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Feministische Literatur

Spitze Feder wiederentdeckt

Endlich können wir Polly Tiecks (1893-1975) fulminante Feuilletontexte lesen, die ebenso witzig und ironisch wie feministisch sind

Foto: Atelier Binder
Klare Worte gegen die Gleichsetzung von Mensch und Mann

Haben Sie schon einmal den Namen Polly Tieck gehört oder gar etwas von ihr gelesen? Vermutlich nicht! Aber Sie sollten es nicht versäumen! Gelegenheit dazu bietet nunmehr das im Wallstein-Verlag erschienene Buch »Die Freundin meines Freundes«, das zu einer Wiederentdeckung der forschen Berliner Autorin jüdischer Herkunft einlädt.

Aber wer war diese bis heute überwiegend unbekannte Polly Tieck, die in den »Goldenen Zwanzigern« in Hunderten von Beiträgen der Vossischen Zeitung, des Querschnitts oder der Modenwelt eine scharfe Feder führte? Und auch die Namen Katta Launisch, Lieschen Lassdas und Polly Launisch trug? Drei Frauen in einer, die im wirklichen Leben Ilse Ehrenfried hieß, verheiratete Aufrichtig, geschiedene Falkenfeld.

Zu sehen ist Polly Tieck auf einem Gemälde Lotte Lasersteins mit einer Zigarette und einem Monokel, Attribute, die das Selbstbewusstsein jener »neuen Frau« unterstreichen, die sich als gleichberechtigt empfand und die »modern, selbstbewusst und unabhängig« war. Oder, wie Polly Tieck es »Im Wettbewerb mit dem Mann« ausdrückt: »Hors de concours!« – »Außer Wettbewerb!«

Geboren wurde Polly Tieck als Tochter des HNO-Arztes Josef Ehrenfried und seiner früh verstorbenen Frau Eva. Sie wuchs in Schöneberg und Charlottenburg auf, und eigenen Angaben zufolge fing sie an, amüsante kleine Geschichten zu schreiben, als sie Inhaberin eines Modesalons war.

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Bevor sie gemeinsam mit der Fotografin Elisabeth Dillan jenen Modesalon führte, hatte sie in einer Schneiderei gelernt. Erfahrungen in der Modebranche, die sich in ihren mitunter witzigen Texten wie »Das Berliner Mannequin« – ihrem Debüt – oder »Eine Schneiderin geht ins Theater« widerspiegeln, sammelte Polly Tieck überdies als Direktrice der Ullstein-Schnittmusterabteilung. Überhaupt war die Mode eines ihrer Lieblingsthemen. Hier kritisierte sie den Hang zur Schönheit, der zu einer Art Uniformierung der Gesichter und der Frauen geführt habe. »Mut zur Hässlichkeit« war ihre Empfehlung: »Die Frau brächte erst in neuester Zeit diesen Mut auf, er gehöre zu ihrem Kampf um Persönlichkeit.« Hier richtet sie ihren Blick auf das Äußere weiblicher Angestellter in »Ich werde dünner« sowie in »Wer wird die Schönste?«, in denen sie den Schönheitswahn demaskiert und ein profitorientiertes Schönheitsideal ablehnt.

Gegenüber Kurt Tucholskys Text »Was machen Menschen, wenn sie allein sind?« verwahrte Tieck sich in einem Tage-Buch-Beitrag unter dem Titel »Was macht die Frau, wenn sie allein ist?« gendersensibel gegen die Gleichsetzung von Mensch und Mann. Und auf die Frage, was der Mann unter Liebe verstehe, schrieb sie, es gehe ihm vor allem darum, »geliebt zu werden«. Gegen dieses männliche Anspruchsdenken erhob sie ihre Stimme: »So kann es aber nicht weitergehen. Wir müssen sie (die Männer) besser erziehen.«

In den zur Diskussion anregenden, unterhaltsam-hintersinnigen Texten wie »Sehnsucht nach dem Rock, Erotik« oder »Ich sexappeale, du sexappealst« gilt Tiecks besondere Aufmerksamkeit dem Verhältnis der Geschlechter. Die Rolle der Frau in der Gesellschaft und die Bedeutung weiblicher Sozialisation beleuchtet sie schlaglichtartig etwa unter dem treffenden Titel »Die Kinderstube regiert die Welt«. Die Texte werden zu einem Transportmedium ihrer feministischen Anliegen und Denkanstöße.

In sachlichem Ton schrieb Polly Tieck Gerichtsreportagen à la Gabriele Tergit, widmete sich dem modernen Tanztheater sowie dem Jazz und verfasste ganz nebenbei eine kleine Angestelltengeschichte Berlins. Darüber hinaus leistete sie einen Beitrag zur Emanzipationsgeschichte der Frauen. Bisweilen erinnern ihre Arbeiten an Mascha Kaléko, an Lessie Sachs oder an Irmgard Keun, die in witzig-komischen und mitunter melancholischen Texten »Liebessehnsüchte und nicht erfülltes Begehren« thematisierten sowie »präzise, witzig und sehr eloquent das Gefühl ihrer Zeit« trafen.

Dem Herausgeber ist es zu danken, dass er akribisch die Vita der vom Faschismus ins chilenische Exil vertriebenen Autorin rekonstruiert und die mit leichter Hand geschriebenen Feuilletons in einem Auswahlband offeriert und dem Vergessen entreißt. Schöner könnte man die wichtige Rolle von Frauen in der Kulturgeschichte kaum würdigen.

Polly Tieck: Die Freundin meines Freundes. Feuilletons aus den 1920er Jahren. Herausgegeben und mit einem Vorwort und einem biographischen Nachwort von Hans-Joachim Heerde. Wallstein-Verlag, Göttingen 2026, 362 Seiten, 26 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 10.04.2026, Seite 15, Feminismus

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