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Personalmangel bei der Bundeswehr

Der Propaganda trotzen

Tausende verweigern den Kriegsdienst, ein paar hundert aber widerrufen. Derweil findet die Bundeswehr nicht genügend Freiwillige für die »Litauen-Brigade«

Foto: Marcus Brandt/dpa
Zuletzt protestierten im Mai Jugendliche im ganzen Land gegen die drohende Wehrpflicht (Hamburg, 8.5.2026)

Es muss wahrlich schlecht um die Kriegsbereitschaft stehen, wenn selbst solche Zahlen zu Erfolgsmeldungen aufgebauscht werden: Ganze 402 Kriegsdienstverweigerer haben im ersten Halbjahr 2026 ihre Entscheidung zur Verweigerung widerrufen. Das berichtete am Montag das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) unter Berufung auf das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA). Demnach seien 2023 dort 536 entsprechende Verzichtserklärungen eingegangen, 2024 seien es 626 gewesen, im vergangenen Jahr 781. Bis zum Ende des Jahres rechnet das Amt noch mit einer weiteren Zunahme. Selbst wenn man davon ausgeht, dass im zweiten Halbjahr noch einmal genau so viele Verweigerungen widerrufen werden wie in den ersten sechs Monaten, wären das auch gerademal rund 800 Personen.

Dazu kommt, dass es sich dabei schwerlich um die von der Bundeswehr anvisierte Zielgruppe handelt. Das RND führte in seinem Bericht von Montag zwei Gewährsleute an, wohl um die nötige propagandistische Begleitmusik liefern zu können, ohne selbst Stellung zu beziehen. Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Janosch Dahmen, Jahrgang 1981, habe seine Verweigerung zurückgezogen und sich als Reservist gemeldet – wegen »Putin«. Es könne »nicht nur die Aufgabe der anderen sein, unser schützenswertes Land und unsere freie, liberale Gesellschaft zu verteidigen, wenn sie von ihren Feinden angegriffen wird«, hatte Dahmen Mitte Juli dem Spiegel erklärt. Was genau »schützenswert« sein soll in diesem Lande, wurde nicht näher erläutert.

Ebenfalls dürftig waren die »Argumente« der zweiten genannten Person, des Autors und einstigen Bertelsmann-Managers Stephan Anpalagan, Jahrgang 1984. Das RND zitiert aus einem Interview, das Anpalagan vor rund einer Woche der katholischen Nachrichtenplattform aus.sicht gegeben hatte, wohl um sein neues Buch mit dem Titel »Für den Frieden – Widerruf meiner Kriegsdienstverweigerung« zu bewerben. In dem Gespräch finden sich Sätze wie dieser: »Wenn es einen Völkermord gibt, kommen wir irgendwann mit Reden nicht mehr weiter. Dann braucht es eine militärische Antwort.« Damit meint Anpalagan nicht etwa eine militärische Intervention gegen Israel, um endlich das Morden in Palästina zu stoppen, sondern – wie kann es anders sein – Russlands »Angriffskrieg gegen die Ukraine«.

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Zudem sei sein Vater dement, weshalb er sich gefragt habe: »Was passiert dann mit all den Menschen, die nicht fliehen können, mit den Alten und Kranken – und mit meinem Vater?« Es müsse Menschen geben, die sie verteidigen. So sei sein Wunsch gewachsen, »für Frieden zu kämpfen«. Und weiter: »Pazifismus kann nicht bedeuten, dass wir einem Volk wie der Ukraine, das angegriffen wird, nicht beistehen. Denn zum Kern des Christentums gehören Solidarität, Empathie und Nächstenliebe.« Waffenlieferungen an ukrainische Nazibataillone sind mit dem Christentum offenbar nicht unvereinbar.

