Gegründet 1947 Dienstag, 23. Juli 2019, Nr. 168
Die junge Welt wird von 2201 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 04.05.2019, Seite 12 / Thema
Spanischer Krieg

In der Falle

Nach dem Abzug aus Spanien wurden die Angehörigen der Internationalen Brigaden in Frankreich interniert – viele von ihnen kämpften später in der Résistance gegen die Nazis
Von Werner Abel
95664961.jpg
Eingesperrt und abgeschottet. Als die Anhänger der Spanischen Republik nach Frankreich flüchteten, wurden sie interniert – unter ihnen auch die Angehörigen der Internationalen Brigaden (Flüchtlinge am Bahnhof des Grenzorts Tour de Carol, Februar 1939)

Er wollte Spanien nicht so einfach verlassen an diesem 26. Januar 1939. Der Krieg war für die Republik verloren, das wusste der tschechische Interbrigadist Adolf (Ada) Vodicka, der in der Einheit »Checo-Balcánico« des Bataillons »Divisionario« der 45. Division gekämpft und an diesem Tag Geburtstag hatte. Er gehörte zu den Interbrigadisten, die am 9. Januar dem Ruf der republikanischen Regierung gefolgt waren, den Rückzug der Spanischen Volksarmee und die Evakuierung der Bevölkerung zu sichern, die auf der Flucht vor den faschistischen Truppen war. Wenigstens einmal noch wollte Vodicka auf die Faschisten schießen, aber die spanischen Soldaten, von deren MG-Stellung aus man schon den heranziehenden Feind sehen konnte, wollten ihn nicht an die Waffe lassen. Erst als er ihnen sein »Carnet militar«, sein Soldbuch, zeigte, aus dem zu ersehen war, dass er an diesem Tag 25 Jahre alt wurde, überließen ihm die spanischen Kameraden das Maschinengewehr, und er konnte seinen Geburtstag mit mehreren Feuerstößen auf den verhassten Feind feiern.

Der zweite Einsatz

Die meisten der etwa 7.000 Interbrigadisten, die sich seit dem Oktober 1938 in den katalanischen Demobilisierungslagern befanden, waren wie Ada Vodicka bereit, auch weiterhin gegen den Faschismus zu kämpfen. Obwohl die Regierung des Ministerpräsidenten Juan Negrín beschlossen hatte, sie von den Fronten abzuziehen, und obwohl dieser Beschluss von einer Kommission des Völkerbundes kontrolliert wurde, kam es aus Sorge um den Schutz der Zivilbevölkerung zum sogenannten zweiten Einsatz der Internationalen Brigaden. Am 25. Januar hatten sich in Granollérs, etwa 35 Kilometer nordöstlich von Barcelona gelegen, um die 1.500 vor allem deutsche und österreichische Interbrigadisten versammelt, die zumeist der XI. Brigade angehört hatten. Der letzte Kommandeur dieser Brigade, der Österreicher Anton Dobritzhofer, der sich in Spanien Adolf Reiner nannte, appellierte an sie, noch einmal an die Front zu gehen: »Seit vielen Wochen lässt man uns nicht über die Grenze, obwohl wir demobilisiert sind, und das nicht auf eigenen Wunsch, sondern durch höhere Gewalt. Aber die Faschisten denken gar nicht daran, ihre fremdländischen Truppen nach Hause zu schicken, und sind mit Zehntausenden Italienern und deutschen Legionären in Katalonien eingefallen, stehen vor den Toren Barcelonas und bedrohen den Norden. (…) Die Regierung hat ihren Sitz nach Figueras verlegt und bittet uns, zum Schutz der Zivilbevölkerung Kataloniens wieder zu den Waffen zu greifen. (…) Die Betrüger in Genf, in London und Paris haben das Recht verwirkt, dass wir uns überhaupt noch um sie kümmern. (…) Wir lassen uns nicht wie Hasen jagen und abknallen, sondern nehmen wieder das Gewehr in die Hand, um Schulter an Schulter mit unseren spanischen Kameraden, unseren Kampfgefährten dreier Kriegsjahre, den Kampf noch einmal aufzunehmen.«

