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25.04.2026
- → Feuilleton
Nur die Ruhe
Aber bitte kein Elefant werden wollen: Der stillschöne neue Sammelband des Schweizer Cartoonisten Ruedi Widmer
Ein deutscher Kollege von mir hat mal einem österreichischen Kollegen von mir zu dessen österreichischer Herkunft gratuliert, denn in Österreich sei man zwar langsam, aber immerhin nicht so langsam wie in der Schweiz.
Ich weiß nicht, wie ein langsamer Cartoon geht. Ist er ein Widerspruch in sich? Wo er doch jenem Witz verpflichtet ist, der, mit Robert Gernhardt, im »Hellen und Schnellen« besteht? »Endlich ist es wieder wie früher«, sagt beim Winterthurer Cartoonisten Ruedi Widmer, meinem Freund und Jahrgangskollegen, ein Mann zu seiner Frau, die beide auf einem Sofa sitzen, das aus Gründen, die wir nicht erfahren, inmitten einer Urzeitlandschaft mit spuckendem Vulkan und raufenden Dinosauriern steht, und okay, das ist jetzt eine grobe Pointe, vielleicht allzu deutlich auf die rechtspopulistische Sehnsucht nach der guten alten Zeit zielend und sie auf die sogenannte Schippe nehmend; oder die Pointe ist genau das, was es dazu zu sagen gibt, der gleichsam ultimative Kommentar, schon weil die Dinos nicht raufen, sondern sich, Naturzustand, auffressen. Langsam ist an diesem Blatt, das den Titelwitz des Sammelbands »Verfassungslos« abgibt, dass sich die Ruhe der zwei Couchkartoffeln auf den Witz überträgt, den, damit Ruhe ist, mal jemand machen musste; wobei der dickste Dino sich bereits anschickt, den Frieden zu stören und die Spießer aus der Zukunft unter die Hufe zu nehmen.
Denn zwar weiß die Theorie, dass Witz kathartisch wirkt und die Konflikte hegelsch aufhebt; dass er das bei Ruedi so akkurat und gediegen tut, weist aber direkt auf den ungelösten Realkonflikt zurück, der nicht daran zweifeln muss, dass Kunst ihn allenfalls sublimieren kann. Es ist viel Melancholie im Spiel, wenn Ruedi die Welt, so sein Stellenprofil, »kurz erklärt«. »Kindheitserinnerungen: Als man im Zug noch schwimmen durfte«, und der Waggon unter der Oberleitung hat folglich ein Schwimmer- und ein Nichtschwimmerabteil. Es gibt Witze, die hängen bei mir an der Wand, weil sie immer wieder lustig sind; dieses Blatt hätte ich gern, weil es über den Witz hinausweist, indem es eine Erinnerung vorstellt, die man nicht haben kann, aber gern hätte. (Davon, unter uns, habe ich viele.) Vielleicht nähern wir uns so der Antwort auf die Frage, was die spezifische, vordergründig widersprüchliche Langsamkeit der Widmerschen Witzwelt ausmacht. Ein Witz, noch einmal, kann ja nicht langsam sein, allenfalls langsam erzählt, was wiederum beim Witzblatt nicht funktioniert, das ja schlicht vorliegt: »Für was mach ich die Stadt schön?« fragt sich der Straßenkehrer vor den urbanen Smombies, die seiner und seiner Arbeit nicht achten, und wieder liegt der Witz darin, dass er das letzte (Kunst-)Wort hat. Dass die Straßenkehrkraft, wie oft bei Widmer das namenlos-öffentliche Personal, geometrisch stilisiert ist, stützt das: Die tausend kulturkritischen Bemerkungen zu Handygebrauch und Social-Media-Sucht sind hier in ein Blatt gesenkt, das zugleich satirischer Kommentar und Metakommentar ist.
Ein Zebra vor dem Menschenstreifen; zwei Pilze, die Menschlein im Korb tragen; drei Speiseeise betrachten eine Angebotstafel mit Menschensorten zu verschiedenen Preisen – das ist das Einfache, das so schwer gar nicht zu machen ist, und wir werden den Teufel tun und das nicht politisch nehmen. In Frage gestellt, gar dekonstruiert wird hier nicht die Seh- und Denkgewohnheit, sondern dass eins noch in Frage stellen kann, dass sie in Frage steht. Die Ruhe, die diese Bilder abstrahlen, da kommt sie her, und vielleicht ist sie der Schweiz, diesem so wohlsituierten wie wohldesignten Land, gemäßer als etwa Österreich. Probehalber sei Ruedi, der die Eidgenossenschaft seit Jahrzehnten mit komischer Ware versorgt, einmal als Schweizer Gegen-Deix definiert: Der zeigte seine verlotterte austriakische Heimat nebst angeschlossener Welt ja als Bestiarium, während Freund Ruedi die Schweiz und das, was über sie hinausweist, durchaus kleiner macht, als sie sich wähnen, und zwar bereits gestalterisch, durch eine Art Kinderstrich, der aber nichts mit der Caricature brute von etwa Rattelschneck zu tun hat; und ja auch kein Kinderstrich ist. Die Verkleinerung von angemaßt Großen ist schließlich die älteste satirische Methode überhaupt, aber darum geht es ja, denn nichts ist so neu, dass es nicht vieux jeu ist, weshalb der Häschenwitz im Psychiaterwitz zu sich selbst kommen kann: »Glauben SIE wenigstens an sich«, empfiehlt der dem Osterhasen, und gleich daneben steht ein Clown vor der neu eingerichteten »Konfetti-Sammelstelle« für rosa, blau, gelb und grün: Hier darf, hier muss er einmal traurig sein, obwohl das Klischee so ranzig ist wie das vom betulichen Schweizer.
Dass Ruedi Widmer dieses Klischee Lügen strafe, wäre genau das Fazit, das seinerseits als Klischee zu gelten hätte. Was hier das Tempo bremst, ist bloß das, was der Fall ist, und der Erfolg des Bandes in der nüchtern-calvinistischen Schweiz muss nicht wundern. »Es gibt Menschen, die davon träumen, zweihundert und mehr Jahre alt zu werden«, erklärt Ruedi eines seiner »letzten Geheimnisse einer rationalen Welt«. Das klinge gut, sei aber ein Problem, denn »ab sechzig beginnen Nase und Ohren zunehmend größer zu werden, was man bei alten Menschen oft deutlich sehen kann. Etwa ab dem 140. Altersjahr sähe der Mensch sehr seltsam aus. Um das 190. Altersjahr herum wird auch klar, warum. Wer nicht stirbt, wird ein Elefant. Deshalb müssen wir vorher sterben, um Mensch zu bleiben.«
Mehr muss man zu »Longevity« und verwandtem Blödsinn nicht wissen. Merci vielmal!
→ Ruedi Widmer: Verfassungslos – Die Welt, kurz erklärt. Edition Moderne, Zürich 2026, 208 Seiten, 24 Euro
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