Ein kollektives Kunstwerk
Regel und Schönheit: Norbert Elias erklärt den »Fußballsport im Prozeß der Zivilisation«
Im zweiten Viertelfinale der nordamerikanischen Fußballweltmeisterschaft, das Belgien und der Favorit Spanien bestreiten, steht es zwanzig Minuten vor Spielende 1:1, als der Torhüter der Belgier, Thibaut Courtois, verletzt ausscheidet und der Ersatzmann eingewechselt wird: der eben erst 24 gewordene Senne Lammens, der bislang nicht mehr als zwei Länderspiele absolviert hat und zum ersten Mal bei einer WM zum Einsatz kommt. Nach einem Distanzschuss lässt er den Ball, ganz ähnlich wie Oliver Kahn im WM-Finale 2002, abprallen, und der ebenso just eingewechselte Spanier Mikel Merino staubt ab zum Endstand von 2:1; und so lächerlich kann Infantino gar nicht sein, dass wir nicht sofort verstünden, wie es ist, als Torhüter ewig die zweite Wahl zu sein und dann die erste Chance auf Bewährung historisch zu versieben.
Hatte man sich auch zwischendurch des Fußballsports entwöhnt; war man ein Jahrzehnt lang der Ansicht gewesen, mehr als ein halbes Leben müsse niemand mit Fußballschaun zubringen, und hatte die Welt- und Europaturniere, deren Korrupt- und Aufgeblasenheit sowieso jedes Maß überstieg, ruhig an sich vorbeiziehen lassen, so reicht unter Umständen ein dem Sohnemann zuliebe verfolgtes Match für die Einsicht, dass es mit dem Fußball so ist wie mit dem Alkohol oder der ersten Liebe: Ganz los wird man das nie. Norbert Elias, der große Soziologe und Zivilisationsforscher, wusste warum: Es ist die aristotelische Freude an »mimetischer Erregung«, das Bedürfnis nach »Katharsis«. Wir leiden, plan gesagt, mit, und die Schmach des jungen Torhüters, die zugleich das Glück des jungen Siegtorschützen ist, ist die unserer eigenen, niemals verwundenen Fehler, so wie die Angst der deutschen Elfmeterschützen im so desolat verlorenen Sechzehntelfinale die eigene war. Ein Spiel, das die deutsche Mannschaft eigentlich längst gewonnen hatte, wäre nicht Jonathan Tah ein einwandfreies Tor aberkannt worden, demselben Tah, der den Ball im »Shootout« dann in den Himmel drosch …
Man war, um zum Alkoholikerbild zurückzukehren, trocken gewesen, und gleich leuchtete alles wieder ein. Denn siehe: »Spannung und Entspannung im Fußballspiel ist ein – gewiss besonders gelungenes – Beispiel für ein psychosoziales Muster unseres Lebens«, das, mit Hannah Arendt, im wesentlichen aus dieser Abfolge von Anstrengung und Ruhe besteht. »Fußball ist unser Leben«, hieß mal ein Gassenhauer, und die »Weisheit der Schlager« (Ralf Rothmann) soll eins nicht unterschätzen; und der »Kampfsport« Fußball – dies die Hauptthese in Elias’ kleiner, von Suhrkamp frisch aufgelegter Schrift »Der Fußballsport im Prozeß der Zivilisation« – bringt das menschliche Gerangel glücklich in zivilisatorische Form. Was dann auch die Erklärung dafür ist, dass Fußball, das Spiel als solches, auch den Schindluder übersteht, den Politik und Funktionärswesen, Show- und Fernsehbusiness mit ihm treiben.
Denn kaum ist ein Spiel angepfiffen, negiert es als Zivilisationsmetapher, als »Figuration von Menschen, die in einer kontrollierten Spannung zueinander stehen« und Körperkraft und Konkurrenzbereitschaft nach Regeln zähmen, das Gemein-Unzivilisatorische, auch Bösartige, für das es eingespannt wird; und so ist es, folgern wir gern, nicht nur wohlfeile Apologetik, wenn Vereinsbeauftragte nach Fangewalt oder rassistischen Schmähgesängen darauf bestehen, dies habe mit Fußball nichts zu tun. Das Fußballspiel, Elias hat in allem recht, ist »ein kollektives Kunstwerk«, und das kriegen die wahnsinnigen FIFA-»Trinkpausen«, die aus zwei Halbzeiten vier Viertel machen und weniger dem Flüssigkeitsbedarf von Leistungssportlern als einem weiteren Schluck aus der Werbepulle dienen, sowenig aus der Welt, wie es die eigene Skepsis tut, ob Abstinenz nicht doch gesünder war.
Und intelligenter auch; denn Zivilisation ist das eine, die Dialektik der Aufklärung das andere, und jenseits von Elias’ wohlwollender Abstraktion, die wissen will, warum »uns diese Spiele eigentlich soviel Freude« machen, wäre es bloß naiv oder Romantik oder beides, beim Fußballkonsum von den Umständen abzusehen, die der Fußball als »bedeutendste Blödmaschine unserer Gesellschaft« (Markus Metz/Georg Seeßlen) nach Kräften stabilisiert und prolongiert: Jede Diktatur, und sei es die des Geldes, profitiert von ihm, und noch wer den Stadionbau schuftend überlebt, träumt von einer Eintrittskarte. Denn Fußball ist Transzendenz auch für jene, die das Wort nie haben lernen dürfen, aber immerhin der Sonderfall einer Religion, die ihre Dekonstruktion gleich mitliefert: Die obszönen Geldbeträge, die für Stars wie Messi und Mbappé ausgegeben werden, sind ja Verherrlichung und Erledigung des Leistungsprinzips zugleich, wie der zeitgenössische Fußball zwar Kapitalismus ist, aber zumal dessen Karikatur.
Man liest den kleinen Band auch deshalb so gern, weil er auf einen Vortrag aus dem Jahr 1983 zurückgeht. Da hatte Toni Schumacher zwar Patrick Battiston schon aus dem legendären WM-Halbfinale ’82 ins Hospital von Sevilla gerammt, war aber der Fußball, bei aller bereits damaligen Korruptheit seines Weltverbands, noch längst keine so schamlose Plünder- und Scheffelveranstaltung wie heute. Elias’ einfache, klangvolle, die Gesittetheit selbst vorstellende Sätze voll souverän kontrollierter Spannung sind schon formal das schiere Gegenteil entgrenzt vulgärer FIFA-Praxis, die, hört man, demnächst Endrunden mit 64 Mannschaften veranstalten will; Sätze, die an die zivilisatorisch-menschliche Urkraft dieses Überwältigungskinos glauben und das in uns berühren, was mit ihm gebangt, geweint, gejubelt hat, bis Überdruss und Ekel einsetzten. Am Sonntag ist Finale.
→ Norbert Elias: Der Fußballsport im Prozeß der Zivilisation. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2026, 40 Seiten, 8 Euro
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