Obwohl die Zustimmung überwältigend war, konnten wegen der großen Anzahl an Verwundeten und Kranken nur etwa 900 Interbrigadisten in die wieder neu aufgestellte XI. Brigade aufgenommen werden. Die stand wieder unter dem Kommando von Adolf Reiner. Schon einen Tag später ging aus ihr sowie der vorwiegend polnisch-bulgarisch-jugoslawischen XIII. Brigade und der mehrheitlich aus Italienern gebildeten XII. Brigade die neue 35. Internationale Division hervor, die unter dem Kommando des Polen Henryk Torunczyk stand. Ihr Stabschef war Ludwig Renn, ihr Kriegskommissar Karl Thoma, den man in Spanien nur unter dem Namen Ernst Blank kannte.

Die sich immer mehr verschlechternde militärische Lage verhinderte einen effizienten Einsatz der Internationalen Division. Zum einen funktionierte die Abstimmung zwischen den einzelnen Einheiten nicht, zum anderen wussten die Verantwortlichen gar nicht, wo aktuell die Front genau verlief. Das forderte unnötige Opfer, wie Gustav Szinda, früherer Kommandeur und dann Stabschef der XI. Brigade, nunmehr wieder in das Kommando der Brigade berufen, am Beispiel des Todes von Ernst Blank beschrieb: Vor dem Auto, mit dem er, Blank und der Chauffeur auf dem Weg zur Division waren, stand plötzlich ein faschistischer Panzer, dessen Besatzung sofort das Feuer eröffnete und Blank und den Chauffeur tötete. Der verwundete Szinda konnte fliehen.

So chaotisch dieser Einsatz inmitten der zusammenbrechenden Fronten auch war, so trug er doch dazu bei, dass etwa eine halbe Million republikanischer Spanier nach Frankreich flüchten konnte. Als letzte Einheit der Internationalen Brigaden passierte vom 9. bis zum 12. Februar 1939 die XI. Brigade die französische Grenze. Die spanischen Grenzbatterien grüßten die ehemaligen Kampfgenossen mit elf Salven aus ihren Geschützen. Zuvor hatten die Kämpfer die verbleibenden Kraftfahrzeuge zusammengezogen und in Brand gesetzt, die Geschütze in Schluchten geworfen und die Waffen unbrauchbar gemacht. Vielen blutete dabei das Herz, wussten sie doch, wie schwer es der Republik gefallen war, diese Waffen zu beschaffen. Aber die Internationalen Brigaden gab es nun nicht mehr.

In Frankreich gefangen

Auf der französischen Seite erwartete sie eine böse Überraschung: Die Behörden des demokratischen Frankreich behandelten die republikanischen Spanier und die Freiwilligen, die an ihrer Seite gegen den Faschismus gekämpft hatten, wie Schwerverbrecher. Polizei, Kolonialsoldaten, Garde mobile und Spahis, afrikanische Söldner, alles wurde aufgeboten, um die über die Grenze strömenden Flüchtlinge zu kontrollieren, denen bis auf eine Decke und das, was sie am Leibe trugen, alles abgenommen wurde. Geradezu sinnbildlich für die Situation ist die schon oft geschilderte Szene, wie man einen Spanier zwang, die zur Faust gekrümmten Finger zu öffnen; in der Hand hatte er spanische Erde, ein letztes Andenken, das er nun wegwerfen musste.

