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Basketball

Europa kann warten

Im schwedischen Luleå, nahe des Polarkreises, wird ausgezeichnet Basketball gespielt

Foto: picture alliance/BILDBYRÅN
Dara Taylor (M.) von Södertälje BBK im Spiel gegen Luleå Basket (Luleå, 26.4.2026)

Man kennt sie auch in Deutschland – Orte, die aus unterschiedlichen Gründen zu Zentren für Randsportarten wurden: Gummersbach (Handball), Burghausen (Ringen), Bad Kreuznach (Kanu). Auch in anderen Ländern ist das so.

Die erfolgreichste schwedische Basketballstadt ist nicht Stockholm, Göteborg oder Malmö, sondern Luleå im hohen Norden. 80.000 Einwohner hat die Stadt nahe des Polarkreises, die für wenig mehr als ihre Technische Universität bekannt ist. Und ihre Sportvereine.

Wobei: Dem Fußball ist das nicht zu verdanken. Eine einzige Saison spielten die Herren des IFK Luleå in der ersten schwedischen Liga, und das war 1971. Heute messen sie sich in der vierten Liga Nord mit Täfteå und Storfors. Die Damen spielen auf demselben Niveau.

Dafür ist Luleå im Eishockey stark, dem schwedischen Nationalsport. Die Damen des Luleå HF wurden zuletzt 2024 Meister, die Herren 2025. Für viel Stolz in der Stadt sorgen in deren Schatten allerdings auch die Basketballer. Hier gibt es zwei Vereine: den BC Luleå für die Herren und Luleå BBK für die Damen. Die Jahrtausendwende war die große Zeit des BC Luleå. Siebenmal gewann der Verein zwischen 1997 und 2007 den schwedischen Meistertitel, dann noch einmal 2017. Da hatten die Damen des Luleå BBK bereits mit ihrem Erfolgslauf begonnen. Nachdem sie 2014 zum ersten Mal schwedische Meisterinnen geworden waren, ließen sie bis heute acht weitere Titel folgen.

Ende Mai trifft jW in der von beiden Vereinen genutzten Pontushalle Jan-Peter »JP« Kostet, ein Urgestein im Basketballsport der Stadt. Seit den 1970er Jahren ist er als Trainer, Betreuer und Funktionär tätig. Die Pontushalle nennt er die »beste Basketballhalle Schwedens«. Gegenwärtig ist Kostet Vorsitzender des Luleå Basketcentrums – ein Projekt, das seiner Ansicht nach die Basis für die Basketballerfolge der Stadt bildet: »Es ist wichtig, Projekte vor Ort aufzubauen. Die Distanzen zwischen den Städten sind groß. Es muss vor Ort mehrere Vereine geben, um Wettbewerb zu ermöglichen. Alle müssen mitmachen dürfen. Wer zu früh auf Leistung setzt, verliert viel zu viele Jugendliche. Spätere Spitzenleistungen verhindert das nicht, im Gegenteil. Nur wenn viele Jugendliche lange dabei bleiben, kann man am Ende die Besten auswählen.«

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Kostet ist Sozialdemokrat alter Schule. Man nimmt es ihm ab, wenn er erklärt, wie wichtig die Einbindung aller Menschen in den Sport ist. Er ist stolz darauf, dass im Basketball Luleås der Spitzensport vom Breitensport nicht getrennt wird, sondern, wie er es formuliert, »die Spitze von der Breite kommt«.

140 Teams spielen in den Jugendligen der Stadt. Jede Mittelschule betreibt einen eigenen Basketballverein. Trainer und Betreuer arbeiten ehrenamtlich. Alle Spieler bekommen die gleiche Spielzeit, niemand wird aussortiert. Erst wenn es an der Zeit ist, mit 14jährigen eine Stadtauswahl zu bilden, gibt es eigene Trainingseinheiten für die größten Talente.

Viele von ihnen spielen irgendwann für BC Luleå oder Luleå BBK. Die Besten verschwinden freilich früh, vor allem in Richtung College in den USA. Gleichzeitig kommen von dort auch Spieler nach Luleå, die in der NBA keinen Platz finden. Sie wählen Luleå als mögliches Sprungbrett zu den großen Ligen Europas, in Spanien, Griechenland und der Türkei.

Der bekannteste schwedische Spieler, der Luleå als Sprungbrett für eine internationale Karriere nutzte, ist mittlerweile auch der kontroverseste. 635 Spiele für vier verschiedene Vereine absolvierte Jonas Jerebko in der NBA, bevor er sich 2022 trotz des militärischen Angriffs Russlands auf die Ukraine entschied, bei ZSKA Moskau zu unterschreiben. In Schweden wurde er dadurch zur Persona non grata und nie mehr für das Nationalteam nominiert.

Vor Ort in Luleå sind andere Themen von mehr Gewicht. Zum Beispiel die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen. Obwohl die Frauen heute weit erfolgreicher sind, erhalten sie weniger Geld. Ein bisschen schwindelt man sich in Luleå um das unbequeme Thema herum, indem man auf die eigenen Vereine für Männer und Frauen verweist. Dies würde den Vergleich der Gehälter schwierig machen. Eine nicht ganz überzeugende Antwort.

Was auch in klassische Geschlechterrollen passt: Obwohl schlechter bezahlt, zeigen sich die Damen des Luleå BBK sozial weit engagierter als die Herren des BC Luleå. Im Büro des Damenvereins spricht jW mit Calle Norrbin, verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit. Norrbin war Profifußballer und spielte unter anderem für Degerfors IF – den Verein aus der kommunistischen Stahlstadt, mit dem jW-Leser vertraut sein sollten. Die Karrierestation passt ins Bild, wenn man Norrbin zuhört, wie er über das soziale Engagement des Luleå BBK erzählt, von Besuchen in Schulen und von Trainings mit Jugendlichen. »Was macht man, wenn man erfolgreich ist? Man bemüht sich darum, dass dabei für alle etwas herausschaut. Es gibt eine Verantwortung der Gesellschaft gegenüber.« Die Spielerinnen, so versichert er, würden die entsprechenden Aktivitäten genießen.

Wenn es um den Europacup geht, sind wir wieder beim lieben Geld. Die Teilnahme an diesem kann sich der Verein nämlich nicht leisten. Obwohl Luleå BBK auch in diesem Jahr wieder für die European Women’s Basketball League spielberechtigt gewesen wäre, verzichteten die Verantwortlichen des Vereins auf die Meldung. Die Reisen aus dem hohen Norden sind zu teuer, Unterstützung von der Politik gibt es keine. So traurig es für die Spielerinnen ist, so glaubwürdig macht es die Bodenständigkeit des Vereins.

Basketball in Luleå bedeutet in erster Linie, die Jugend der Stadt zum Sport zu bringen. Hier liegt der größte Erfolg. Europa kann warten.

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Erschienen in der Ausgabe vom 19.06.2026, Seite 16, Sport

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