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Aus: Ausgabe vom 27.02.2026, Seite 15 / Feminismus
»Kinderwunsch«

Kongress der Antifeministen

Abtreibungsgegner instrumentalisieren Kritik an Leihmutterschaften gegen Recht auf Selbstbestimmung
Von Yaro Allisat
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Der Frauenkampftag ist eine Gelegenheit, rechte Initiativen in die Schranken zu weisen (Berlin, 8.3.2025)

Der Verein »Aktion Lebensrecht für alle« (ALFA) organisiert am 6. März einen Kongress zum Thema Leihmutterschaft in der Klinik für minimalinvasive Chirurgie (MIC) in Berlin. Das Datum wurde anscheinend gewählt, da vom 7. bis 8. März ebenfalls in Berlin die Messe »Wish for a Baby« stattfindet, auf der sich unter anderem Kinderwunschkliniken und Leihmutterschaftsagenturen vorstellen. Auf dem Programm von ALFA stehen Abtreibungsgegner wie die Publizistin Birgit Kelle, Vertreter von Lobbygruppen, aber auch der Chefarzt der Gynäkologie an der Charité Berlin, Jalid Sehouli, und die UN-Sonderberichterstatterin für Gewalt gegen Frauen, Rim Al-Salem.

Viele feministische Gruppen haben selbst eine kritische Perspektive auf Leihschwangerschaften. Aber sie weisen darauf hin, dass die Kongressorganisatoren »bereits in ihrer Grundhaltung antifeministisch und queerfeindlich sind«, so das Bündnis »What the Fuck Berlin«. Denn »die Veranstaltenden sind nicht an einer Kritik an einer potentiell ausbeuterischen Reproduktionsmedizin interessiert, sondern lehnen per se alle Möglichkeiten auf queere Elternschaft ab«.

Im Hinblick auf die gesellschaftlichen Machtverhältnisse und die profitorientierte Reproduktionsmedizin seien sogenannte Einzeltransfers von Embryonen und Leihschwangerschaften höchst problematisch und gefährlich für die betroffenen Frauen, betont das feministische Bündnis. Die Technik habe aber auch das Potential, queeren Paaren einen Kinderwunsch zu ermöglichen. »What the Fuck« sieht in dem Kongress entsprechend eine Instrumentalisierung der im Rahmen von Leihmutterschaften an Frauen begangenen Gewalt für die Verbreitung von Queerfeindlichkeit. »Es ist ein Skandal, dass Ärzte für die Teilnahme an einer solchen Veranstaltung Fortbildungspunkte erhalten sollen. Wir sehen darin eine große Gefahr, da die Veranstalter dafür bekannt sind, medizinische Falschinformationen zu verbreiten.«

Auf eine Anfrage der jW antwortete die Charité bis Redaktionsschluss nicht. Von seiten der UN-Sonderberichterstatterin Rim Al-Salem verlautete gegenüber jW, sie arbeite mit Akteuren themenbezogen zusammen, auch wenn sie nicht unbedingt mit allen ihren Handlungen oder Positionen einverstanden sei, vorausgesetzt, es werde nicht zu Hass oder Gewalt aufgerufen oder Rassismus verbreitet.

Sowohl international als auch innerhalb der feministischen Bewegung ist Leihmutterschaft umstritten und wird insbesondere von transfeindlichen Akteuren abgelehnt. In vielen Staaten, unter anderem Deutschland, ist sie überdies strafbar. 2023 wurde der globale Markt für solche Schwangerschaften auf rund 14,95 Milliarden US-Dollar geschätzt. Ein großer Anteil der Arrangements ist grenzüberschreitend: Immer wieder suchen wohlhabende Auftraggeber ärmere Frauen in Ländern mit niedrigen Kosten, oft im globalen Süden. Leihmütter erhalten nur zwischen zehn und 27,5 Prozent der geleisteten Gesamtzahlungen, der Rest geht an Agenturen und Vermittler. In einem Bericht von Juli 2025 stellte ­Al-Salem sowohl ökonomische Ausbeutung, reproduktive, medizinische und psychische Gewalt gegen Frauen im Kontext von Leihmutterschaften fest als auch eine Verletzung grundlegender Rechte in Fällen von Freiheitsbeschränkungen und Zwang. Die Ukraine, Georgien und Länder wie Mexiko, Kolumbien und Argentinien werden zunehmend zu Zielen für internationale Auftraggeber. Weltweit findet der größte Teil der Vermittlungen in den USA statt.

ALFA geht es laut eigenen Angaben vor allem um den Schutz von Frauen und Kindern. Der Verein, dessen Slogan »Unterstütze das Leben« lautet, gibt sich nach außen als Unterstützungsnetzwerk für ungewollt schwangere Frauen. Man helfe, freie Entscheidungen zu treffen. Auf der Webseite werden dann jedoch nur Frauen zitiert, die beschreiben, wie froh sie sind, nicht abgetrieben zu haben, wie sehr sie in der Mutterrolle aufgehen und wie ALFA ihnen half, ihre innere Stärke zu finden. ALFA stellt sowohl Hilfe bei der Wohnungssuche als auch beim Lebensunterhalt sowie Alltagshilfen zur Verfügung und ist Mitglied im Bundesverband Lebensrecht, einem Lobbyverein der Abtreibungsgegner. Dementsprechend mobilisiert ALFA auch für den jährlichen, von Ultrarechten ebenfalls frequentierten »Marsch für das Leben«.

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