischen Staates, der seit dem 16. Jahrhundert die Kontrolle über die Nachbarinsel ausübte, im Allgemeinen von Zurückhaltung gegenüber Eingriffen in die irische Wirtschaft geprägt. Erste Hilfsmaßnahmen wurden von der konservativen Regierung Robert Peels ergriffen, die bis Juni 1846 im Amt war. Peels Kabinett erkannte die drohende Gefahr einer Kartoffelfäule in Irland und handelte umgehend. Im November 1845 wurde eine Kommission eingesetzt, um die Bemühungen lokaler Hilfsorganisationen im ganzen Land zu koordinieren. Diese zählten bis August 1846 etwa 650. Die Hilfsinitiativen konzentrierten sich auf zwei Hauptziele: die Kontrolle der Lebensmittelpreise und die Schaffung von Arbeitsplätzen.

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Das jedoch änderte sich unter der Regierung John Russells, einem entschiedenen Anhänger des Freihandels und des Laissez-faire. Peels Sonderkommission für Sozialhilfe wurde aufgelöst, ihre Befugnisse an die Zentralregierung übertragen. Auf Druck von Getreidehändlern stellte die Regierung auch den Import von Mais aus den USA ein, der als unnötige Störung des Lebensmittelhandels galt. Obwohl Lebensmitteldepots mit zusätzlichen Vorräten beibehalten wurden, wurden diese nicht an die Bevölkerung ausgegeben. Schlimmer noch: Das irische Getreide, dessen Ernte normal ausgefallen war, wurde exportiert, schließlich fehlten der irischen Bevölkerung die Geldmittel, um es zu bezahlen. Auch an eine Verringerung der Pachten für die irischen Bauern war nicht zu denken, denn die das britische Oberhaus dominierenden Lords, die vielfach über große Ländereien in Irland verfügten, hatten daran kein Interesse.

Souperism

Im Oktober 1846 wies Premierminister Russell darauf hin, dass die Kartoffelernte zwar erneut ausgefallen sei, man sich aber dennoch darüber im Klaren sein müsse, »dass wir die Bevölkerung nicht ernähren können«. Die Hilfe für Irland müsse aus irischen Ressourcen finanziert werden. Lebensmittel dürften nicht unter dem Marktpreis verkauft werden, um den normalen Handel nicht zu beeinträchtigen. Die Märkte müssten stabil bleiben. Ganz entschieden wandte er sich dagegen, dass Lebensmittel aus dem Ausland importiert wurden, und setzte Zwangsmaßnahmen gegen jeden Widerstand ein. Russell ließ zwar kostenlos Suppe verteilen und religiöse Gruppen wie die Quäker eröffneten Suppenküchen. Die meist dünnen, aus Zwiebel, Kohl, Rüben und viel Wasser bestehenden Suppen waren aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Hinzu kam, dass einige protestantische Hilfsorganisationen die Ausgabe von Suppen an katholische Iren mit der Aufforderung zur Konversion verbanden, ein Phänomen, das als »Souperism« bekannt wurde.

Russell behauptete später, die Finanzkrise in England habe es in den Jahren 1847 und 1848 unmöglich gemacht, der Insel Hilfe zukommen zu lassen. Zudem habe der in Folge der französischen Februarrevolution im Sommer 1848 begonnene Aufstand zur Befreiung Irlands unter der Führung von William Smith O’Brien die irischen Kräfte, die Hilfe hätten schaffen können, geschwächt. Tatsächlich kam die Hungersnot nicht wenigen Anhängern des Freihandels in London zu pass, denn sie ermöglichte, die irische Überbevölkerung, die seit langem als wirtschaftliches Problem diskutiert wurde, zu »regulieren«. Russel äußerte dementsprechend im September 1848: »Es ist besser, dass einige untergehen, als dass sie andere mit in den Abgrund reißen.«

Die Hungersnot dauerte bis 1849. Die Volkszählung von 1851 ergab eine Bevölkerungszahl von 6,5 Millionen, gegenüber 8,2 Millionen im Jahr 1848. Auch die Heirats- und Geburtenraten waren gesunken. Die Zahl der Todesopfer durch die Hungersnot konnte nicht genau ermittelt werden, man geht jedoch allgemein von etwa einer Million Toten aus. Der restliche Bevölkerungsrückgang ist auf die mit der Hungersnot rapide angestiegene Auswanderung in die Vereinigten Staaten von Amerika zurückzuführen. Auch hier starben nicht wenige der ohnehin geschwächten Menschen. Die Schiffe waren meist überbelegt, die hygienischen Bedingungen erbärmlich. Schätzungen gehen davon aus, dass zwischen zehn und 20 Prozent der Passagiere dieser »Sargschiffe« die Überfahrt nicht überlebten.

Arbeiter und Kleinbauern, die ohnehin am Existenzminimum lebten, waren am stärksten von der Hungersnot betroffen. Die Kosten der Auswanderung waren für die Ärmsten unerschwinglich. Die Auswanderer stammten hauptsächlich aus der Kleinbauernschicht, die über kleinere Ersparnisse oder Vermögenswerte verfügte, die für die Überfahrt in die USA verkauft werden konnten. Verschiedene statistische Indikatoren belegen die ungleiche Auswirkung der Hungersnot auf die jeweiligen Bevölkerungsschichten. Insgesamt ging die Erwerbsbevölkerung zwischen 1841 und 1851 um 19,1 Prozent zurück. Die Zahl der Bauern sank um 18,4 Prozent, die der Arbeiter um 20,2 Prozent.

Wider die Bettelei

Viele Frauen und Kinder sind gelegentlich gezwungen, zu betteln; sie tun dies widerwillig und beschämt und entfernen sich meist weit von zu Hause, um nicht erkannt zu werden. Auch für Ältere und Pflegebedürftige aus ärmeren Bevölkerungsschichten ist Betteln oft die einzige Möglichkeit, wenn Kinder oder Verwandte sie nicht unterstützen können. Daher drängen sich Scharen auf die Bettelei, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten; und das Wissen um diese Tatsache führt zu einem wahllosen Almosengeben, was Faulheit, Betrug und Kriminalität fördert. So wurde mit unbestrittener Autorität die Lage der arbeitenden Bevölkerung in Irland beschrieben, selbst in Zeiten relativen Überflusses: Man kann sich leicht vorstellen, dass diejenigen, die am Rande des Hungertodes standen, der Flut von Armut und Elend, die sie durch die Missernte der Kartoffeln überrollte, nicht widerstehen konnten, wenn selbst die Wohlhabendsten in den erfolgreichsten Jahren kaum genug verdienten. So war es leider auch im laufenden Jahr, während einer Katastrophe, die wohl ihresgleichen sucht, weil sie eine sehr große Bevölkerung betrifft, nämlich fast 8.000.000 Menschen – denn die irische Bevölkerung ist allmählich auf diese Zahl angewachsen –, während die Hungersnot ein Ausmaß hat, wie es in der Neuzeit noch nicht vorgekommen ist. Ja, ich würde sagen, es ist wie eine Hungersnot des 13. Jahrhunderts, die die Bevölkerung des 19. Jahrhunderts trifft.

→ »State of Ireland«, Rede von John Russell am 25. Januar 1847 im House of Commons. Quelle: Parliament.uk, Übersetzung: Dieter Reinisch

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Erschienen in der Ausgabe vom 27.06.2026, Seite 15, Geschichte

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