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Literatur

Zurück oder voran

Ken Mertens »Kleiner als drei« als dialektischer Brief-, Bildungs-, Kuba- und Gegenwartsroman

Foto: Marie-Kristin Boden
»Grundlos glücklich: Das ist der Schwachsinn der BRD« – Ken Merten

Sicher kann man den neuen Roman von Ken Merten auch ohne den neuen Roman von Lukas Rietzschel verstehen, aber es lohnt, hier ein bisschen auszuholen. Beide sind in ihren Dreißigern, beide in Ostdeutschland geboren, bei beiden ist der Osten Thema; der Unterschied findet sich in Rietzschels »Sanditz«, laut Eva Menasse im »Literarischen Quartett« mal wieder »der große DDR-Roman«, auf der Impressumsseite: »Die Arbeit an diesem Roman wurde durch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen unterstützt. Der Text entstand auch während Stipendienaufenthalten in der Villa Aurora (Los Angeles, USA) sowie in der Casa Baldi (Italien). Der Autor dankt für die vielfältige Unterstützung seiner Arbeit«, eine Unterstützung, die sehr viel mehr mit dem Sujet zu tun haben dürfte als mit einer Form, die über das Gängige hinauswiese; schließlich soll der literarische Nachwuchs ermuntert werden in dem Bemühen, die DDR nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Heißt: den Westblick darauf auch in Zukunft zu ermöglichen.

Zwar lässt sich Rietzschel zugute halten, dass er sich Mühe gibt und per Multiperspektivik und Zeitebenenwechsel ein »Panorama« (Klappentext) probiert, und der MDR bescheinigt Rietzschel sogar, »Klischees auf den Kopf« zu stellen. Doch so beflissen die Architektur, so sterbensfad die Sätze; so fad sind sie, dass es nicht mal gelingen will, die Fadheit an einem besonders faden Satz zu beweisen. Durchhalten lässt sich das nur, wenn man stilistische Schlichtheit für Poesie hält und von Büchern in der Hauptsache erwartet, dass was drinsteht.

In jeder Hinsicht anders ist Ken Mertens »Kleiner als drei« (siehe Vorabdruck in jW vom 4. April 2026), schon weil der Roman ohne Unterstützung entstanden und in der Welt ist, ohne Villa Aurora, ohne Literarisches Quartett, ohne Aussicht auf mehr als einen Achtungserfolg bei Eingeweihten. Merten ist in der DKP, also unsichtbar, auch wenn sein zweiter Roman Rietzschels Satzgestapel sehr weit hinter sich lässt. »Kleiner als drei« ist ein intellektuelles Vergnügen, und wenn, wie ja schon bei DDR-Autoren, ein DDR-Roman dazu animieren sollte, über den Sozialismus nachzudenken, dann hat Merten mit seinem Brief- einen DDR-Roman geschrieben, auch wenn der Arbeiter-und-Bauern-Staat zur Zeit der Handlung seit einer Generation Geschichte ist.

Kira und Ben kennen sich seit Kindertagen im Erzgebirge. Kira ist immer noch jung und als glühende Kommunistin nach Havanna abgehauen (»zu spät geboren – um die DDR zu ­erleben, muss man nach Kuba«); Ben, der in jeder Beziehung Ältere, sitzt als Youtuber und »Hatefluencer« da, wo er herkommt, in der ärmsten Gemeinde Deutschlands. Schon das ist gut angelegt, denn dass die beiden sich seit Ewigkeiten kennen und auch mal ein Paar waren, verhindert, dass »Kleiner als drei« zum bloß moralischen Gut-Böse-Spielchen wird. Merten hat in Havanna studiert, aber wir werden den Teufel tun und ihn mit Kira verwechseln, auch wenn ihre Begeisterung glühend kommunistisch ist: »Im Sozialismus werden alle Freuden mindestens verdreifacht, hör mir zu. Und das kann mitunter schmerzhaft sein, aber anders als die Tiefkühlpizza von Wagner, die dir Zufriedenheit vermittelt, weil sie deine Erwartungshaltung nach unten korrigiert (…) Grundlos glücklich: Das ist der Schwachsinn der BRD«, »Erwartungshaltung« übrigens auch, aber das sind läppische Einwände, denn lesbar hat Merten Schernikau und Dath intus, und dass auch Kiras antikommunistischer Exfreund so klingt, als hätte er’s, mag man als Schwäche der Figurenrede buchen, unterstützt aber eher die Vermutung, dass hier ein dialektisches Selbstgespräch auf Engelchen und Teufelchen verteilt worden ist.

