Als ob die Welt zusähe
Vor 90 Jahren verhinderte der Beginn des Spanischen Krieges die Volksolympiade in Barcelona
Am 19. Juli vor 90 Jahren hätte in Barcelona die »Olimpiada Popular«, die »Volksolympiade«, eröffnet werden sollen. Doch die Veranstalter sahen sich gezwungen, sie am Vorabend abzusagen. Die faschistischen Truppen unter General Francisco Franco, dem späteren Diktator, hatten just an dem Tag ihren Generalangriff auf die von der »Frente Popular«, der »Volksfront«, verwaltete Spanische Republik gestartet. Ein großes Ereignis in der Geschichte des Sports blieb aus. Doch Spuren blieben.
Anti-Olympia
Die Volksolympiade war eine direkte Reaktion auf die Olympischen Spiele in Berlin Anfang August 1936. Eine internationale Boykottbewegung gegen die erwartete Propagandaveranstaltung der Nazis, angeführt von jüdischen, antirassistischen und sozialistischen Gruppen, wurde von Regierungen ignoriert, die Sportler nach Berlin schicken wollten. Vom Internationalen Olympischen Komitee wurde die Boykottbewegung aktiv bekämpft. Auch in den USA, wo sie am stärksten war, sprach sich das Nationale Olympische Komitee unter der Führung von Avery Brundage vehement für eine Teilnahme an den Spielen aus. Brundage, der später 20 Jahre lang IOK-Präsident sein sollte (1952–1972), war ein berüchtigter Antisemit und, wie viele IOK-Präsidenten, ein großer Freund autokratischer Herrscher. Die Sowjetunion nahm nicht an den Spielen in Berlin teil. Sie war damals noch nicht einmal Mitglied des IOK.
Ansonsten waren es nur Mitglieder einzelner Sportverbände und Arbeitersportvereine sowie individuelle Athleten, die sich weigerten, nach Berlin zu fahren, um sich statt dessen nach Barcelona aufzumachen. Unter ihnen waren auch Spitzensportler. Nikolaus »Micky« Hirschl hatte beispielsweise bei den Olympischen Spielen in Los Angeles 1932 für Österreich zwei Bronzemedaillen im Ringen (griechisch-römischer Stil) gewonnen. In Barcelona war er als Teil der Delegation aus Palästina, damals britisches Mandatsgebiet. Während des Zweiten Weltkriegs kämpfte er mit britischen Truppen in Nordafrika, danach wanderte er nach Australien aus. Auch die Kanadierin Eva Dawes hatte bei den Olympischen Spielen in Los Angeles 1932 eine Bronzemedaille gewonnen, im Hochsprung der Frauen. Nachdem sie 1935 an einer »Reise des guten Willens« in die Sowjetunion teilgenommen hatte, wurde sie vom kanadischen Leichtathletikverband suspendiert.
Elf Wochen Zeit
Als innerhalb der Boykottbewegung die Idee aufkam, eine Gegenveranstaltung als Protest gegen die Berliner Spiele zu organisieren, erklärte sich die Regierung Kataloniens dazu bereit, die Austragung zu übernehmen, unterstützt von der linksgerichteten Volksfront, die nach den Wahlen im Februar 1936 in Spanien an die Macht gekommen war. Im April wurde ein »Organisations-komitee der Volksolympiade« gebildet, dem genau elf Wochen blieben, um die Massenveranstaltung vorzubereiten. Nicht viel Zeit, doch davon ließen sich die Verantwortlichen nicht schrecken. Mit revolutionärem Eifer und finanziellen Zuschüssen aus Frankreich und der Schweiz bewiesen sie, was bei entsprechendem Einsatz alles auf die Beine zu stellen war. Das Budget der Volksolympiade lag bei weniger als drei Prozent der Summe, die die Nazis in ihre internationale Selbstinszenierung bei den Berliner Wettkämpfen pumpten. Die Volksolympiade in Barcelona dagegen sollte der »Verteidigung menschlicher Freiheit und Kultur« dienen, wie es in der Ankündigung hieß.
