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Aus: Ausgabe vom 20.11.2021, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

In der Stube

Das größte Fußballspiel aller Zeiten: Stephan Klemm hat das Wunder der »Nacht von Sevilla ’82« in ein Buch gebannt
Von Jürgen Roth
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Im Geiste in Bernstein gegossen: Klaus Fischer (Nr. 8) nach seinem Jahrhundertfallrückzieher

Das Spiel war so groß, so ergreifend und so unbegreiflich, so seelenzerschmetternd und so seelenaufhellend, dass ich bis heute nicht darüber habe schreiben können. Ich habe über viele Spiele geschrieben und sie zum Teil wie Erzählungen zu behandeln versucht (obwohl das im Grunde einem riesigen Unfug gleichkommt, denn das Spiel – sogar ein fades Spiel – ist immer größer als die wie auch immer geartete künstlerische Bearbeitung). Aber über dieses Spiel, das Spiel, habe ich bis heute nicht geschrieben – weil das nicht geht. Es geht nicht. Man kann es probieren, man wird sich lächerlich machen.

Stephan Klemm hat es getan und ein ganzes Buch über das größte Fußballspiel aller Zeiten geschrieben. Es heißt »Die Nacht von Sevilla ’82 – Ein deutsch-französisches Fußballdrama« (Kellinghusen 2021), und Klemm macht sich nicht lächerlich. Ich habe die 190 Seiten an einem Stück gelesen, es ging nicht anders.

Wenn ich mir das Coverfoto ansehe, ist alles wieder da: in der Bildmitte Klaus Fischer mit nach oben gerissenen Armen, vom Tor der Franzosen abdrehend, um zwanzig Grad nach vorne geneigt. Von rechts rennt Uli Stielike auf ihn zu, die Arme ausgebreitet, um gleich ein Gottesgeschenk an sich zu drücken. Links, leicht im Hintergrund, der jubelnde Karl-Heinz Rummenigge, dessen Oberschenkelmuskeln fast zu platzen scheinen. Und zwischen ihm und Fischer Michel Platini in aufs höchste angespannter Halbhocke, zornverzerrtes Gesicht, schreiend: Das kann nicht wahr sein! Das kann – nicht – wahr – sein!

Gerade hatte Klaus Fischer – in der 108. Minute – mit einem Jahrhundertfallrückzieher das 3:3 erzielt.

Doch, in einer kleinen fränkischen Kulturzeitschrift habe ich mal sehr kurz wenigstens über die Umstände geschrieben, unter denen ich am 8. Juli 1982 das WM-Halb­finale zwischen Deutschland und Frankreich geschaut habe (»geschaut« ist das falsche Wort, mir fällt allerdings das richtige nicht ein), und ich probiere es jetzt noch einmal.

Ich war vierzehn Jahre alt, und ich saß – es waren Sommerferien – allein in der engen Stube im Haus meiner Großeltern. Allein. Warum allein? Warum fläzte mein Vater nicht im alten Sessel vor der Querwand? Und warum durfte ich um 21 Uhr noch fernsehen?

Ich hockte auf einem dieser harten Bauernstühle, in denen die schöne Spröde des mittelfränkischen ländlichen Lebens Gestalt gewinnt, und starrte auf einen Schwarzweißfernseher, der einen halben Meter vor mir auf einem Tischchen stand und kaum größer als ein Schuhkarton war. Die Antenne musste ich wiederholt justieren, weil das Bild von Zeit zu Zeit zu grieseln begann, und die Rollos waren, obwohl Hochsommer, heruntergelassen. Schon gegen sieben Uhr pflegte die Großmutter zu sagen: »Etz wird’s Nocht«, und sie verriegelte die Fenster, die Augen des Hauses, vor der Welt. Ich glaube, dass sie oft Angst hatte, eine diffuse Angst, und das ist ein bedrückender Gemütszustand.

Warum saß ich in dieser Stube, der guten Stube, im Wohnzimmer, das eher eine Kammer war, allein vor dem Fernseher?

