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Sportliteratur

Rasen

Fußball in den Wendejahren: Jan Mohnhaupts Buch »Der geteilte Rasen«

Foto: Reporters/imago
Im allerletzten Länderspiel seines Verbandes im September 1990: Andreas Wagenhaus (DDR)

Es soll gesagt sein: Eigentlich war sich die Redaktion nicht sicher, mir dieses Buch zur Rezension anzuvertrauen. »Wir sollten uns um einen unserer Ost-Autoren bemühen.« Ob es am Bemühen scheiterte oder am mangelnden Willen der Ost-Autoren, weiß ich nicht, aber letztlich durfte ich doch ran. Und was stellt sich heraus? Der Autor des Buches kommt selbst nicht aus dem Osten, sondern aus dem Ruhrgebiet. Viel Trara um nichts.

Die ersten drei Seiten von »Der geteilte Rasen: Fußball in den Wendejahren 1989–1992« gehören zu den stärksten. Autor Jan Mohnhaupt skizziert seine Zeit als Torwart im Brandenburger Amateurfußball. Es ist ein persönlicher Einstieg, der anregend, aber nicht aufdringlich ist. Eine kleine Kunst, die Mohnhaupt beherrscht.

Es folgt ein weniger geglücktes Was-wäre-gewesen-wenn-Szenario (die DDR qualifiziert sich im letzten Qualifikationsspiel für die WM 1990, die BRD nicht) vor drei nach Jahreszahlen aufgeteilten Kapiteln (1989, 1990, 1991/92), die den Hauptteil des Buches ausmachen. Hier schildert Mohnhaupt anhand einzelner Spiele, wie sich die »Wiedervereinigung« Deutschlands im Fußball ausdrückte beziehungsweise auf ihn auswirkte. Es sind Länderspiele dabei (viel DDR, ein wenig BRD), Europacup (fast ausschließlich DDR), Oberliga, (weniger) Bundesliga und die nationalen Cupwettbewerbe (Vorteil DDR).

Mohnhaupt lässt unvergessene wie vergessene Partien Revue passieren. Zu den unvergessenen zählen das »Wunder der Grotenburg« am 19. März 1986, als Bayer Uerdingen in der letzten Halbzeit des Europacup-Duells mit Dynamo Dresden aus einem 1:5-Gesamtscore noch ein 7:5 machte, sowie das 2:1, mit dem Hansa Rostock am letzten Spieltag der Bundesligasaison 1991/92 der Frankfurter Eintracht den Meistertitel vermasselte. Zu den weniger im kollektiven Fußballgedächtnis verankerten Partien gehören das Freundschaftsspiel der Zweitligisten Hertha BSC und 1. FC Union Berlin vor mehr als 50.000 Zuschauern im Januar 1990 im Berliner Olympiastadion, sowie das letzte Länderspiel der DDR, ein 2:0-Sieg in Belgien im September 1990 mit einem Kader von 14 Mann.

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Auch Botschaftsbesetzungen, Kommunalwahlen und Pressekonferenzen verdienen sich bei Mohnhaupt Einträge. Er erinnert auch an das Paradox bei der Auslosung zur Qualifikation für die EM 1992, als die BRD und die DDR in die gleiche Gruppe gelost wurden. Wenige Monate später zog die DDR ihre Teilnahme zurück.

Mohnhaupts Konzept ist nett, auch wenn sich die Idee mit den Spielen etwas abnutzt. Die Einträge sind jedoch interessant und gut lesbar. Der Rechtsruck der Zeit flimmert im Hintergrund mit, ohne zum Zentrum zu werden. Das ist wahrscheinlich gut so. Als Teil der damaligen Wirklichkeit kann das Thema nicht außen vor bleiben, doch den Fußball darauf zu reduzieren, wäre verkürzt.

Das Bild, das sich aus der Schilderung Mohnhaupts ergibt, wird den Jahren der »Wende« gerecht: Hoffnung, Verwirrung, Unsicherheit und viel, viel Neues. Dass der Osten nicht der Gewinner war, ist kein Geheimnis. Auch das spiegelt das Buch wider. Der Überlebenskampf, in den die Oberligavereine in ihrer letzten Saison 1990/91 geworfen wurden (zwei Vereine in die Bundesliga, vier in die zweite Liga, der Rest ade), tut heute noch beim Lesen weh.

Das Publikum für ein Buch dieser Art ist zweigeteilt: Es gibt jene, die sich, wie ich, an die »Wendejahre« erinnern können. Nostalgie wird für sie zum Teil des Leseerlebnisses. Für spätere Generationen gilt dies nicht. Für sie sind die referierten Ereignisse reine Geschichte. Es ist schwierig für mich zu beurteilen, wie die jüngeren Leser auf Mohnhaupts Buch reagieren werden. Lehrreich ist es allemal. Dass Spieler wie Souleymane Chérif (einst SC Neubrandenburg und BSG Empor Neustrelitz, dann Afrikas Fußballer des Jahres) und Ojokojo Torunarigha (erster afrikanischer Profifußballer im Osten, Vater von Junior Torunarigha) Erwähnung finden, ist ein großer Bonus.

Das vierte Kapitel (2024/25) beschreibt den Selbstversuch des Autors, in seiner neuen Heimatstadt Magdeburg emotional beim 1. FC anzudocken. Das hätte man sich, offen gestanden, sparen können. Alleinstehend als Reportage, meinetwegen, obwohl schon von anderen gemacht. Aber in diesem Buch wirkt das Kapitel deplaziert. Das gilt nicht für den Epilog, in dem die Lebenswege wichtiger Ostfußball-Protagonisten der Jahre 1989 bis 1992 – von Alex Kruse über Andreas Thom bis zu Matthias Sammer – nachgezeichnet werden.

Gelegentlich bedient sich Mohnhaupt in der Klischeekiste. Der Fußball als »Spiegel der Zeitgeschichte«, der Ostfußball, der »vor allem von seinen Fans lebt«, die Vergangenheit, die »längst nicht vergangen« ist. Aber man will nicht kleinlich sein. Außer bei der unsäglichen Nick-Hornby-These vom Fußballklub, in den man sich verliebt wie in ein Mädchen, und dann ist es um einen geschehen. Wird das irgendwann enden? Es wird ein großer Tag für den Fußball sein.

→ Jan Mohnhaupt: Der geteilte Rasen: Fußball in den Wendejahren 1989–1992. Verlag Die Werkstatt, Bielefeld 2026, 224 Seiten, 24,90 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 06.07.2026, Seite 16, Sport

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