Etwa 5.000 Interbrigadisten überschritten bei Port-Bou und Col de Perthus die französische Grenze. Der 23 Jahre alte Heinz Priess, der Offizier in der XI. Brigade gewesen war, erinnerte sich später: »Unseren Tross ließ man unter strenger Polizeiaufsicht gleich nach Saint-Cyprien weitermarschieren. Dort hatten die Franzosen auf dem weißen Sandstrand am Mittelmeer einen Stacheldrahtverhau errichtet – vier Zäune im Rechteck. Mehr nicht. Keine Hütte, kein Zelt, kein Klo. Draußen wachten grimmig dreinschauende Söldner aus Marokko, die Spahi. Wir drinnen mochten etwa tausend Deutsche, Österreicher, Polen, Jugoslawen und Italiener sein. (…) Nach geraumer Zeit fuhr ein Lkw an den Stacheldrahtzaun. Von oben warfen Soldaten Brot in unser Gehege. Es wirkte wie eine Raubtierfütterung – und so war es wohl auch gedacht. Viele der ausgehungerten Interbrigadisten stürzten sich wie die Tiere auf die im Sande liegenden Laibe. Doch dann passierte etwas Unerwartetes: Alle, die erfolgreich gewesen waren, stapelten ihre Brote auf einen Haufen. (…) Und dann wurde verteilt. Das war der Anfang einer Organisation in der Gefangenschaft.«

Die französischen Behörden versuchten, jeden Ansatz einer Gefangenenselbstverwaltung unter ihre Kontrolle zu bringen. Gestattet war nur die Errichtung armseliger Unterkünfte. Die Verpflegung, so die überlieferten Berichte, reichte nie aus, und so war der Hunger ein tagtäglicher Begleiter. Saint-Cyprien aber war nicht das einzige Lager, traurige Berühmtheit erlangten Gurs und Le Vernet. Letzteres war sogar ein Straflager, in dem sich dann nach und nach Offiziere und Funktionäre der Interbrigaden wiederfanden. Es gab das Lager von Rieucros, hier waren später vornehmlich Frauen, so auch die Krankenschwestern der Interbrigaden interniert. Weitere Lager befanden sich unter anderem in Agde, Montolieu, Mazére, Bram, Septfonds, Le Barcarès und Angelès-sur-Mer. Die Spanienkämpfer aus den bürgerlichen Demokratien konnten, auch wenn sie zu Hause mitunter Repressionen erwarteten, wie das z. B. in der Schweiz der Fall war, relativ unkompliziert zurückreisen. Das war in der Regel schon aus den Demobilisierungslagern in Spanien geschehen. Hier, in Frankreich, aber saßen die fest, die nicht in ihre Heimat zurückkonnten, weil dort Diktaturen herrschten oder einige Länder, wie Tschechien oder Polen, inzwischen von Nazideutschland besetzt worden waren. Als Alternative erschien in diesen Fällen Mexiko, das unter dem linksgerichteten Präsidenten Lázaro Cárdenas schon frühzeitig angeboten hatte, 1.500 Interbrigadisten aufzunehmen. Die französischen Behörden behinderten dies, indem sie die Durchreise verboten.

Die Spanienkämpfer, die zwischen Januar und Februar 1939 in Frankreich Zuflucht suchten und in Lager gesperrt wurden, machten nur einen Teil der ehemaligen Interbrigadisten aus, die sich jenseits der spanischen Grenze aufhielten. Schon im Sommer 1938 war seitens der Interbrigaden damit begonnen worden, die sogenannten Hilfsdienste, wie z. B. den Sanitätsdienst, aufzulösen und deren Angehörige zusammen mit verwundeten und älteren Interbrigadisten nach Frankreich zu repatriieren. Diese Frauen und Männer wurden verschiedenen Gemeinden zugeteilt, die in der Regel auf einen solchen Zuzug nicht vorbereitet waren. Auf sich gestellt, ohne Mittel und aufgrund der herrschenden Arbeitslosigkeit ohne Arbeit, vegetierten sie meist am Rande des Existenzminimums. Sie wohnten in Schulen, Heimen und Klöstern, baufälligen Häusern und, wenn sie mehr Glück hatten, bei einer solidarischen französischen Familie.

