Feministische Geschichte an jedem Ort
Von Gitta Düperthal
Das Digitale Deutsche Frauenarchiv (DDF) widmet sich der Aufgabe, die Geschichte der historischen und aktuellen Frauenbewegung öffentlich zugänglich zu machen. Dabei kooperiert es mit anderen Frauenorganisationen: vor allem mit dem Dachverband »i. d. a.« (informieren, dokumentieren, archivieren), der etwa 40 deutschsprachige Lesben- und Frauenarchive, -bibliotheken und -dokumentationsstellen unter sich versammelt. Das DDF digitalisiert und kontextualisiert Materialien des Verbandes, der sich als »Gedächtnis und eines der lebendigen Zentren« feministischer Bewegungen sowie von Frauen- und Geschlechterforschung versteht.
Steff Urgast, Sprecherin des DDF, erklärt das Wirken beispielhaft gegenüber jW: »Man kann also in New York zu jeder Tageszeit in den Tagebüchern der Minna Cauer (1841–1922) blättern« – und tief in die darin behandelten Themen eintauchen: die Frauenbewegung, die Politik der Kaiserzeit, die frühe Weimarer Republik und Cauers Privatleben. Zu erfahren ist, dass sich die Originale im Frauenmediaturm in Köln und im International Institute of Social History in Amsterdam befinden.
Schülerinnen können für ein Referat recherchieren, Studentinnen für eine Abschlussarbeit: Die Webseite funktioniert mit einer Suchmaschine, die auf eine gemeinsame Datenbank mit »i. d. a.« zugreift. Beispiel: Beim Stichwort »Frauenwahlrecht« werden alle Materialien angezeigt, die in beiden Einrichtungen vorhanden sind, ob analog oder schon digitalisiert. Das DDF mache auf seinem Portal auch gern auf Themen aufmerksam, die noch Forschungsbedarf haben, wie etwa das der Frauenbewegung in der DDR, merkt Urgast sichtlich begeistert an. Für gute Auffindbarkeit und Gestaltung erhielt das DDF im Jahr 2019 gleich zwei Preise: den »iF Design Award« und den renommierten »Red Dot«.
Das DDF inspiriert und fordert intellektuell heraus. Zum Beispiel sei zu erfahren, dass Hedwig Dohm mit ihrem Buch »Die Antifeministen. Ein Buch der Verteidigung« schon eine ähnliche Gedankenwelt hatte, wie wir sie heute haben, so die Sprecherin. Dabei ist das Werk im Erstdruck 1902 in Berlin in Ferdinand Dümmlers Verlagsbuchhandlung erschienen.
Das DDF macht Geschichte in erklärenden Texten verständlich: Welche Vereine haben mit welchen Persönlichkeiten interagiert? So lassen sich Beziehungsnetzwerke herstellen. Deutlich werde, dass es nicht die eine Frauenbewegung gebe, sondern viele verschiedene, die miteinander oder mit anderen Bewegungen, etwa ökologischen oder pazifistischen, verknüpft seien, meint Urgast. Grundsätzlich seien alle mit Demokratie und dem Gemeinwohl verbunden.
Über Alice Schwarzers Emma kann man sich informieren oder über die langjährige Konkurrenz Courage, die diskussionsfreudig und frauenbewegt von 1976 bis 1984 in Westdeutschland erschien. Einblick wird ins mitunter wilde Arbeiten im Redaktionskollektiv gewährt. Feministische Subkultur ist vertreten. Etwa Mathilde: das nichtkommerzielle Frauenmagazin für Darmstadt und Region, das mit einer letzten Printausgabe 2025 erschien, aber digital weitermachen möchte. Angesichts der grundsätzlichen Kriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen in Westdeutschland ist die Mitte der 1970er Jahre in Westberlin im Frauenselbstverlag erschienenen Broschüre »Hexengeflüster« Thema: zur Selbstuntersuchung mit dem Spekulum, Absaugmethoden, Kliniken in anderen Ländern und Kürettagen. Zu finden ist sie noch heute im Spinnboden Lesbenarchiv und Bibliothek e. V. in Berlin. In der DDR tauschte man sich in den 1980er Jahren zum Thema mit der Broschüre »Verhütet euch« aus. Möglicherweise könnten solche Erkenntnisse aus feministischer Historie heute bald wieder für etwas gut sein. Beim LUQS – Lesbenarchiv und queere Sammlung Frankfurt, Nachfolger des Frankfurter Lesbenarchivs lasse sich – so Urgast – der Generationswechsel zum Queeren nachvollziehen.
Seit 2020 wird das DDF durch das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend institutionell gefördert, hat den Projektstatus mit permanent prekärer und unsicherer Existenz hinter sich gelassen. Fest angestellte Historikerinnen können dafür sorgen, dass feministische Geschichte nicht in Vergessenheit gerät. Und Urgast fordert noch mehr: Frauengeschichte müsse endlich auch in die Schul- und Geschichtsbücher eingehen.
digitales-deutsches-frauenarchiv.de
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