Nur ein keuscher Abschiedskuss
Von Holger Römers
Wenn »No Good Men« von der Berlinale nicht zum Eröffnungsfilm auserkoren worden wäre, könnte man seine Merkwürdigkeit wahrscheinlich mit schulterzuckender Verwunderung zur Kenntnis nehmen. Shahrbanoo Sadat, die außer für die Regie auch fürs Drehbuch verantwortlich zeichnet und auch noch in der Hauptrolle auftritt, hat den nominell in Kabul angesiedelten Stoff laut Abspann in Hamburg, Berlin, Brandenburg, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern gedreht. Dabei hat sie aus der Notwendigkeit jedoch keine Tugend gemacht – im Gegensatz etwa zu ihrer Kollegin Danielle Arbid, die in »Only Rebels Win«, dem Eröffnungsfilm des Panoramas, verfremdende Rückprojektionen nutzt, um die kriegsbedingte Unmöglichkeit eines Drehs an ihrem Handlungsort Beirut zu reflektieren. Statt dessen ist Sadat, die als Tochter afghanischer Flüchtlinge 1990 in Teheran geboren wurde und nun in Hamburg lebt, in ihrem dritten Spielfilm nach »Wolf and Sheep« (2016) und »Kabul Kinderheim« (2019) so eifrig wie fruchtlos bemüht, die Diskrepanz von Handlungs- und Drehort zu kaschieren.
Als Hintergrund zahlreicher Außenaufnahmen müssen ausgesucht nichtssagende Zweckbauten herhalten, deren Klinkerfassaden von Kamerafrau Virginie Surdej nach Möglichkeit aus dem Schärfebereich ihres Objektivs gebannt werden. Entsprechend kurze Brennweiten rücken die städtische Umgebung, sobald Szenen sich im Innern eines Autos abspielen, erst recht ins Nebulöse. Damit kontrastieren freilich um so augenfälliger einzelne Fahrtaufnahmen, die als stumme Impressionen eingestreut werden – und tatsächlich unverkennbar in der afghanischen Hauptstadt entstanden sind.
Unter anderen Vorzeichen wäre diesen ästhetischem Scheitern womöglich ein gewisser Charme abzugewinnen, zumal es mit einem gleichermaßen ungelenken Gebrauch filmischer Erzählmuster einhergeht. Sadat lässt ihre Protagonistin Naru als Kamerafrau eines örtlichen TV-Senders im Februar 2021 auf dessen Starreporter Qodrat (Anwar Hashimi) treffen. Kaum dass die Mutter eines Dreijährigen, die von ihrem misogynen Ehemann getrennt lebt, gegenüber zwei Freundinnen die im Filmtitel anklingende Klage anstimmt, dass es in Afghanistan keine guten Männer gebe, scheint sie diese Meinung sogleich revidieren zu müssen. Jedenfalls behandelt Qodrat sie während der Arbeit mit ungewohntem Respekt und bringt ihr, obwohl er seinerseits verheiratet ist, auch ein privates Interesse entgegen.
Wir haben es also mit einer Romantic Comedy zu tun, deren »romantischer« Plot jedoch – das ist angesichts der zeithistorischen Umstände kaum zu viel verraten – bloß in einem keuschen Abschiedskuss gipfelt. Den Publikumserwartungen, die an dieses Genre geknüpft sind, steht zudem von vornherein das Casting im Weg: Wie Sadat ist Hashimi, wenn es um Schauspielerei geht, sichtlich ein Laie. Schwer vorstellbar, dass jemand schon einmal so hölzern einen Prince Charming gemimt hätte. Mindestens ebenso kurios ist allerdings die Interpretation des Feminismus, die Sadat aus ihrer Erzählperspektive ableitet. Wer hätte gedacht, dass unter Bezug auf Frauenrechte und -bedürfnisse noch ein Kerl dafür gelobt würde, »wie ein Gentleman« zu handeln? Dazu mag schließlich passen, dass Qodrat, als die Taliban vorrücken, resolut bestimmen darf, was zu Narus Bestem ist.
Solche Wunderlichkeiten könnten, wie angedeutet, entwaffnend wirken, wenn sie sich bloß als Ergebnis unfreiwilliger Hemdsärmeligkeit deuten ließen. Obwohl die Produktion von über einem Dutzend europäischer Fördergremien unterstützt worden ist, war das Budget nämlich unübersehbar beschränkt. Vermutlich bedurfte es der Mitwirkung der afghanischen Diaspora nicht nur, um Komparsen zu mobilisieren, denen zuletzt mit einer langen Namensliste gedankt wird. Wer nicht zum entsprechenden Zielpublikum gehört, bräuchte sich indes um diesen Film kaum zu kümmern – wenn er nicht vom drittwichtigsten Filmfestival der Welt zu dessen Eröffnung bestimmt worden wäre. In dieser Funktion bekräftigt er aber implizit wohl die alte Mär, dass die NATO in Afghanistan bis zu ihrem vermeintlich bedauerlichen Abzug für Frauenrechte gekämpft hätte.
»No Good Men«, Regie: Shahrbanoo Sadat, BRD, Frankreich, Afghanistan u. a. 2026, 103 Min., Berlinale Special Gala, 13.2., 14.2.
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