Über die Jahre habe ich immer wieder darüber nachgedacht. Es blieb mir ein Rätsel. Ein Fußballspiel ohne meinen Vater gucken? Unmöglich. Aber so war es gewesen. Waren meine Eltern bei Freunden eingeladen? Gut, mein drei Jahre jüngerer Bruder dürfte schon im Bett gewesen sein, und meine Großeltern gingen früh schlafen. Trotzdem: Warum saß ich bis kurz vor Mitternacht allein vor diesem Schuhkarton, der alles war, die ganze Welt, und wurde, allein mit und allein bei mir, Zeuge, wie Horst Hrubesch den letzten Strafstoß des Elfmeterschießens verwandelte (rechts unten schoss er hin, als sei es das Selbstverständlichste) und danach wie ein freundlicher Riese aus einem Märchenreich über den Platz sprang, und der Boden in der Kammer zitterte, nein, er bebte, er bebte wirklich, der Fußboden dieser Kammer in diesem Bauernhaus, er zitterte, bebte, er barst fast, so war es?

Stephan Klemm ist praktisch so alt wie ich, wir teilen also gewissermaßen die Kohortensicht auf das damalige gesellschaftliche Fluidum in der BRD. Es war gemütlich, wohlig, es ging alles langsam vonstatten, die Bahn funktionierte. Da war bloß der Sowjet, aber vor dem hatte ich nie Angst, Angst hatte ich nur manchmal vor den Raketen der NATO.

Alles, was heute zum Kotzen ist und das Leben aufs tiefstgreifende verdirbt, gab es nicht. Es gab keine viertausend Fernsehkanäle, die rund um die Uhr senden, es gab kein Privatradio und kein Pay-TV, es gab keine Dreckshandys und keine Kloake namens Internet, es gab noch Zeitungen, die man teilweise so nennen konnte. Es gab keine megalomanischen Södolfs und Merkels und Baerböcke (es gab Wehner, Brandt, Schmidt und Strauß, sogar ein paar Kommunisten und nicht wenige Pazifisten trieben sich herum), überhaupt gab es keine »Digitalisierung« und keine »Globalisierung«. Ich frage mich bisweilen, warum wir nicht allesamt in Erdlöchern verkümmerten (in denen wir dann allerdings Bücher hätten lesen können, in denen man nicht auf jeder Seite dreißig Setzfehler gefunden hätte).

In diese Zeit fiel dieses Fußballspiel, es fiel vom Himmel. (Dass sich drei Monate später Helmut Kohl im Verbund mit der Fuck-FDP an die Macht putschte, war übrigens ein ziemlich guter Witz des Weltgeistes.) Es war eine Zeit, in der Fußballspiele die Kraft, die potentia in sich trugen, einen Mythos zu gebären und zu formen. Sie dauerte fortan noch genau bis zum Mai 1999 an, als innerhalb von drei Tagen erst der FC Bayern in Barcelona gegen Manchester United das Champions-League-Finale auf die ungeheuerlichste Weise verlor und dann der 1. FC Nürnberg am letzten Spieltag der Bundesligasaison das Unmögliche möglich machte und abstieg, indem er in negativer Genialität Tragik und überirdische Dummheit miteinander vermählte.

Es mag eine steile These sein, doch ich behaupte: Mit dem Einbruch des »Digitalen« in die Privat- und in die öffentliche Sphäre – um die Jahrtausendwende herum – war es mit dem Fußball vorbei. Er verlor seine Kostbarkeit und nach und nach die Unwägbarkeit, und die Spieler begannen sich in Maschinen zu verwandeln, überwacht, analysiert, »optimiert« auf der Grundlage der vermaledeiten »Daten«. Nein, selbst das 7:1 in Brasilien sticht da nicht (mehr) heraus (obwohl der geschätzte Christian Eichler ein ganzes Buch darüber geschrieben hat). Was ist denn ein top­frisierter Passautomat wie Toni Kroos gegen einen aufopferungsvoll kämpfenden Mann wie Wolfgang Dremmler, den ich besonders mochte?