Zuständig für die Deutschen und Österreicher war das in Paris ansässige »Hilfskomitee für die deutschen und österreichischen Spanienkämpfer«. Dieses Gremium verfügte kaum über finanzielle Mittel, bekam aber täglich Briefe mit der Bitte um Hilfe. So schrieb Walter Kaiser, der später in der DDR unter seinem Pseudonym Walter Gorrish das Drehbuch für den Filmklassiker »Fünf Patronenhülsen« schreiben sollte, im Januar 1939 aus Perpignan: »Das hiesige Komitee kümmert sich überhaupt nicht um uns. Unser Essen erhalten wir von der Volksküche. Wir leben hier fast wie Tiere. Die Räume sind in einem unbeschreiblichen Zustand. Verlaust bin ich auch schon. Wir können uns nicht einmal waschen. Auch können wir nicht unser Essgeschirr reinigen. Aussichten auf Besserung sind auch nicht vorhanden. Das wäre so unser Leben.«

Aber auch dieser armselige Zustand der Freiheit währte nicht lange. Im Laufe des Jahres 1939 wurden alle ehemaligen Spanienkämpfer, die in der französischen Zivilgesellschaft lebten, in Lagern interniert. Ihre Briefe an das Hilfskomitee wurden an die Kommunistische Internationale (Komintern) nach Moskau weitergeleitet und sind so erhalten geblieben. Die Komintern, die bei der Organisation der Internationalen Brigaden Großes geleistet hatte, schien zunächst ratlos, was zu tun sei. Was im Fall einer Niederlage der Spanischen Republik mit den Freiwilligen geschehen sollte, dafür hatte man kein Konzept. Am 26. August 1939 beschäftigte sich das Exekutivkomitee der Komintern (EKKI) erstmals mit dem Schicksal der Interbrigadisten. André Marty berichtete, dass sich zu diesem Zeitpunkt alleine im Lager in Gurs mehr als 4.000 Interbrigadisten befänden, unter ihnen 735 Deutsche, 483 Österreicher, 872 Italiener, 950 Polen, 375 Jugoslawen und 607 Tschechoslowaken. Zur Rettung der Interbrigadisten wurde die Gründung einer »Kommission zum Studium der Interbrigaden« beschlossen, die am 13. September erstmals zusammentrat.

Ein verwirrender Pakt

Inzwischen aber hatte es ein weltpolitisches Ereignis gegeben, das die Situation der Internierten weiter verschlechterte. Im August 1939 war zwischen der Sowjetunion und Nazideutschland ein Nichtangriffsvertrag geschlossen worden, dem im September ein »Grenz- und Freundschaftsvertrag« folgte. Die Sowjetunion wie auch die Komintern gingen nunmehr von einem drohenden imperialistischen Krieg aus, an dem England und Frankreich die Hauptschuld tragen würden. Die reaktionären französischen Behörden, denen die mächtige Kommunistische Partei Frankreichs (FKP) ohnehin ein Dorn im Auge war, schlussfolgerten daraus, dass die Kommunisten die Verteidigung des Landes im Kriegsfall nicht unterstützen würden und verboten die Partei. Damit war eine wichtige Verbindung der internierten Spanienkämpfer zur Außenwelt unterbrochen.

