Zum Inhalt der Seite
Entwaldung

Papier frisst Urwald

Der Gebrauch von Pflanzenfasern und Pappe steht für Nachhaltigkeit. Trotzdem werden Regenwälder dafür abgeholzt

Foto: Urs Flueeler/Zoonar/imago
Nachschub für die Papierindustrie: Baumfäller in Thailand schlagen Eukalyptusholz (Sa Kaeo, 13.11.2025)

Papier klingt nach einer Erfolgsstory: nachwachsender Rohstoff, dutzendfach wiederverwendbar und mit vielfältigem Nutzen. Deutschland recycelt Papier auf Weltklasseniveau, in einfachen und erprobten Systemen. Die Forstwirtschaft wirbt mit dem FSC-Siegel der deutschen NGO Forest Stewardship Council. Faserbasierte Verpackungen gelten als klimafreundliche Alternative zu Plastik. Doch hinter dieser Fassade verbergen sich unbequeme Widersprüche.

Kunststoff ist zum Inbegriff der Klima- und Umweltsünde geworden. Tatsächlich ist dessen Wiederverwertung weitgehend eine Mogelpackung. Das zeigen regelmäßig Berichte, etwa wenn lediglich exportierte Plastikmüllmengen als recycelt in Statistiken einfließen. Ein ganz zentrales Problem ist, dass im Gelben Sack alles Mögliche landet. Neben den unterschiedlichen Kunststoffsorten (HDPE, LDPE, PE, PS oder PET) kommen Alu- oder Weißblech sowie Verbundstoffe hinzu. Die aus mehreren Schichten bestehenden Verbundkartons (»Tetra-Pack«) sind bisher fast nur im Labor recycelbar. Sortenreinheit ist für das Recycling zentral. Das ist bei Glas gegeben – und insbesondere bei Papier, egal ob Zeitung, Buch, Faltschachtel, Wellpappe oder Karton. Am Anfang eines Recyclingprozesses kommt alles in einen großen Bottich. Dann werden Farben sowie Fremd- und Zusatzstoffe herausgewaschen und das Material bis auf die Faser aufgelöst. Am Ende kommt neues Papier heraus.

Um in der Papierherstellung dauerhaft hohe Qualität sicherzustellen, etwa für Stabilität oder Reißfestigkeit, werden vielfach frische Fasern hinzugefügt. Immer mehr Verpackungen werden aus Pappe und Karton hergestellt – für Lebensmittel, Kosmetika oder Pharmaprodukte. Gleichzeitig wächst der Onlinehandel ungebremst und mit ihm die Nachfrage nach Wellpappe.

Herkunft nicht nachvollziehbar

Der Branchenverband »Die Papierindustrie« betont, das verwendete Holz stamme aus heimischer Forstwirtschaft oder aus Sägeabfällen. Dass zur globalen Entwaldung beigetragen wird, sei »nahezu ausgeschlossen«. Regenwald werde vor allem für den Anbau von Ölpalmen und Soja vernichtet. Das ist nicht falsch. Allerdings trägt auch die Holzwirtschaft und mit ihr die Papierproduktion zur Vernichtung wertvollen Waldes bei. Millionen Hektar biodiverser Waldflächen wurden in artenarme Plantagen umgewandelt, um Zellstoff zu produzieren. Zellstoff wird durch chemischen Aufschluss insbesondere von Holz oder anderen Pflanzenfasern gewonnen.

Deutschland importiert für die Papierherstellung jährlich rund 2,5 Millionen Tonnen Zellstoff. Dabei kommt der größte Teil aus Schweden und Finnland, aus Brasilien sowie aus Kanada, Portugal und Spanien. Die Industrie erklärt, Zellstoff werde bis auf Faserebene aufgelöst und durchmischt. Eine Rückverfolgung auf den Herkunftsort sei im Grunde ausgeschlossen. Das ist korrekt und zeigt zugleich ein Problem. Wer nicht exakt nachweisen kann, woher ein Rohstoff kommt, kann unmöglich Nachhaltigkeit behaupten. Laut der Studie »Alles aus Holz« der Umweltschutzorganisation WWF von 2022 übersteigt der globale Holzverbrauch die nachhaltig entnehmbare Menge deutlich.

