- → Ausland
Gewalteskalation in der Westbank
Israelische Siedler dringen mit Unterstützung der Ultrarechtsregierung in palästinensische Städte ein. Die Einwohner wehren sich
In und um Nablus ist die Hölle los. Israelische Siedlerkolonialisten, Arm in Arm mit der Armee und mit voller politischer Unterstützung von Benjamin Netanjahus Regime, töten, morden, zerstören nach Belieben. Die Menschen in der Region werden terrorisiert, und Beobachter befürchten, dass »Gaza« in die Westbank gebracht wird.
Die Statistiken bestätigen diese Befürchtung: Seit Beginn des »Waffenstillstandes« in Gaza im Oktober 2025, der die Fortsetzung des Völkermordes »auf kleiner Flamme« ermöglicht, wurden über 1.100 Palästinenser getötet und mehr als 3.600 verletzt, bei täglich steigenden Zahlen, berichtete die israelische Tageszeitung Haaretz. Dabei waren 282 der Todesopfer Kinder, im Durchschnitt eines täglich. Sie wurden überwiegend bei Luftangriffen getötet. In der Westbank wurden von Oktober 2023 bis Ende Juni 2026 etwa 1.100 Palästinenser getötet, darunter fast 250 Kinder. Seit Januar 2026 gab es schon mehr als 60 Tote, davon 13 im Kindesalter. Von Anfang 2025 bis Mitte Mai 2026 machte die Besatzung etwa ein Kind pro Woche zu ihren Opfern. Allein 2026 wurden 1.100 Menschen verletzt, 2025 waren es 4.000 und 2023 sogar mehr als 13.000 Verletzte und etwa 550 Tote – es war somit eines der schlimmsten Jahre.
Am Freitag nun drangen israelische Siedler aus dem 2002 errichteten, völkerrechtswidrigen kolonialen Vorposten Havat Gilad ins palästinensische Dorf Tell südwestlich von Nablus ein. Die Siedler sprachen von einer harmlosen Wanderung, die sie irgendwie ins Dorf führte. Die Dorfbewohner versuchten dagegen, die erwarteten Angriffe zu stoppen, und wehrten sich. Ein Siedler sowie ein diese »schützender« Soldat wurden getötet. Siedler und Armee erschossen vier Palästinenser. Darauf folgte eine weitere Eskalation der Angriffe. Schon tags zuvor hatten Siedler und Soldaten vier Palästinenser in den Städten Beit Furik bei Nablus, Tubas bei Dschenin sowie in Ostjerusalem im Flüchtlingslager Schufat erschossen.
Die Siedler mit ihrer Eskorte aus Soldaten, politisch unterstützt vom Netanjahu-Regime und zusätzlich aufgestachelt von den extrem rechten Ministern Bezalel Smotrich und Itamar Ben-Gvir sowie diversen Siedleranführern wie Daniella Weiss, attackierten am Wochenende palästinensische Dörfer rund um Nablus und drangen in die Stadt selbst ein. Daraufhin riegelte das Militär Nablus und alle umliegenden Dörfer hermetisch ab. Krankenwagen konnten niemanden mehr nach Nablus zur Behandlung bringen. Schwangere Frauen mussten im Krankenwagen entbinden. Eine Schwangere verlor ihr ungeborenes Baby, da sie nicht rechtzeitig in die Klinik kam, wie »Ärzte für Menschenrechte Israel« (PHRI) im Detail berichteten. Die Armee drang selbst in ein Krankenhaus in Nablus ein – eine klare Verletzung internationalen Rechts, wie alles, was seit vorigem Wochenende passiert –, angeblich, um nach einem Verletzten, einem »Terroristen«, zu suchen: Bilder, die aus Gaza bekannt sind.
Was Siedler und Armee in unkontrollierbare Wut versetzt, ist die schlichte Tatsache, dass sich die Menschen in der Westbank nicht mehr alles gefallen lassen. Sie haben sich inzwischen organisiert und etwa siebzig lokale Verteidigungskomitees zum Schutz ihrer Dörfer gebildet, wie die israelische Journalistin Amira Hass am Sonntag für Haaretz berichtete. Die Reaktion der Palästinensischen Nationalbehörde in der Stadt Ramallah: Sie empfiehlt ihren Bürgern, die Siedler nicht zu »provozieren« und stillzuhalten.
Auch Ramallah ist fast hermetisch abgeriegelt, insbesondere durch die Armeesperre am nördlich gelegenen Dorf Attara und am einzigen Übergang direkt nach Jerusalem im Flüchtlingslager Kalandija. In den sozialen Netzwerken sind erschütternde Berichte zu lesen. Palästinenser, die spät in der Nacht versuchten, aus Jericho zurück nach Jerusalem zu fahren, wurden auf dem Weg von Siedlern und Armee gestoppt und zusammengeschlagen. Als die Angegriffenen darauf hinwiesen, dass eine Schwangere im Auto saß, sprühten ihr die Siedler Tränengas ins Gesicht und stoppten herbeigerufene Krankenwagen.
Was sind die Szenarien für die Zukunft? Premierminister Benjamin Netanjahu ist am Montag nach Washington geflogen, um sich mit Donald Trump zu treffen – wohlweislich von einem Armeeflughafen aus. Eine Gruppe von 600 ehemaligen Armee- und Sicherheitsverantwortlichen, die sich »Kommandeure für die israelische Sicherheit« nennen, hatte schon zuvor einen Brief an Trump geschickt und dessen Intervention eingefordert, um eine »Explosion« der Lage in der Westbank zu verhindern. Diese werde ausschließlich durch die Gewalt des Regimes und der von ihnen unterstützten Siedler hervorgerufen und gefährde letztlich die Interessen der USA in der Region.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 3,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