Stephan Klemm nimmt sich Zeit. Das ist das Überragende an diesem Buch: dass es sich Zeit nimmt, dass es den zeithistorischen Rhythmus in sich aufnimmt, dass es in seiner trägen Detailversessenheit die frühen achtziger Jahre inkorporiert, dass Kleinigkeiten ein enormes Gewicht besitzen. Ab und an fällt das ein bisschen sehr minutiös und buchhalterisch aus (»um 0.06 Uhr, der Tag des Halbfinales war gerade angebrochen, betrat Uli Stielike als erstes Mitglied des deutschen Teams die neue Unterkunft in Sevilla«), aber Klemms protokollarisch-kontrastives Verfahren, seine Genauigkeit zeugt von tiefer Hingabe. Das gänzlich Unerwartete und Unwiederbringliche in seiner ganzen Gestalt, die Entstehungsgeschichte und Folgen zwingend einschließt, vor dem Vergessen zu retten, das ist ein Akt der, besser: ein Ausdruck von Liebe. (Ich möchte ausschließlich solche Bücher über Fußball lesen: Bücher, die es wagen, die Komplexität sportlicher Wundergeschehnisse in der Linearität der Schrift zu binden. Sie dürften indes, pardon, ein wenig präziser lektoriert sein. Die zahlreichen Katachresen und krummen Sätze haben mich irgendwann etwas geärgert, sei’s drum.)

Klemm findet zu Recht lobende Worte für den antiautoritären, einfühlsamen Nationaltrainer Jupp Derwall (man halte ein gegenwartssymptomatisches asketisch-lusthassendes Monster wie Thomas Tuchel dagegen). Er mokiert sich nicht über das heute unvorstellbar legere WM-Vorbereitungslager am »Schlucksee« im Schwarzwald. Dazumal haben sie alle gesoffen und gequalmt, auch das hörte – offiziell – nach der Jahrtausendwende irgendwann auf, als die Hypokrisie des kapitalgetriebenen Fußballbetriebs Raum zu greifen begann, die sich dieser Tage in geheuchelten Gesten aufspreizt (Hinknien gegen den teuflisch wütenden Rassismus, Herzhandzeichen zugunsten intimer Sexualangelegenheiten, Sprachrobotik am und vor dem Mikrofon).

»Was für ein Spiel«, schreibt Stephan Klemm in der Einleitung, und mehr lässt sich ja gar nicht sagen über diese Partie im Estadio Rámon Sánchez-Pizjuán am 8. Juli 1982 zu Sevilla. Oder?

Die Nacht in der fürchterlich schönen Spröde, die Nacht eines numinosen Alleinseins. Ich habe jede einzelne Spielszene wie bewegte Skulpturen vor Augen. Der Elfmeter für die Franzosen in der ersten Hälfte, ein paar Minuten nach Littbarskis herrlich strammem Flachschuss zum 1:0, war ein Scherz. Den gibt kein Dorfschiedsrichter. Kurz darauf wahnwitzige Chancen von Littbarski (den Klemm rechtens als wahrlich guten Menschen porträtiert) und Bernd Förster. Und die angebliche Neonazibestie Toni Schumacher (seither von Depressionen geplagt – das darzustellen: ebenfalls ein Verdienst von Stephan Klemm, der nicht richtet, sondern unterrichtet) wird vor der Pause von einem französischen Angreifer übel angerempelt und -gegangen. Das könnte der Auslöser für sein entsetzliches Foul an Patrick Battiston gewesen sein, in der 57. Minute. Stephan Klemm ist das durchgerutscht. Das macht nichts. Wir sind alle fehlbare, schwache Wesen.

Es war eine welterfüllte Verschwiegenheit in der Dunkelheit, die Welt ward hereingereicht von diesen laufenden, mitunter unscharfen Schwarzweißbildern, Rolf Kramer setzte die Worte wie Gedichtzeilen, niemand außer mir war da, niemand schrie, ächzte, schimpfte, es waren fast drei Stunden voller antikischer Poesie, ohne dass ich auch nur eine Ahnung davon besessen hätte, was dichterisch besungene Ruhmestaten sind – nämlich das, was bezeugt, dass jenseits der Mühen der Ebene so etwas wie Leben stattfindet. Ich übersetzte mir dieses Spiel in meinem Inneren (wo denn sonst?) in homerische Verse, während ich es sah. Eine intrapsychische Emanation – nirgendwo dokumentiert außer in meinem Gedächtnis (das ja Gott sei Dank nach wie vor nicht durch eine Festplatte oder eine Cloud ersetzt werden kann).

