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Abschied von gestern
Was kein Geld bringt, fliegt: Die Nordische Kombination ist nicht mehr olympisch
Im Schatten der Fußball-WM und des Grand Slam von Wimbledon äußerte sich das Internationale Olympische Komitee (IOK) am 7. Juli in Lausanne zur Zukunft der Olympischen Winterspiele. Das Exekutivkomitee war Ende Juni zusammengetreten. Menschen, die irgend etwas mit Wintersport zu tun haben, gibt es in dem 15köpfigen Gremium kaum, dafür mit Juan Antonio Samaranch Jr. den Sohn eines ehemaligen Sportministers der Franco-Diktatur und späteren IOK-Präsidenten. Wichtiger: Samaranch Jr. ist Finanzmanager, was in großen Sportverbänden schwerer wiegt als das Interesse für den Sport selbst.
Der Paukenschlag war keiner, weil er zu erwarten war: Anstatt endlich auch Frauen zu erlauben, in der Nordischen Kombination anzutreten, strich man die Disziplin zur Gänze. Für Traditionalisten ein harter Schlag. Die Nordische Kombination – Skisprung plus Langlauf – war seit den ersten Olympischen Winterspielen 1924 im Programm und galt lange als Königsdisziplin des Wintersports. Tatsächlich: Es bedarf spezieller Athleten, um die auf der Schanze notwendige Schnellkraft mit der in der Loipe notwendigen Ausdauer zu vereinen.
Das Problem: Die Nordische Kombination generiert nicht genug Einnahmen. Sie ist, salopp formuliert, eine Disziplin für Menschen, die den Sport lieben und nicht die Show. Wagen wir ein bisschen Kulturpessimismus: Wenn eine bei Wintersportliebhabern hochangesehene Disziplin aus dem olympischen Programm fliegt und durch den x-ten Wettbewerb ersetzt wird, bei dem Teenager auf Brettern durch die Luft wirbeln, bevor anhand eines undurchsichtigen Punktesystems eine Rangordnung erstellt wird, die die Teilnehmer selbst kaum zu interessieren scheint, dann wird deutlich, welche Kriterien das Exekutivkomitee des IOK bei der Bestimmung der olympischen Disziplinen heute an den Tag legt.
Freilich werden offiziell andere Argumente angeführt: Beispielsweise, dass bei den letzten vier Olympischen Winterspielen nur fünf unterschiedliche Nationen in der Nordischen Kombination Medaillen gewonnen haben. Gut. Im Rodeln und im Bob waren es jeweils sieben, allerdings bei ungleich mehr Wettbewerben. Der Unterschied: Wenn Menschen in Helm und eng anliegendem Rennanzug mit über 100 Kilometern pro Stunde den Eiskanal hinunterdonnern, lässt sich dafür alle vier Jahre ein Fernsehpublikum finden, für die Nordische Kombination offenbar nicht. Das IOK erklärte, die Disziplin sei seit 2014 die »unbeliebteste« bei Olympischen Winterspielen, ohne genauer darauf einzugehen, was das bedeutet.
Dabei strengten sich die Verantwortlichen durchaus an. Längst sind die Zeiten vorbei, als wegen komplizierter Rechenspiele erst lange nach Wettkampfende die Ergebnisse feststanden. Seit 1985 gilt die »Gundersen-Methode«: Die Punkte aus dem Skisprung werden in Sekunden umgerechnet und der Langlauf wird als Verfolgungsrennen durchgeführt. Die Rennen verlangen taktisches Geschick und sind in der Regel sehr spannend. Um das verstehen zu können, muss man sie sich freilich ansehen.
In den letzten Jahren hat man es womöglich übertrieben. Mit immer mehr Formaten sollte der Publikumszuspruch erhöht werden. Doch Wettbewerbe wie das »Penalty Race« oder der »Hurrikansprint« waren völlige Reinfälle. Auch das »Individual Compact Race« hat außer einem tollen Namen wenig zu bieten – es ist ein gewöhnlicher Wettkampf mit kürzerem Langlauf und engeren Zeitabständen.
Für eine Sportart wie die Nordische Kombination ist das Olympia-Aus eine Katastrophe. Ohne Olympia-Traum wird es noch schwieriger, Nachwuchs zu finden, und auch die treuesten Sponsoren werden zu den wirbelnden Teenagern abwandern. Die 20jährige Schwarzwälderin Nathalie Armbruster, Gesamtweltcupsiegerin 2025, meinte der Schwäbischen Zeitung gegenüber: »Ich bin erschüttert, am Boden zerstört, unglaublich schockiert und unfassbar traurig. Es geht bedauerlicherweise nur noch um Geld und Kommerz.«
Nicht wenige aktive Kombinierer werden sich nun spezialisieren und je nach persönlicher Stärke alleine Skisprung oder Langlauf treiben. So bleibt wenigstens der Olympia-Traum am Leben. Die stärkste österreichische Kombiniererin, Lisa Hirner, trat bereits bei den diesjährigen Olympischen Winterspielen im Spezialspringen an.
Deutschland geht wiederum ein Medaillengarant verloren. Mit insgesamt 28 Mal Edelmetall liegt man im ewigen Medaillenspiegel nur hinter dem Wintersportgiganten Norwegen. Die Zukunftsaussichten für die Kombinierer fasste Alexander Ziron, Geschäftsführer des Bundesstützpunkts in Klingenthal, im MDR so zusammen: »Im dümmsten Fall kann es wirklich passieren, dass aufgrund zurückgefahrener Förderungen alles zusammenbrechen könnte.«
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