Unter den Internierten führten die Verträge zwischen der UdSSR und Nazideutschland zu erregten Diskussionen. Der österreichische Spanienkämpfer Gert Hoffmann schrieb in seinen Erinnerungen: »Im August schlug wie eine Bombe die Nachricht vom Abschluss des Nichtangriffspaktes zwischen Deutschland und der Sowjetunion ein. Zuerst waren wir wie vor den Kopf gestoßen: Hitlerdeutschland – der Erzfeind in Spanien, der Aggressor, der unsere Heimat und die Tschechoslowakei besetzt hatte – der Vertragspartner der Sowjetunion, an die wir alle blind glaubten? Erst Tage später gab es eine Parteiversammlung, in der die bekannten Argumente vorgebracht wurden: Stalin sei der Absicht der Kapitalisten, die Sowjetunion in einen Krieg mit Deutschland zu hetzen, zuvorgekommen; schließlich sei für die Sowjetunion der Friede das höchste Gut, die innerdeutsche Situation sei Angelegenheit des deutschen Volkes, es handle sich auch nur um einen Nichtangriffspakt, und das sei keineswegs ein Bündnis. (…) Und die Zehntausende deutscher Antifaschisten, die in den KZ schmachteten, die Erschlagenen und zu Tode Gequälten?« So wie Gert Hoffmann dachten viele, aber dann siegte die Parteidisziplin und der nahezu unerschütterliche Glaube an die Sowjetunion. Manche trennten sich auch von der Partei oder wurden ausgeschlossen, aber später sollten sich die meisten von ihnen im gemeinsamen Kampf gegen den Faschismus wieder vereint finden.

Am 15. November 1940 verfassten die internierten Interbrigadisten eine Resolution, die der Schriftsteller Friedrich Wolf, der Frankreich verlassen und in die Sowjetunion reisen durfte, am 19. März 1941 der Komintern übergab. In dieser Resolution wird die Politik der Sowjetunion vorbehaltlos begrüßt. Nazideutschland wird wegen seiner antikommunistischen Politik und der Annexion Österreichs, der CSR und Polens kritisiert, aber seine Haltung als defensiv eingeschätzt, während die wahren Aggressoren in Großbritannien und Frankreich säßen. Die Haltung der FKP, die nach dem Überfall der Wehrmacht im Mai 1940 dazu aufgerufen hatte, die Heimat zu verteidigen, sowie die Bereitschaft tschechischer und polnischer Interbrigadisten, der Tschechischen Legion bzw. der Polnischen Auslandsarmee beizutreten, wurden für falsch erklärt. Gleichzeitig wurde in der Resolution betont, dass die Angehörigen der Interbrigaden politische Soldaten und damit wertvolle Kader seien.

Das war auch ein Appell an die Komintern, sich aktiver mit der Zukunft der Interbrigadisten zu beschäftigen. Wilhelm Zaisser, als General José Gómez letzter Kommandeur der Basis Albacete, hatte schon im Oktober 1938 in seinem Bericht an den stellvertretenden Kaderchef des EKKI, Georgi Below (das war der Bulgare Georgi Damjanow), vorgeschlagen, dass die Sowjetunion diejenigen Spanienkämpfer aufnehmen solle, die nicht ohne zu erwartende Repression in ihre Länder zurückkehren konnten. Dazu kam es nicht. Zwar nahm die Sowjetunion Schwerstverwundete auf, und natürlich fanden dort auch diejenigen, die als »Mexikaner« nach Spanien gekommen waren, Zuflucht (im Sprachgebrauch der Komintern wurde die Sowjetunion aus Tarngründen »Mexiko« genannt). Aber ansonsten blieb die Zahl der Aufgenommenen gering: Von den 2.900 deutschen Interbrigadisten durften etwa 150 in die UdSSR einreisen, von den 3.354 Italienern ganze 38. Dabei machten die sowjetischen Behörden die Bewilligung der Einreise auch von den Entscheidungen der nationalen Parteivertretungen bei der Komintern abhängig, die wiederum vor dem Hintergrund der auch die ausländischen Kommunisten betreffenden Repressionen der Jahre 1937 und 1938 besonders sensibel vorgingen. Ungeachtet dessen kritisierte Walter Ulbricht vor allem das bürokratische Vorgehen der Internationalen Roten Hilfe und ihres sowjetischen Ablegers, der MOPR (Meshdunarodnaja organisazija pomoschtschi borzam rewoljuzii). Diese war beauftragt worden, sich um die internierten Interbrigadisten zu kümmern. Aber nach der Ablösung von Jelena Stassowa und der Einsetzung Michail Bogdanows an deren Spitze sowie der Kürzung ihrer finanziellen Mittel hatte diese Organisation nach Meinung Ulbrichts völlig versagt. Besonders kritisierte er, dass die MOPR erst dann reagierte, wenn die Kaderleitung des EKKI dazu ihr Einverständnis gegeben hatte.