Am Vorabend der Spiele hatten sich 2.000 Athleten aus fast 50 Ländern in Barcelona eingefunden. Hinzu kamen 6.000 Sportler aus allen Teilen Spaniens. Die größte ausländische Delegation war die aus Frankreich. Der Arbeitersportverband Fédération Sportive et Gymnique du Travail alleine hatte 1.000 Mitglieder entsandt. Bei den Olympischen Spielen in Berlin traten nur 200 französische Athleten an.
Vorbild Arbeitersport
Das Programm in Barcelona deckte sich weitgehend mit dem in Berlin, doch nicht ganz. Es gab keine Wettbewerbe im Reiten, Segeln oder Kanufahren. Zum Teil aus logistischen Gründen, zum Teil aus symbolischen. Vor allem Reiten und Segeln galten als Sportarten der Oberschicht. Dafür mit dabei: das in der Arbeiterklasse Südfrankreichs und Kataloniens tief verankerte Rugby und das generationsübergreifende Boccia. Ein Schachturnier mit 800 Brettern sollte Menschen jeden Alters zusammenführen. Frauen durften im Gegensatz zu Berlin auch an Laufwettbewerben über mehr als 100 Meter teilnehmen. Sie durften sogar Basketball spielen.
Anspruch der Volksolympiade war es, Spitzensport und Breitensport zusammenzubringen. Es gab Wettbewerbe für Topathleten ebenso wie für Freizeitsportler. Zu letzteren gehörten die Massenstaffeln: 10 × 100 Meter auf der Laufbahn, 10 × 50 Meter im Schwimmbecken. Auch die von den Arbeiterolympiaden in Frankfurt 1925 und Wien 1931 bekannten Massenvorführungen von Turnern standen mit auf dem Programm. Diese hatten mit Wettkampf gar nichts zu tun, sondern sollten den Wert körperlicher Ertüchtigung betonen.
Die Volksolympiade hatte mit den Arbeiterolympiaden viel gemein: Internationalismus wurde großgeschrieben, für nationale Symbole gab es keinen Platz; das gemeinsame Erlebnis war wichtiger als die individuelle Leistung; der Sport wurde von einem breiten Kulturprogramm begleitet; die Athleten wurden bei Arbeiterfamilien untergebracht; Fairplay und Sportsgeist standen im Zentrum. Allerdings war der Ansatz der Volksolympiade breiter. Auch wenn viele der Teilnehmer aus dem Arbeitersport kamen, war die Mitgliedschaft in Arbeitersportvereinen keine Bedingung für die Teilnahme. Erstens war dies dem Charakter der Volksfront geschuldet, in der es auch liberale Strömungen gab. Und zweitens waren nicht alle Antifaschisten, die in Barcelona an den Start gehen wollten, zwangsläufig sozialistisch orientiert.
Das erste Opfer
Lange gab es wenig internationale Forschung zur Volksolympiade. Dann ging der britische Historiker James Stout für seine Dissertation die Archivbestände durch und veröffentlichte seine Ergebnisse 2020 unter dem Titel »The Popular Front and the Barcelona 1936 Popular Olympics. Playing as if the World Was Watching«. Durch die Arbeit wurden viele neue Details bekannt. Stout geht darin auch der populären Behauptung auf den Grund, der zufolge sich viele der in Barcelona anwesenden Athleten den Internationalen Brigaden angeschlossen hätten, um auf Seiten der republikanischen Kräfte im Spanischen Bürgerkrieg gegen Franco zu kämpfen.
Zunächst: Die meisten der Athleten traten nach Bekanntgabe der faschistischen Offensive unmittelbar die Heimreise an. Dabei kam es in den Worten Stouts auch zum »wahrscheinlich ersten internationalen Todesopfer des Spanischen Bürgerkriegs«. Ein namentlich nicht genannter Arbeitersportler aus Frankreich wurde während des Abzugs des französischen Teams getötet, obwohl die Faschisten den heimkehrenden Sportlern freies Geleit versprochen hatten.