Das Turnier war aus deutscher Sicht natürlich zunächst die reine Scheiße gewesen (aus französischer dito, die Equipe hatte eine genauso katastrophale Vorrunde gespielt). Vor drei Jahren saß ich biersaugend mit Manni Breuckmann in der Düsseldorfer Altstadt. Wir plauderten:

»Das tollste Fußballspiel, das ich jemals gesehen habe, war das Halbfinale ’82 gegen Frankreich, mit dem Elfmeterschießen. Uli Stielike verschießt, und Rolf Kramer sagt: ›Er darf nicht nachschießen.‹ Pause. ›Er war einer der Besten in diesem Turnier.‹ Mehr nicht. Mich ergreift das.« – »Ja, das hat was, das stimmt.« – »Er hat dem Drama Luft gelassen.« – »Da saß ich mit Armin Hauffe und Kurt Emmerich in einem Hotel in Barcelona, und aus Wut darüber, dass die Klimaanlage nicht funktionierte, haben wir die Minibar illegal leergesoffen. Und wir waren sowieso total sauer auf die deutsche Mannschaft. Ich hatte so tolle Spiele wie gegen Algerien und gegen Österreich gehabt – die peinliche Niederlage gegen Algerien und den unsportlichen Nichtangriffspakt mit Österreich, als sich die Mannschaften nach einer Viertelstunde nur noch den Ball zuschoben, weil das Ergebnis für beide passte.« – »Das hast du übertragen?« – »Ja, zusammen mit Armin Hauffe. Das war eine persönliche Beleidigung für einen Radioreporter. Denn im Gegensatz zu Eberhard Stanjek …« – »… der dann aus Protest nicht mehr kommentierte …« – »… der im Fernsehen einfach mal zehn Minuten Pause gemacht hat, war uns das ja leider nicht möglich. Und dann gehst du hinterher zu so einem Sympathieträger wie Mayer-Vorfelder, und der sagt, jede Mannschaft habe das Recht, so zu spielen, wie sie es wolle. Dann ist für den das Thema beendet gewesen. Das war ein sehr unerquicklicher Tag. Die hatten sich untereinander abgesprochen – mit Ausnahme von Schoko Schachner, dem österreichischen Stürmer. Der hatte das nicht begriffen oder nicht mitbekommen. Den mussten die ein paarmal mit zwei, drei Leuten festhalten, weil er immer ein Tor schießen wollte. Das sollte er aber gar nicht.« – »Das Spiel war reiner Beckett.« – »Das stimmt. Und hinterher hielt Klaus Fischer noch seinen nackten Arsch an die Scheibe des Autobusses, gegenüber irgendwelchen Fans, die draußen schimpften und protestierten.« – »Das wusste ich gar nicht.« – »Das war ein einziger Skandal.«

Klaus Fischer, der Kaiser des Fallrückziehers. Gegen die Schweiz hatte er ein paar Jahre zuvor, am 16. November 1977, ein metaphysisches Ding ins Netz gezimmert – der Schalker Mittelstürmer lag neun Meter vor dem Tor wie vom Lineal gezogen quer in der Luft –, der Treffer war von deutschen Fernsehzuschauern hernach zum »Tor des Jahrhunderts« gewählt worden. Man gucke es sich auf Youtube an – ein Vorbote dessen, was am 8. Juli 1982 folgen sollte, in der, wie erwähnt, seraphischen 108. Minute, ich habe diese 108. Minute stante pede im Geiste in Bernstein eingeschlossen. Ich habe aber vorher schon Klaus Fischers 4:1 gegen die Schweiz für alle Zeiten in meinem Hirnkasten versteckt, und ich glaube, dass meinem Vater, mit dem ich, gehüllt in einen Bademantel, das Spiel im Wohnzimmer in Bonn-Bad Godesberg ansehen durfte (die Mutter war nicht dabei, sie pfiff wie eh und Pressefoto Baumann/imagoje auf Fußball), die Zigarette aus der Hand flog, als er in vulkanischer Begeisterung vom Sofa aufsprang. Mein fünf Jahre älterer Bruder war wie stets nicht anwesend, er interessierte sich einzig für den HSV und kein Jota für die Nationalmannschaft, und er war, es war ein Mittwoch, vermutlich beim Schwimmtraining im Kurfürstenbad. Mein jüngerer Bruder schlief, und meine Schwester – ja, wo war meine Schwester?

