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Aus: Ausgabe vom 12.06.2024, Seite 2 / Inland
Friedensbewegung

»Ossietzkys Texte sind brandaktuell«

Friedenspolitische Konferenz in Stuttgart unter dem Motto »Waffen runter, Löhne rauf!«. Ein Gespräch mit Rolf Becker
Interview: Gitta Düperthal
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Schauspieler Rolf Becker auf der 25. Rosa-Luxemburg-Konferenz (11.1.2020)

Am Freitag wollen Sie Texte von dem und über den namhaften Journalisten und Pazifisten der Weimarer Republik Carl von Ossietzky bei der friedenspolitischen Konferenz »Waffen runter, Löhne rauf!« im Gewerkschaftshaus Stuttgart vortragen. Welche Aktualität haben dessen Texte zur Debatte zu Krieg und Frieden?

Ossietzky schrieb diese Texte nach dem Ersten Weltkrieg als Warnung vor einem zweiten. Da nun die Gefahr eines dritten Weltkriegs droht, sind sie brandaktuell. Bei vorherigen Lesungen fragten Gewerkschaftskolleginnen und -kollegen, ob ich Ossietzkys Texte durch aktuelle Formulierungen ergänzt hätte: Der Zusammenbruch der Weimarer Republik erscheint wie ein Vorausspiegel der Zustände der heutigen Berliner Republik. Beispielhaft für die verblüffende Aktualität ist die zunehmende Stimmung einer von der Regierungsseite vorangetriebenen Militarisierung.

Damals wurden ähnliche Debatten zur Hochrüstung eingeleitet wie heute, etwa zum »Taurus«. Zugunsten militärischer Hochrüstung wird fast alles heruntergefahren: Löhne und Gehälter, Renten, Krankenversorgung, Kinderbetreuung in Kitas und Schulen. Vieles ist vergleichbar mit der Endphase der Weimarer Republik. Zu befürchten ist, dass so ein möglicher Weltkrieg losgetreten werden soll, den man Wladimir Putin in die Schuhe schiebt.

Wie meinen Sie das?

Die demagogisch irreführende Aussage »Putins Krieg« ist nur aufrechtzuerhalten, wenn man die vorausgegangene Geschichte unterschlägt. Kritische Kommentare erinnern an Niccolò Machiavellis Philosophie zur Zeit um 1500: »Nicht wer zuerst nach den Waffen greift, ist Anstifter des Unheils, sondern wer die Ursache dafür geschaffen hat.« Vor einem Vierteljahrhundert begann die Ausdehnung der NATO bis an die Grenzen Russlands. Von »militärischen Verteidigungskräften« war die Rede. Es gab den Maidan-Putsch 2014, den Angriff der Westukraine auf die Donbassregion. Versuche der russischen Regierung, für alle Beteiligten eine zufriedenstellende Lösung zu finden, wurden abgewiesen. Ein Versuch, die abgespaltene Krim wieder in die Ukraine zurückzuholen, scheiterte. Europa ist involviert.

Aber eben nicht nur die EU-Staaten sind es. Welche Rolle nehmen aus Ihrer Sicht die USA ein?

Die US-Regierung sieht sich aufgrund der Wirtschaftskrise veranlasst, sich gegen Europa und China als Konkurrenten durchzusetzen. Durch Krieg mit Russland würden die NATO-Staaten Europas ökonomisch ausgeschaltet. Die USA könnten sich aus dem Krieg heraushalten und sich auf die Auseinandersetzung mit China vorbereiten. Bertolt Brecht schrieb: »Wenn wir zum Krieg rüsten, werden wir Krieg haben.« Seine Warnung, der »moderne mechanisierte Krieg, der nichts anderes ist als eine Industrie der Vernichtung«, betrifft uns alle. Als ich so bei einer IG-Metall-Konferenz in Salzgitter argumentierte, stimmten Kolleginnen und Kollegen zu, lokale DGB-Vorstände aber waren verärgert.

Inwiefern können Gewerkschaften denn in ihrem gegenwärtigen Zustand einen Friedenskurs befördern?

Sie sind gespalten. Gewerkschaftsführungen orientieren sich weitgehend an der SPD. Kanzler Olaf Scholz versucht in der Regierungskoalition hier und da zu bremsen, weil er offenbar die drohenden Konsequenzen sieht, bleibt aber eher isoliert. Als Gewerkschaftsmitglieder müssen wir versuchen, unsere Vorstände zu zwingen, ausschließlich die Interessen der Mitglieder zu vertreten. Linke, linksliberale, soziale und sozialdemokratische Kräfte müssen zusammenfinden, was in der Weimarer Zeit misslang.

Wie nehmen Sie die Reaktion der Linken auf die Losung der Bundesregierung wahr, wonach die BRD »kriegstüchtig« werden müsse?

Gruppierungen einer linken Bewegung setzen sich auf unterschiedliche Weise damit auseinander. Die Mehrzahl ist zwar äußerst besorgt, aber das schlägt noch nicht in Widerstand um.

Sie sind 1935 geboren. Was ist aus Ihrer Erfahrung heraus zu tun, damit von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgeht?

Wir müssen nein sagen zu den bereits vollzogenen und noch geplanten Einschnitten in unsere Lebensverhältnisse; auch im Namen unserer Kinder, die um Bildung, Ausbildung, Arbeit und Perspektive fürs Leben betrogen werden. Schluss mit Konfrontationspolitik und Kriegsrhetorik; Verhandlungen statt Waffenlieferungen.

Rolf Becker ist Schauspieler und Verdi-Mitglied

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