Dann: Die Internationalen Brigaden wurden offiziell erst im Oktober 1936 gebildet, also drei Monate, nachdem die Volksolympiade geplant war. Es war den Athleten zum Zeitpunkt der Absage der Volksolympiade also gar nicht möglich, sich den Internationalen Brigaden anzuschließen, weil es sie noch nicht gab. Eine Verbindung zwischen Volksolympiade und Internationalen Brigaden gibt es jedoch Stout zufolge trotzdem. Manche Athleten blieben nämlich tatsächlich vor Ort, um bei der Verteidigung der Republik zu helfen. So suggeriert Stout, dass der ursprüngliche Kern des Thälmann-Bataillons, in dem später um die 1.500, meist deutschsprachige Antifaschisten kämpften, aus Athleten bestand, die sich bei Ausbruch des Krieges wegen der Volksolympiade in Barcelona befanden.
Verteidiger der Republik
Einer von ihnen soll der bayrische Schreiner und Langstreckenläufer Otto Boch gewesen sein, dem von der US-amerikanischen Journalistin Muriel Rukeyser ein literarisches Denkmal gesetzt wurde. Rukeyser, die nach Barcelona gereist war, um über die Volksolympiade zu berichten, hatte eine stürmische Affäre mit Boch, die eine zentrale Rolle in ihrem posthum veröffentlichten Roman »Savage Coast« (Wilde Küste, 2013) einnimmt, der von jenen Tagen handelt. Rukeyser widmete Boch auch Gedichte. Der bayrische Kommunist fiel an der Zaragoza-Front kurz vor dem Ende des Spanischen Krieges.
Auch eine der bekanntesten deutschsprachigen Verteidigerinnen der Spanischen Republik, die Schweizerin Clara Thalmann, war ursprünglich aufgrund der Volksolympiade in das Land gereist. Thalmann sollte in Barcelona als Schwimmerin antreten, fand sich jedoch bald in den Milizen der trotzkistischen POUM und später in der anarchistischen Durruti-Kolonne wieder. In ihrem gemeinsam mit ihrem Mann Paul verfassten Buch »Revolution für die Freiheit« (1987) berichtet sie über ihr bewegtes Leben.
Manche der Athleten, die Barcelona zunächst verließen, kehrten wieder zurück, etwa der US-amerikanische Ringer Alfred Chakin. Chakin war nach Absage der Volksolympiade mit seinem Team in die USA gereist, fühlte sich dort jedoch angesichts der faschistischen Offensive in Spanien so machtlos, dass er wieder zurückkehrte. Er schloss sich dem vorwiegend kanadischen Mackenzie-Papineau-Bataillon an, das nach zwei Anführern einer republikanischen Revolte in Kanada zu Beginn des 19. Jahrhunderts benannt war. 1938 wurde Chakin von faschistischen Truppen gefangengenommen und hingerichtet.
Andere Athleten, die für die Volksolympiade nach Barcelona gereist waren und unverrichteter Dinge wieder heimkehren mussten, informierten über die Situation in Spanien auf Vortragsreisen und sammelten Gelder zur Verteidigung der Republik.
Copa Thälmann
Apropos Ernst Thälmann: Der bereits seit 1933 in Deutschland inhaftierte KPD-Vorsitzende diente nicht nur einem Bataillon im Spanischen Bürgerkrieg als Namensgeber, sondern auch einer Sportveranstaltung, die der Volksolympiade quasi als Generalprobe diente. Vom 11. bis zum 13. April wurde in Barcelona die »Copa Thälmann« ausgetragen, bei der 1.500 Sportler aus ganz Spanien in einer Atmosphäre zusammenkamen, die auch die Volksolympiade prägen sollte: Solidarität statt Wettbewerb, Gemeinschaft statt Rivalität, Verbundenheit statt Kommerz. Bei den Olympischen Spielen in Los Angeles 2028 wird davon wenig zu spüren sein. Vielleicht ist die Zeit reif für eine neue Volksolympiade.
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