Ich weiß lediglich dies mit Gewissheit: Fußball war für mich als Kind allezeit eine unausgesprochene Komplizenschaft mit meinem Vater, der sich beim Fußball aufregen konnte wie ein Stier und immerzu Tobaccodampf ablassen musste.

Warum war ich allein? Am 8. Juli 1982? Und warum habe ich mich nicht bedrückt gefühlt? Warum empfinde ich dieses Alleinsein seither als Geschenk? Weil die Einsamkeit, durch die hindurch sich unzählige Drähte der Imagination nach draußen, weit unten nach Südspanien spannten, eine Intensität der Wahrnehmung ermöglichte, die die Geborgenheit vergessen ließ zugunsten eines Beheimatungsgefühls qua Verlorenheit? (Ein dialektischer Trick der Welt? Mein Vater sagt, sie, die Welt, sei »grundlos dialektisch« eingerichtet. Damit ist er klüger als Engels, weil er den Schopenhauer hinzudenkt. Weder Engels noch Schopenhauer hat mein Vater studiert. Man muss beide nicht gelesen haben, um weise zu sein.)

Stephan Klemm rekonstruiert alles. Er hat Spieler befragt – deutsche wie französische –, er hat Kulturwissenschaftler konsultiert und Zeitungsarchive durchforstet. Man wird über Sevilla 1982 nie mehr etwas anderes lesen müssen als sein Buch (man muss notabene gar nichts lesen, man sollte leben). Er ist diesem Mirakel vom 8. Juli so sehr auf den Pelz gerückt, wie man eine Unwahrscheinlichkeit überhaupt nur zu enträtseln versuchen kann. Einmal zitiert er den eigentlichen Kapitän Karl-Heinz Rummenigge (nominell war an diesem Tag Manfred Kaltz Kapitän), der kurz vor dem 3:1 der Franzosen in der Verlängerung eingewechselt wurde, mit einem wahrhaft großen Satz: »Das ist die Psychologie des Fußballs.«

Der heroische Rummenigge sagt es gegenüber Klemm: Das seien die besten, die größten dreiundzwanzig Minuten gewesen, die er jemals absolviert habe. Sein Tor zum 3:2, mit dem Außenrist erzielt, kann kein Mensch geschossen haben. Und ihm voraus ging einer der großartigsten Spielzüge, die ich jemals gesehen habe.

Ich mag das Internet ab und zu ja doch. Tausende Kommentare unter den Match­ausschnitten auf Youtube, verfasst von Damen und Mackern aus aller Herren Länderinnen. Ich habe sie eingeatmet, einen ganzen Tag lang. Es war wie eine Beseelung. »The extra time period in this match is unparalleled.« – »The greatest game of football ever played.« – »The most memorable match ever.« Und ein Franzose schreibt (die Franzosen, versichert Stephan Klemm, können sich dieses Spiel, das Spiel nach wie vor nur bis zum 3:1 anschauen): »Ich sehe immer noch das Gesicht von Rummenigge vor mir, als er das Feld betritt. Es sagte: ›Jetzt ist Schluss mit lustig.‹«

Ein Engländer führt sechs Gründe auf, warum das Spiel das größte aller Zeiten gewesen sei: »Qualität, Crescendo, ständiges Auf und Ab, Gegensätze, Drama, Tragödie.«

Und Glück. Das ozeanische Gefühl von Glück.

Warum kauerte ich allein in dieser dunklen Stube im alten Haus meiner Großeltern auf diesem harten Bauernstuhl, hineinstarrend in die farblose Welt, alle Sehnen und Muskeln zum Bersten angespannt wie Karl-Heinz Rummenigges Oberschenkel?

