Zum Inhalt der Seite
Frauenbewegung

Hommage an die Courage

50. Jahrestag der ersten Ausgabe: Eine feministische Zeitschrift, die Tausende Frauen politisierte

Foto: Courage Frauenzeitung
Die Themen der Courage von vor 50 Jahren sind heute noch aktuell

Zum 50. Jahrestag der Gründung der feministischen Zeitschrift Courage trafen sich frühere Macherinnen und Autorinnen am 22. Juni in Berlin zu einem Fest. Auf Podien diskutierten damalige Akteurinnen der Frauenbewegung mit jungen feministischen Journalistinnen von heute.

Die erste Ausgabe der Courage erschien im Juni 1976. Rund 3.000 Frauen kamen zu einem Release, zahlten Eintritt und kauften ein unscheinbares neues Heft. Mit dem Erlös wurde die erste Rechnung für die Herstellung bezahlt. Das Magazin erschien in Westberlin und war eine der bedeutendsten feministischen Zeitschriften der westdeutschen Nachkriegsgeschichte. Die Redaktion hatte ihren Sitz in der Bleibtreustraße, im bürgerlichen Berliner Bezirk Charlottenburg. Eine Hausbesitzerin, die der Frauenbewegung angehörte, hatte ihnen die Räumlichkeiten zum kleinen Preis überlassen.

Die Courage erschien in einer politisch hochaufgeladenen Zeit. Nur wenige Monate zuvor war die Journalistin und das Mitglied der RAF, Ulrike Meinhof, tot in ihrer Zelle in einem Hochsicherheitsgefängnis aufgefunden worden. Die erste Ausgabe der Courage widmete sich Meinhofs Tod, der in der Frauenbewegung keine Verurteilung der Aktivitäten der RAF auslöste, sondern Debatten über politische Gewalt, staatliche Repression und die Rolle von Frauen in militanten Gruppen.

Anzeige

Die neuen Frauenbewegungen befanden sich auf dem Höhepunkt ihrer Mobilisierungskraft. Der Kampf gegen den Paragraphen 218 im Strafgesetzbuch, der Schwangerschaftsabbrüche unter Strafe stellt, hatte Hunderttausende Frauen politisiert. Es war die Zeit der Projektgründungen von feministischer Gegenkultur in der ganzen BRD, darunter Frauengruppen und -zentren, Bands, feministische Buchläden und erste Frauenhäuser. Laut Historikerin und jW-Autorin Gisela Notz diente die Courage als »Informations-, ­Kommunikations- und Diskussionsforum für Kleingruppen, Netzwerke und Projekte der autonomen Frauenbewegungen – gewissermaßen als deren Sprachrohr«. Christel Dormagen, eine der zentralen Macherinnen, beschrieb das Heft als »eine Art Ordnungsmacht, die den wirren Meinungs- und Theoriestrom kanalisierte«.

Als Alice Schwarzer ein eigenes Medienprojekt ankündigte, luden die Frauen sie zur Mitarbeit bei der Courage ein. Doch Schwarzer lehnte ab, denn ein einziges Zeitschriftenprojekt sei zu zentralistisch. Früh wurde die dominierende Rolle Alice Schwarzers kritisiert. Noch vor dem erstmaligen Erscheinen ihrer Zeitschrift Emma fragte eine Autorin in der Courage: »Ist die Gesellschaftsform, in der Alice die einzige Gesellschafterin ist, noch eine Organisationsform, die die emanzipatorischen Ansätze der Frauenbewegung aufnimmt und weiterentwickelt?«

Was die Courage von kommerziellen Frauenzeitschriften fundamental unterschied, war ihre Organisationsform. Die Zeitschrift war ein selbstverwaltetes Kollektiv, in dem Entscheidungen gemeinsam getroffen wurden und Aufgaben rotierten. Hierarchien wurden als »männlich« abgelehnt. Zunächst arbeiteten die Frauen ohne Bezahlung, später konnten zeitweise bis zu 15 Frauen von einem Einheitslohn leben. Die Auflage stieg binnen weniger Monate von anfangs 5.000 auf 35.000 Exemplare. Ende der 1970er Jahre betrug die monatliche Auflage knapp 70.000 Stück. Die Kollektivstruktur war zugleich Stärke und Schwachpunkt des Projekts. Streitigkeiten in der Arbeitsteilung und politische Richtungskämpfe erzeugten dauerhaft Reibungen, die schließlich zum Ende des Projekts führten. Nach neunzig Ausgaben und einer Reihe von Sonderpublikationen war 1984 Schluss.

Bei der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung ist das Archiv der Courage vollständig digitalisiert und frei zugänglich. Es macht die Qualität der Texte der zumeist jungen feministischen Autorinnen jener Zeit deutlich. Der Selbstfindungsprozess der frühen Jahrgänge bildet das volle Spektrum feministischer Politik ab. Die Themen sind teils verblüffend aktuell: Gewalt gegen Frauen, der Paragraph 218, Sexarbeit, Kritik an Psychiatrie, sexualisierte Gewalt, Gleichstellung im Beruf, Care- und Pflegearbeit. Die meisten Debatten werden heute noch geführt, manche mit denselben Argumenten wie damals. Im späteren Verlauf der Zeitschrift druckte Courage Texte von linksoppositionellen Gruppen aus der ČSSR ab. Berichtet wurde auch über Frauenfriedensgruppen in der DDR. Mitunter waren die Frauen der Courage breiten gesellschaftlichen Debatten um Jahrzehnte voraus. Wie in der Ausgabe 11/1980, in der sich mehrere Autorinnen, darunter die britische Journalistin Susie Orbach, mit Essstörungen und Magersucht befassten.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 24.07.2026, Seite 15, Feminismus

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!