Gewaltspirale oder Wohnungslosigkeit
Mangel an Schutzplätzen und hohe Mieten halten Frauen in übergriffigen Beziehungen
Allein in Berlin fehlen rund 300 Frauenhausplätze. »Täglich müssen wir an der BIG-Hotline zehn bis fünfzehn Schutzsuchenden sagen, dass es keine freien Plätze gibt«, beschreibt Nua Ursprung die Situation der Telefonhotline für von Gewalt betroffene Frauen. Berliner Schutzeinrichtungen für gewaltbetroffene Frauen meldeten sich am Dienstag gemeinsam mit der Initiative »Deutsche Wohnen & Co enteignen« zu Wort. Sie fordern eine »soziale Mietenpolitik«, um von Gewalt betroffenen Frauen eine Trennung aus ihren Beziehungen zu erleichtern und Schutzplätze zu entlasten. Zwar werde immer wieder von fehlenden Schutzplätzen für Frauen in Berlin gesprochen, bemerkte die Pressesprecherin der Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen (BIG). Doch sei die Situation »viel komplizierter«, da die Stadt »auf allen Ebenen zuwenig« tue. Die Lage sei aber nicht immer so dramatisch gewesen. Früher hätten die Frauenhäuser leere Zimmer bereithalten können, um Frauen schnell aufzunehmen.
Betroffene von partnerschaftlicher Gewalt haben wegen des Wohnungsmarktes in der Hauptstadt große Schwierigkeiten auszuziehen. Wenn sie sich vom Täter trennen wollen, stehen sie zunächst vor der Hürde, eine neue bezahlbare Wohnung zu finden. Tatsächlich sind die Mieten in den 40 größten deutschen Städten in den vergangenen zehn Jahren im Schnitt um 51 Prozent erhöht worden. Das teilte das kapitalnahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Ende Juli mit. In Berlin forderten die Vermieter dem Bericht zufolge im Schnitt sogar noch 26 Prozent mehr. Die Mieten in Berlin wurden innerhalb von nur zehn Jahren um durchschnittlich 77 Prozent verteuert.
Das wirkt sich zwangsläufig auch auf die Angebote der Frauenhäuser aus. Wolle eine von partnerschaftlicher Gewalt betroffene Person sich trennen, habe sie dazu schlicht keine Chance, entweder weil es keine Wohnungen gibt oder weil die Angebotsmieten zu hoch sind, erklärte auch Lenou Müssig, Koordinatorin des autonomen Berliner Frauenhauses Cocon, in der gemeinsamen Pressemitteilung: »Dann ist ein Schutzplatz ihre einzige Möglichkeit, sich in Sicherheit zu bringen.« Zusätzlich seien die Frauenhäuser weiterhin überfüllt, weil Bewohnerinnen nicht wieder ausziehen können, da sie weiterhin keine eigene Wohnung finden. Das gelte auch, wenn sie den Schutz und die Unterstützung eigentlich nicht mehr brauchen, so Müssig.
Zwar habe der Senat nach Protesten die Kürzung von Fördermitteln zurückgenommen und Mittel für zwei Frauenhäuser bereitgestellt. Doch habe die aktuelle Regierung »Hunderte Angebote gekürzt, die Gewalt verhindern oder zumindest früh erkennen könnten«, weiß Müssig. Gewaltschutzeinrichtungen seien selten der erste Schritt aus einer gewaltvollen Beziehung, »sondern eher der vorletzte«, sagt sie. Für gewöhnlich werden Anzeichen von Gewalt zuerst in Jugendklubs, Frauenzentren oder Sprachcafés – also durch Sozialarbeiter – erkannt, die den Betroffenen dann die richtige Hilfe vermitteln können.
Den Betroffenen droht eine Gewaltspirale oder die Wohnungslosigkeit: »Neben Mietschulden als häufigstem Auslöser von Wohnungslosigkeit geben Frauen häufig auch häusliche Gewalt als Ursache an«, sagte die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe am Donnerstag gegenüber junge Welt. Ein großes Problem sei der gemeinsame Mietvertrag. Willige der Täter nicht in eine Auflösung ein, kommen betroffene Frauen oft nicht aus dem Vertrag heraus und stehen am Ende vielfach ohne eigene Unterkunft da. »Aus Angst vor Gewalt und Übergriffen meiden sie gemischtgeschlechtliche Angebote und gehen statt dessen häufig Zweckbeziehungen ein, die wiederum mit Ausbeutung verbunden sind. Frauenspezifische Schutzangebote ermöglichen es ihnen erst, Hilfe anzunehmen, und machen weibliche Wohnungslosigkeit, die häufig verdeckt ist, überhaupt sichtbar«, berichtete die Bundesarbeitsgemeinschaft.
Es fehle an bezahlbarem Wohnraum ebenso wie an ausreichenden Ressourcen für Frauenhäuser und frauenspezifischen Angeboten. »Wir fordern deshalb eine separate und sichere Unterbringung für Frauen, ausreichend personelle, finanzielle und räumliche Ressourcen für frauenspezifische Angebote sowie vor allem Wohnungskontingente für wohnungslose Frauen und Frauen mit Kindern. Gleichzeitig muss bezahlbarer Wohnraum erhalten und geschaffen werden«, so die Bundesarbeitsgemeinschaft auf jW-Anfrage.
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