Ich habe in dieser Angelegenheit zum wiederholten Male mit meinen Eltern telefoniert. Nun ist wohl klar, dass es so gewesen sein muss: Mein älterer Bruder war in Bonn. Meine Schwester war in Bonn. Mein jüngerer Bruder war im Bett (altersgemäß). Meine Großeltern schliefen. Meine Mutter pfiff auf Fußball und hatte sich schlafen gelegt. Und mein Vater war zurück nach Brunssum gefahren, um im NATO-Hauptquartier Mitteleuropa den Russen in Schach zu halten.

Ich verdanke dem Kalten Krieg drei elysische Stunden, die mich für immer innerlich wärmen werden.

Jürgen Roth, Jahrgang 1968, ist Schriftsteller und Sprachwissenschaftler. Er ist regelmäßiger Autor des jW-Feuilletons und einziger Träger der jW-Ehrennadel für hervorragende Sportberichterstattung. Zuletzt schrieb er an dieser Stelle in der Ausgabe vom 17./18. Juli 2021 über Sprachverwüstung und -auflösung im deutschen Fußballjournalismus

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  • Leserbrief von Jürgen Marschall aus Weimar (25. November 2021 um 11:33 Uhr)
    Hallo Namensvetter! Ich habe dasselbe Fußballspiel auch verfolgt, allerdings unter völlig anderen Umständen, nämlich sozusagen von »der anderen Seite«. Zu der Zeit diente ich als Offiziersschüler der Grenztruppen der Deutschen Demokratischen Republik (im Felde unbesiegt!) an der Offiziershochschule »Rosa Luxemburg« in Plauen. Weil der Fernsehraum gerammelt voll war, standen die Fenster offen. Die gewesene »Kaiser-Wilhelm-Kaserne« lag mitten in einem Wohngebiet. »Unsere« darin lebenden »prächtigen sozialistischen Menschen« folgten dem Ballspektakel natürlich auch – der sommerlichen Hitze geschuldet bei offenen Fenstern. Wir haben natürlich den Franzosen den Sieg gewünscht – ohne dass uns das jemand befohlen hätte. Es gab auch kein Jubelverbot zugunsten der Edelgermanen. Es war irgendwie selbstverständlich, dass wir für Frankreich waren.
    Bei Littbarskis 1:0 war klar, worauf die Sache hinauslief: Der Pöbel in den umliegenden Wohnstätten beblökte und beschrie den vermeintlichen Triumph der »Unsrigen« gegen die »Froschfresser« – wenn ich auch nicht beweisen kann, dass genau diese Vokabel fiel, ist doch mit »an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit« davon auszugehen. Die Unterscheidung von »Unsrigen« und »Hiesigen« wurde mir erst später bewusst, als ich im Eichsfeld diente, das ja von einem besonderen Menschenschlag bewohnt wurde – und wird. Näher erläutern muss ich das, glaube ich, nicht. Dazwischen lag dann noch Schuhmachers Jahrhundertfoul, im normalen Leben geht man dafür wegen vorsätzlicher schwerer Körperverletzung in den Knast, aber hier und jetzt war das angeblich »Sport«. Später hat »der Toni« das immer schelmisch weggegrinst – und wirklich böse war ihm in Deutschland (die Zonis musste man ja dazurechnen – außer uns Grenzern jetzt) ja auch niemand. Ich glaube sogar, dass die »sozialistischen Menschen« auch diese grobe Unsportlichkeit hämisch bejubelten. Für uns jedenfalls wurde »der Toni« an diesem Tag zum wahren Gesicht des deutschen Imperialismus. Der Schuhmacher soll depressiv gewesen sein, lieber Namensvetter, das hast Du exklusiv.