Bedrohliche Situation

Nach der Okkupation Frankreichs durch Nazideutschland und dem ausgehandelten Waffenstillstand blieb ein Teil des Landes, das sogenannte Vichy-Frankreich, benannt nach seiner »Hauptstadt«, einem Kurort in der Auvergne, unbesetzt. Da dieser Teil auch an der Grenze zu Spanien lag, befanden sich dort die großen Internierungslager, die von den französischen Behörden ungeniert Konzentrationslager genannt wurden. Obwohl die Vichy-Behörden scheinheilig bekundeten, sie würden niemanden an die Deutschen ausliefern, sah die Realität bald anders aus. Außerdem kamen immer wieder deutsche Kommissionen, die die deutschen und österreichischen Spanienkämpfer zur Rückkehr nach Deutschland bewegen wollten.

Die Situation für die Spanienkämpfer wurde immer gefährlicher. Aus diesem Grund tagte die Komintern-Kommission am 29. Januar 1941 erneut. In der zwölfköpfigen Kommission hatte außer André Marty nur Edo Romano (Parteiname des italienischen Funktionärs Edoardo D’Onofrio) direkt mit Spanien zu tun gehabt, alle anderen Mitglieder waren Vertreter kommunistischer Parteien in potentiellen Emigrationsländern. Marty, der in seinem langen Referat über die Maßnahmen des zurückliegenden Jahres sprach, begründete auch, weshalb möglichst wenige Interbrigadisten in die UdSSR einreisen sollten: »Der Grundsatz ist: Freiwillige, die aus einem Land kommen, das noch nicht sowjetisch ist, sind in der Sowjetunion nur Emigranten und ihr Status ist vorübergehend, die Perspektive ist, dass sie so schnell wie möglich in ein Land zurückkehren, wo sie politisch gebraucht werden.« Das musste also nicht unbedingt ihr Herkunftsland sein, deshalb wurden die kommunistischen Parteien der USA, Australiens, Neuseelands und verschiedener lateinamerikanischer Staaten beauftragt, bei ihren Regierungen um Emigrationsmöglichkeiten für die bedrohten Spanienkämpfer anzusuchen. Auch die KP Spaniens sollte Sondierungsgespräche in anderen Ländern führen, weil die Spanienkämpfer laut dem Statut der Interbrigaden vom 23. September 1937 de jure das Recht auf die spanische Staatsbürgerschaft hatten. Aber die exilierte KP Spaniens, deren Führung sich in der Sowjetunion und in Mexiko befand, war dazu nicht mehr in der Lage.

In der Zwischenzeit stieg die Zahl der Auslieferungen an Deutschland, andere Spanienkämpfer wurden nach Djelfa in Nordafrika verbannt. Deshalb nahmen die illegalen Lagerleitungen Kontakt zum französischen Widerstand auf, viele Internierte konnten fliehen, auch aus den Arbeitskompanien, in die sie als »Prestataire«, als Zwangsarbeiter, gepresst worden waren.

Mit dem Überfall Nazideutschlands auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 änderte sich auch die Politik der Kommunistischen Internationale. Die Spanienkämpfer sollten sich jetzt den Armeen der Antihitlerkoalition anschließen. Viele Deutsche gehörten der Résistance an und kämpften mit dem »Maquis« gegen die faschistischen Okkupanten. Obwohl sie von den französischen Behörden, von denen viele mit den deutschen Besatzern kollaborierten, so schändlich behandelt worden waren, zeichneten sich deutsche Spanienkämpfer in hohen Kommandofunktionen in dem FTP-MOI (Francs-tireurs et partisans – Main d’œuvre immigrée) und später in dem Zusammenschluss aller Résistance-Einheiten, den Forces françaises de l’intérieur (FFI), aus. Es sollte auch nicht vergessen werden, dass es ihre ehemaligen Waffenbrüder, die republikanischen Soldaten waren, die mit ihren Panzern an der Befreiung von Paris teilnahmen.

