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Theorie

Es bleibt kompliziert

Bei den Linken Buchtagen in Berlin versuchten zwei Autorinnen zu erklären, was marxistischer Feminismus sein soll

Von Ralf Hutter
Foto: André Durenceau/The New York Public Library/unsplash
So unterschiedlich und dennoch was gemeinsam: »Die Wahrheit ist immer konkret« (Lenin)

Der Begriff »Feminismus« sei politisch unterbestimmt. Diese Feststellung machte Katharina Lux am Samstag bei den Linken Buchtagen im Berlin-Kreuzberger Mehringhof. Die 1983 geborene promovierte Historikerin arbeitet in Leipzig bei einem kommunistischen Bildungskollektiv und an der Berliner Humboldt-Universität im Bereich Erziehungswissenschaft. In der Heftreihe des Verlags Maro hat sie sich nun unter dem Titel »Es ist kompliziert« mit der Beziehung von Kapitalismus und Feminismus auseinandergesetzt.

Lux kritisiert, dass sich viele Formen des Feminismus mit dem Kapitalismus eingelassen haben, und benennt einige Idealtypen: den konservativen und den liberalen Feminismus, Popfeminismus, Mikrofeminismus. Dem gegenüber stehen der materialistische, der sozialistische und der (von Lux favorisierte) anti­rassistisch-marxistische Feminismus.

Weitere erwähnt Lux in Fußnoten. Im Publikumsgespräch wurde es noch etwas unübersichtlicher. Eine Person brachte den Begriff »Choice-Feminismus« ein, wo also die Wahlfreiheit von Frauen in jeglichen Dingen betont wird. Niemand erklärte den Begriff, aber Autorin Lux stimmte zu: Der Choice-Feminismus sei wie der liberale individualistisch, aber stärker alltagsbezogen.

Eine andere Person sagte, die Rapperin Ikkimel betreibe zwar Popfeminismus, sei aber ziemlich subversiv. Lux: Ja, nicht jeder Popfeminismus ist schlecht.

Ohne Vorsilbe oder begleitendes Adjektiv ist mit »Feminismus« also nichts anzufangen. Die Milliarden Frauen haben nur wenige gemeinsame Interessen. Analyse und Kritik müssen somit konkreter sein, es müssen die Probleme und gesellschaftlichen Umfelder bestimmter Frauen herausgearbeitet werden.

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Vielversprechend ist da die Theorieveteranin Roswitha Scholz, die früher in der Nürnberger Gruppe Krisis aktiv war und deren sogenannte Wertkritik vertritt, auf deren Basis sie sich mit der Wertabspaltungstheorie einen Namen gemacht hat. Scholz kam nun nach Berlin, um eine Sammlung von Aufsätzen aus den letzten 30 Jahren vorzustellen: »Back to the roots? Zur Regression marxistisch-feministischer Theoriebildung heute«. Wie bei Lux war der Veranstaltungsraum überfüllt, ein Teil der jeweils mehr als 60 Zuhörenden saß auf dem Boden beziehungsweise stand in der Tür.

Scholz las lange aus ihren Aufsätzen vor, wobei es vor allem um ökonomische Fragen ging anstatt um Feminismus und Geschlechterverhältnisse. Das ist auch in Ordnung, denn ihre Wertabspaltungstheorie weist darauf hin, dass im Marxismus traditionell ökonomische Fragen bearbeitet werden, während das Wirtschaftssystem darauf beruht, dass die Reproduktionsarbeit zu Hause außerhalb wirtschaftlicher Kategorien geleistet wird. Nun begnügen sich aber Scholz und Lux mit dem Hinweis, dass die Reproduktion traditionell oder vor allem von Frauen geleistet wird, und begründen so ihren Feminismus. Das Entscheidende ist aber, dass es egal ist, wer diese Arbeit leistet – es ist eine gesellschaftliche Sphäre, die im kapitalistischen Rahmen herabgewürdigt wird, nicht konkrete Menschengruppen.

Auf den Hinweis, dass es nicht zu ihrer Theorie passt, dass in mehreren ihrer Aufsatztitel vom »Patriarchat« die Rede ist, da gerade der unpersönliche Charakter des Kapitalverhältnisses der springende Punkt ist, während Patriarchat Herrschaft der Väter bedeutet, antwortete Scholz zum einen, auf den Begriff komme es nicht an, es könne auch »androzentrisch« heißen (»andro« steht im Griechischen für männlich). Damit bestätigte sie, dass »Patriarchat« seit den 1960er Jahren als beliebiger Kampfbegriff gebraucht wird, der gar nicht den Anspruch hat, empirisch bestätigt werden zu können, und der auch nichts mit dem wissenschaftlichen Gebrauch dieses Wortes zu tun hat. Zum anderen entgegnete Scholz unverständlich, sie wolle auch gar nicht verschiedene Ansätze harmonisch vereinen.

Die Ansätze widersprechen sich aber nun mal. Scholz vertritt einerseits die Thesen, der Kapitalismus drücke sich nicht primär in einem Klassengegensatz aus, und das Proletariat existiere gar nicht mehr, behauptet aber andererseits einen von der Wertabspaltung bedingten fundamentalen Konflikt zwischen Männern und Frauen.

Katharina Lux hat sich für ihr Heft folgende Definition zurechtgelegt: »Patriarchat meint die Herrschaftsform, in der die Vorherrschaft und Macht von Männern ökonomisch und juristisch über Eigentum, Besitz an Arbeitskräften, Körper und Sexualität von Frauen, nicht-männlichen Personen und Kindern strukturell verankert ist.« Der Satz ist sprachlich falsch. Macht kann über (also vermittels) Eigentum und Besitz an Arbeitskräften verankert sein, aber für den Rest der Aufzählung ergibt das keinen Sinn. Falls gemeint ist, dass Macht von Männern über die aufgezählten Dinge ökonomisch und juristisch verankert ist, dann hat das nichts mit unserer heutigen Realität zu tun.

So setzt sich auch bei Autorinnen mit hohem theoretischen Anspruch das häufig zu beobachtende Elend fort, dass eine Theorie gesucht wird, die für große Menschheitsübel eine gemeinsame Wurzel feststellt, weswegen dann der Kapitalismus an sich frauenfeindlich und rassistisch sein muss. Das ist eine Regression, aber nicht back to the roots, denn die Marxsche Analyse sollte eigentlich vor solchem ideologischem Populismus schützen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 04.06.2026, Seite 10, Feuilleton

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