Vergangene Woche noch hatte das RND unter Berufung auf das BAFzA berichtet, dass die Anzahl der Anträge auf Kriegsdienstverweigerung in den vergangenen Jahren stark gestiegen sei: von rund 3.000 im Jahre 2024 auf fast 6.000 allein im ersten Halbjahr 2026. Der Welt am Sonntag konnte man zudem entnehmen, dass die Bundeswehr nicht einmal 5.000 Freiwillige für die »Ostflanke« findet – noch immer fehlen rund 2.000 Soldaten für den Aufbau der »Litauen-Brigade«, ein Leuchtturmprojekt von Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD). Manche Einheiten würden weniger als 30 Prozent ihres vorgesehenen Personalumfangs erreichen, zahlreiche weitere weniger als 50 Prozent. Und von 6.000 Dienstposten beim sogenannten Heimatschutz sind laut RND von vergangener Woche rund 1.000 nach wie vor nicht besetzt. Dabei soll die im April 2025 aufgestellte »Heimatschutzdivision« ihrem Kommandeur Andreas Henne zufolge »bis 2035 auf weit über 10.000 Soldaten wachsen«, wie es am Montag hieß.

Der Unwille, in einem künftigen Krieg gegen Russland die Schützengräben (und Massengräber) zu füllen, scheint in der Bevölkerung also nach wie vor stärker ausgeprägt zu sein als die Bereitschaft dazu – trotz propagandistischer Dauerbearbeitung.

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Erschienen in der Ausgabe vom 21.07.2026, Seite 4, Inland

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→ Leserbriefe
  • Reinhard Hopp aus Berlin 21. Juli 2026 um 09:57 Uhr
    Noch nie in der Geschichte der Menschheit haben »Länder« oder gar »Völker« einander einfach »mal so« angegriffen. Kriege wurden zu allen Zeiten von den jeweils Herrschenden als Expansions-, Raub- und Vernichtungskriege geführt. Dabei waren es stets die Länder, die zerstört wurden, und die Völker, die verbluteten, jedoch die Herrschenden, die sich immer wieder daran bereicherten. Warum ist das denn bloß so schwer zu vermitteln?
    • Herbert Münchow aus Leipzig 21. Juli 2026 um 12:18 Uhr
      Eine der wichtigsten Antworten hat Lenin gegeben in seinen »Bemerkungen zu den Aufgaben unserer Delegation im Haag«, LW 33/433ff. Gleich am Anfang heißt es: »In der Frage des Kampfes gegen die Kriegsgefahr im Zusammenhang mit der Konferenz im Haag glaube ich, dass die größte Schwierigkeit darin besteht, das Vorurteil zu überwinden, dass diese Frage einfach, klar und verhältnismäßig leicht sei.« Zu diesem Ausgangspunkt, den Schwierigkeiten des Kampfes gegen den Krieg, kehrte die Kommunistische Internationale wiederholt zurück und hob sie besonders hervor (Komintern und Friedenskampf, Auswahl von Dokumenten und Materialien 1917-1939, Berlin 1985). Ist das Dokument Lenins insgesamt von herausragender Bedeutung, weil es eine ernüchternde Zusammenfassung der Erfahrungen im Kampf um die Verhinderung des Ersten Weltkriegs ist, so soll folgende Stelle besonders hervorgehoben werden: »Das Hauptmittel, die Massen in den Krieg hineinzuziehen, sind vielleicht gerade die Sophismen, mit denen die bürgerliche Presse operiert, und der wichtigste Umstand, der unsere Machtlosigkeit gegenüber dem Krieg erklärt, ist der, daß wir entweder diese Sophismen nicht von vornherein zerpflücken oder, mehr noch, daß wir sie mit der billigen, prahlerischen und gänzlich hohlen Phrase abtun, wir würden den Krieg nicht zulassen, wir verstünden vollkommen den verbrecherischen Charakter des Krieges usw. im Geiste des Basler Manifests von 1912.« Das »Feindbild« bzw. die Bedrohungslüge verfehlen im Zusammenhang mit der durch den Geschichtsrevisionismus entstandenen und geförderten Verwirrung der Köpfe letztlich ihre Wirkung nicht. Als Konsequenz vermerkt Lenin voller Verbitterung: »Man muß insbesondere die Bedeutung des Umstands erklären, daß die ›Vaterlandsverteidigung‹ zu einer unvermeidlichen Frage wird, die die gewaltige Mehrheit der Werktätigen unvermeidlich zugunsten ihrer Bourgeoisie entscheiden wird.« Arbeiterbewegung und Friedensbewegung gehören zusammen, sonst kein Erfolg.
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