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»Das ist das, was ich nicht an dir schätze«, schreibt Ben also Kira: »Nicht etwa, dass du denkst, sondern dass du das Denken anderer denkst und das dir den Kopf zerbricht. Dass du ideologisch bist, weltanschaulich, und nicht politisch. Du bist, bei aller Liebe, die dümmste kluge Person, die mir je untergekommen ist.« Mag sein, dass es sich bei Ben genau anders­herum verhält; der ist zwar eine elaborierte Version des gesunden Volksempfindens (»Minarette im Schnee und Juden in Palästina. Ich denke dran, dass Schmutz nur schmutzig ist, wenn er am falschen Platz ist, sonst aber stimmt er«), in der Hauptsache aber bloß zynisch, denn »die Realität ist nunmal (!) rechts«, und man kann ja finden, Zynismus sei allemal Realitätssinn, gepaart mit Resignation: »Was sagt uns dein Surrealsozialismus mit seinen gefloppten Experimenten denn, außer dass nicht alles zu planen und nicht alles neu einzurichten geht? Woher kommen die denn nach Deutschland, wenn nicht aus gescheiterten Staaten? Solches Chaos lässt sich nicht beheben, man kann nur versuchen, es nicht reinzulassen, sonst muss man sich mit jeder Plage und ihrem Herd herumschlagen, die die Erde zu bieten hat. (…) Denk daran und dann weißt du, dass die DDR nur da gut war, wenns um ihre halbwegs konservative Haltung zu Grenzen ging. Aber auch die war nach Ost und Süd zu durchlässig. Auch wenn Vietnamesisch ja schmeckt, aber das ist doch kein Grund.«

Sprache, stellt Kira gleich eingangs fest, ist »Inhalt und Suche«, und Bens sprachliche Versiertheit verhindert, dass man seine Sätze sogleich verwirft: Wo Kira ihrer guten Sache sicher ist, dient Bens Vertretung der schlechten einer Skepsis, ohne die bloß Dogma bleibt. Grenzen sind doof, schon klar; doch in einem intakten Weltsozialismus ohne Krieg, Not und Konkurrenz wäre gar nicht einzusehen, warum Vietnamesen lieber in Görlitz als in ­Hanoi sein wollen sollten. »Buntheit«, von links als Voraussetzung gesellschaftlichen Glücks gehandelt, ist recht eigentlich Kapitalismus und verdankt sich einer Migration, die noch immer Flucht gewesen ist. Dass auch Kira in Sachsen vietnamesisch essen kann, ist jener »Leistungsgesellschaft« zu danken, die zu verteidigen Ben keine Mühe macht: »Das Recht auf Arbeit schafft das Recht auf Faulheit.«

Trotzdem hat natürlich Kira recht, wenn sie dem Freund »Nationalsozialdemokratie« vorhält: »Sich vor Krisen abschotten geht nur außerhalb von Krisen, wenn du drinsteckst, steckst du drin, auch als Verursacher, auch als Peitscher. (…) Wenn du das Paket nicht in Gänze haben willst, dann musst du, wohl oder übel, Kubaner werden. Wenn du das nicht willst, dann lass die Vorschläge sein (…)« Sprachlich auf der Höhe seiner Vorbilder – was nur dann kein Lob ist, wenn man sich an der recht präsenten Referenz stört –, leidet der Roman allenfalls unter seiner Absicht: Was Kira in Kuba erlebt und Ben zuhause, eingekeilt zwischen einer Netz-Fehde und einem suizidalen Vater, bleibt zwar nicht geradezu blass, ist aber eher Draperie fürs Eingemachte, und dass die Metalband-Songzeilen, die die beiden austauschen, partiell so fiktiv sind wie die Bands auch, ist das, was Kommunismus bis auf weiteres auch ist: ein Witz für Eingeweihte.

Mertens Debüt »Ich glaube jetzt, dass das die Lösung ist« (2024) war derart gut, dass es wenig heißt anzuzeigen, »Kleiner als drei« bleibe dahinter zwei Fingerbreit zurück, und um so weniger, als dieser pralle Gedanken- und politische Gegenwartsroman den Durchschnitt der Bestseller- und Bestenlisten noch einmal durchschnittlicher macht. »Wir sind in einem Bildungsroman gleich zwei, die vorankommen – deshalb das Bi- am Anfang.« Auch wenn das Wortspiel das nicht aushält: Mit dem Leser wären es drei.

→ Ken Merten: Kleiner als drei. XS-Verlag, Berlin 2026, 264 Seiten, 26 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 08.05.2026, Seite 11, Feuilleton

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