Anzeige

Um sicherzustellen, dass in die EU keine Rohstoffe importiert werden, für deren Herstellung wertvolle Waldgebiete vernichtet worden sind, gilt seit einigen Monaten die EU-Entwaldungsverordnung (EUDR 2023/1115). Sie trat offiziell schon im Juni 2023 in Kraft und war ein Meilenstein: Unternehmen, die Rinder, Kakao, Kaffee, Palmöl, Kautschuk, Soja und Holz (einschließlich Zellstoff und Papier) auf dem EU-Markt in Verkehr bringen, müssen per Sorgfaltserklärung und Geodaten nachweisen, dass dafür keine weiteren Wälder gerodet wurden.

Doch die Verordnung wurde zunächst nicht umgesetzt. Auf enormen Druck von Branchen- und Lobbyverbänden, Erzeugerländern wie Brasilien und Indonesien sowie mehrerer EU-Staaten wurde deren Implementierung mehrfach verschoben. Für große Unternehmen auf Dezember 2026, für Kleinunternehmen gilt sie erst ab August 2027. Die Druck- und Papierwirtschaft verhandelte Druckerzeugnisse wie Bücher und Zeitungen gänzlich aus dem Anwendungsbereich heraus.

Nicht nur tropische Regenwälder sind von Raubbau betroffen. Auch um die Wälder in Europa steht es schlecht. Satellitenauswertungen zeigen, dass die abgeholzten Flächen auf dem Kontinent seit 2016 um 49 Prozent zugenommen haben. Am stärksten in Schweden, Finnland, den baltischen Staaten und der Iberischen Halbinsel – allesamt wichtige Zellstofflieferanten. Laut Umweltbundesamt werde in Schweden und Finnland eine flächendeckende, ökonomisch hocheffiziente, aber naturferne Forstwirtschaft betrieben. Baumplantagen statt Biodiversität. Dramatischer sieht es in Indonesien aus. Es wurde dokumentiert, dass die Zellstoffindustrie zwischen 2017 und 2022 dort für die Verfünffachung der entwaldeten Flächen verantwortlich ist. Während einst 80 Prozent Indonesiens bewaldet waren, ist es heute weniger als die Hälfte des Territoriums.

FSC-Siegel in der Kritik

Das Zertifikat des FSC gilt als wichtigster Nachweis für nachhaltige Forstwirtschaft, es prangt auch auf vielen Verpackungen aus Papier und Pappe. Doch das Label hat erhebliche Glaubwürdigkeitsprobleme. Die Umwelt-NGO Robin Wood trat 2009 aus dem FSC International aus, Greenpeace zog 2018 seine Unterstützung zurück, 2025 folgte das Rainforest Action Network. Ihre Kritik: Die Auflagen sind uneindeutig und abhängig von der jeweiligen Prüfstelle. Da Papierhersteller Holz von hunderten verschiedenen Lieferanten beziehen, wurde als Kompromiss die »prozentuale Nachhaltigkeit« eingeführt: Das FSC-Logo darf auch dann verwendet werden, wenn ein Teil der Fasern aus nicht zertifizierten Quellen stammt.

Besonders bezeichnend ist der Fall Portugal. Schnellwachsende Eukalyptusmonokulturen – formal FSC-zertifizierbar – sollen inzwischen über 25 Prozent der portugiesischen Waldfläche ausmachen. Für die Vergrößerung ist die Zellstoffindustrie verantwortlich, die teils sogar mit EU-Fördermitteln subventioniert wird. In Eukalyptusplantagen herrscht Totenstille – kein Vogel, kein Insekt, kein Farn und kein Strauch weit und breit – Biodiversität gleich null. Dazu kommt die Brandgefahr aufgrund des hohen Anteils ätherischer Öle. Die verheerenden Waldbrände in Portugal in den vergangenen Jahren sind ohne diese Monokulturen nicht erklärbar. Ähnliches gilt für Kiefernmonokulturen in Ostdeutschland oder die Kahlschlagwirtschaft in Skandinavien: formal legal, aber ökologisch weit entfernt von dem, was Wälder leisten sollten.

Tatsächlicher Umweltschutz wird nicht durch bessere Zertifikate erreicht, sondern durch die Reduktion des Verbrauchs, weniger Verpackungen, ein konsequentes Mehrwegsystem und die Abkehr vom exzessiven Onlinehandel.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 28.07.2026, Seite 15, Natur & Wissenschaft

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!