Ada Vodicka und Gert Hoffmann beklagten noch nach Jahrzehnten, dass der französische Staat sie, die Antifaschisten, wie Verbrecher behandelte. Beiden gelang es, Gurs zu verlassen. Gert Hoffmann schlug sich als illegaler Landarbeiter durch. Im befreiten Belgien, wo er feststellen musste, dass seine Mutter von den Nazis ermordet worden war, trat er in die US-amerikanischen Streitkräfte ein und nahm an deren Seite am Krieg gegen Deutschland teil. Ada Vodicka konnte Gurs verlassen, weil er sich zur Tschechischen Auslandsarmee meldete. Diese aber kam durch den raschen deutschen Vormarsch nicht mehr zum Einsatz und musste nach England evakuiert werden. Dort wollte er in das Pioneer Corps eintreten, wurde aber als Kommunist nicht aufgenommen und statt dessen in Schottland interniert. Als er dann aber doch in die Britische Armee hätte eintreten können, lehnte er ab und zog es vor, als Zivilist und Angehöriger der Home Guard der Bevölkerung zu helfen, sich vor den deutschen Bomben zu schützen.

Zweierlei Gedächtnis

Trotz des schmählichen Versagens der französischen Behörden gegenüber den spanischen Republikanern und den internationalen Freiwilligen sowie des Verrats von Vichy-Frankreich behandelte die Französische Republik die Spanienkämpfer nach dem Zweiten Weltkrieg anders als etwa die Bundesrepublik Deutschland. Henri Rol-Tanguy, Politkommissar der XIV. Internationalen Brigade und nach dem deutschen Überfall einer der Organisatoren der Résistance, wurde 1994 zum Ritter der Ehrenlegion geschlagen. Als er 2002 hochdekoriert starb, erhielt er ein Staatsbegräbnis, und 2004 wurde in Paris eine Straße nach ihm benannt. In der Bundesrepublik Deutschland gehören die Spanienkämpfer bis heute zu den Vergessenen. Auch in dieser Hinsicht trat das »wiedervereinigte« Deutschland das Erbe der Deutschen Demokratischen Republik, die die Spanienkämpfer in hohen Ehren gehalten hatte, bewusst nicht an.

Die Angaben über die UdSSR, die Komintern und die MOPR sind den Akten RGASPI f.495-op.2-d.287; op.1-d.26 und op.293-d.155 entnommen. Das Zitat Gert Hoffmanns entstammt dem Band: Gert Hoffmann: Barcelona, Gurs, Managua. Auf holprigen Straßen durch das 20. Jahrhundert, Berlin 2009.

Werner Abel schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 26./27. Januar 2019 über die Einnahme Barcelonas durch die spanischen ­Faschisten im Januar 1939.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • Nach dem Einmarsch in Barcelona nahmen die franquistischen Einhe...
    26.01.2019

    »Es gibt nichts mehr zu tun«

    Vor 80 Jahren gaben die republikanischen Truppen in Barcelona erschöpft auf. Die katalanische Metropole fiel in die Hände der Faschisten
  • »Einheit, Volksfront, Freiheit. Die einzige Sorge aller Antifasc...
    13.03.2018

    Schulter an Schulter

    Im März 1938 riefen deutsche Interbrigadisten in Spanien zur Einheit der Arbeiterbewegung im Kampf gegen den Faschismus auf
  • In Morata de Tajuna südlich von Madrid wurde vor fünf Jahren die...
    07.11.2011

    Freiwillige der Freiheit

    Geschichte: Vor 75 Jahren nahmen die Internationalen Brigaden den Kampf zur Verteidigung der Spanischen Republik auf