Ein Sommeralptraum
WM: Gewalterfahrung von Frauen unsichtbar
Die ganze Welt ist im Fußballfieber, Boykottaufrufe wegen Menschenrechtsverletzungen in den USA scheinen vergessen. Laut FIFA toppt die Weltmeisterschaft der Männer alle dagewesenen Zuschauerrekorde. Doch seit dem Auftakt liegt ein Schatten über dem Turnier: Immer wieder werden Vergewaltigungsvorwürfe gegen Spieler verschiedener Mannschaften laut.
Während Djed Spence seinem Gegner Thomas Partey, der sich vor Gericht wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung verantworten muss, aus Protest den obligatorischen Handschlag verweigerte, blieben Konsequenzen seitens der FIFA aus. Der Verband plant, mit der Weltmeisterschaft in diesem Jahr 13 Milliarden US-Dollar umzusetzen, und das Profitinteresse steht über allem. Die betroffenen Frauen bleiben gesichtslos, während mutmaßliche Täter sich um den Ruhm ihrer Nation bemühen. Gejubelt wird trotz der Vorwürfe und ausstehender Gerichtsverfahren.
Dass die Opfer sich bedeckt halten, ist nicht verwunderlich, wenn man etwa an den Suizid von Kasia Lenhardt im Jahr 2021 denkt: Nachdem ihr Expartner und damaliger deutscher Nationalspieler Jérôme Boateng sich öffentlich über sie ausließ, folgte eine reißerische Berichterstattung, deren Dynamik mutmaßlich dazu führte, dass sich Lenhardt das Leben nahm. Zwischen den Frauen und Fußballspielern besteht ein finanzielles Machtgefälle, und nicht selten werden Verfahren durch Vergleichszahlungen eingestellt. Wo es kein Urteil gibt, gibt es auch keinen Täter. Die Angeklagten können auf die Unschuldsvermutung verweisen, während sie sich von den Vorwürfen freikaufen.
Nicht nur die betroffenen Frauen müssen den Fußballrummel um ihre mutmaßlichen Peiniger auf dem Spielfeld ertragen. Auch Frauen vor dem Fernseher machen während sportlicher Großereignisse vermehrt Gewalterfahrungen. Studien belegen, dass partnerschaftliche Gewalt während WM-Spielen signifikant zunimmt. Diesen Zusammenhang zwischen internationalem Sport und Gewalt auf Alkoholkonsum oder individuelle Fehltritte zurückzuführen, wäre verkürzt. Wer Geld akkumuliert, hat die Macht, ungestraft davonzukommen. Wer sich fürs Kapital kaputtarbeitet, nimmt dankbar das nationale Gemeinschaftsgefühl als Ablenkung vom Alltag an, statt eine WM zu boykottieren, die ohnehin stattfindet.
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