    Leider hat uns der Sportkamerad Marius Trésor ziemlich lange warten lassen, bis wir in der 92. Minute mit passender Münze zurückzahlen konnten. Draußen herrschte Totenstille, wir in unserem Fernsehraum wären fast die Trompeten von Jericho geworden und hätten die ganzen Philister- und Pharisäerbuden zum Einsturz gebracht. In hoffnungsvoller Spannung verfolgten wir die Verlängerung. Der damals noch geniale Mittelfeldregisseur und noch nicht korrupte fette Funktionär Michel Platini ließ dann eine allgemein feuchtfröhliche Abendgestaltung in den Bereich des Möglichen rücken. Und nach dem 1:3 durch Dribbelkünstler Alain Giresse wussten wir, dass Schadenfreude die reinste und schönste Freude ist. Dass die Nummer noch in die Hose geht … Aber der spätere Uhrenschmuggler Rummenigge – ist der eigentlich vorbestraft? – und Klaus Fischer (gegen den man nun wirklich nix sagen kann, das Ding war einfach nicht von dieser Welt). Nun ja, Elfmeterschießen war ja noch – und da ging das Lärmduell erst richtig los –, es gab an der OHS ja mehr als einen Fernsehraum, wir waren damals so um die 1.000 Mann, genau weiß ich das nicht mehr. Tja, wie heißt es in Goethes »Egmont«: »Himmelhoch jauchzend – zu Tode betrübt.« Die Équipe tricolore hatte sich am Ende selbst besiegt, die Boches waren nicht besser.
    Der Fußball hatte ja schon öfter in den Klassenkampf eingegriffen: Man denke nur an das »Wunder von Bern«, wo rotztütenüberhebliche Ungarn dem NSdAP-Mitglied Nr. 2208548 Sepp Herberger ebenfalls zu einem völlig überflüssigen Erfolg verhalfen. Dies löste einen großen Impuls zur psychologischen Konsolidierung der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft aus, schuf sozusagen die immaterielle Grundlage des »Wirtschaftswunders«. Und die Brüder und Schwestern im Osten fühlten sich natürlich mitgemeint und identifizierten sich eher mit den westdeutschen Siegern als mit den einheimischen, nun ja … Da war auch der DDR-Obersportler Manfred Ewald keine Hilfe, der hatte es lieber mit ebenso spindeldürren wie kindlichen Sportgymnastinnen und hasste Fußball. Dieser passte ja auch nicht so gut in seine »Medaillenökonomie«, genau wie Eishockey. Verwundern muss uns dabei, dass selbst Erich Mielke gegen Ewald machtlos war. So konnte auch der WM-Sieg von 74 keine dauerhafte Wirkung entfalten, zumal ja Protagonist Sparwasser kurz vor Toresschluss noch republikflüchtig wurde. Tja. Woran scheiterte der Sozialismus: erstens am schlechten Fußball des Ostblocks, zweitens an Egon Bahrs »Aggression auf Filzlatschen« und drittens an Gorbatschow (ob der nur dämlich war oder da mehr dahintersteckt …).
  • Leserbrief von Wolfgang Kroschel (22. November 2021 um 13:07 Uhr)
    Dieses Jahrtausendspiel, das uns im »Ostblock« vorenthalten wurde, hatte ja an diesem Tag noch ein anderes wichtiges Ereignis in petto. »Der Russe« hatte schon alle Atomraketen aus den Silos geholt und in Stellung gebracht. Da plötzlich ging die Nachricht durch das NATO-Hauptquartier Mitteleuropa: »Der Vater von Jürgen Roth ist gekommen, um den Russen in Schach zu halten!« So musste »der Russe« klein beigeben. Der Kalte Krieg aber ging weiter, dessen »elysische Stunden« den heranwachsenden Sohn des Schachspielers von Brunssum »für immer innerlich wärmen«. Danke, Kalter Krieg, danke der »Zeitung für den Frieden«.
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Marco M. aus Weimar (25. November 2021 um 12:41 Uhr)
      Siehe meine Auslassungen oben: Das Spiel wurde – wie alle WM-Spiele – dem Ostblock nicht vorenthalten, das DDR-Fernsehen gab viele Devisen für internationale Sportereignisse aus! – Und ich fand den Beitrag des Genossen Roth eigentlich recht launig. Seine ironische Distanz zur Sache und sich selbst war eigentlich kenntlich.

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