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Sportliteratur

Teil des Problems

Kann man prima drüber streiten: Philipp Kösters Fußballbuch »Holt euch das Spiel zurück!«

Foto: NomadSoul/Panthermedia/imago
Und Papa hält ihn wieder nicht

Bei der Rezension des Buches »Holt euch das Spiel zurück! Wie Fans den Fußball retten können« von Philipp Köster stellt sich eine grundsätzliche Frage: Sollte das Buch von einem Autor rezensiert werden, der seit Jahren das Fußballmagazin 11 Freunde liest, dessen Mitbegründer und Chefredakteur Philipp Köster ist? Oder sollte es von jemandem rezensiert werden, der keine Ahnung davon hat, wer Philipp Köster ist? Die Rezeption wäre möglicherweise sehr unterschiedlich. Aber weil zwei Rezensionen desselben Buches in ein und derselben Zeitung eine Spur übertrieben wären, müssen sich die Leser hier mit Variante eins begnügen: Ich lese 11 Freunde seit vielen Jahren.

So überrascht es wenig, dass ich in »Holt euch das Spiel zurück!« inhaltlich nicht viel Neues finde. Köster kritisiert die kommerzielle Ausschlachtung des modernen Fußballs, aalglatte Medienarbeit und die Entfremdung der Verbände von den Fans. Warum das nun in Buchform erscheinen muss, darüber lässt sich nur spekulieren. Es gibt inzwischen jede Menge Bücher, die die moderne Fußballindustrie kritisieren, auch von Kollegen Kösters aus der 11 Freunde-Redaktion. »Holt euch das Spiel zurück!« erscheint freilich in einem größeren Verlag, vielleicht soll ein neues Lesepublikum gewonnen werden. Fair enough. Da darf man auch angesammeltes Material neu bearbeiten und versuchen, einen roten Faden durch 25 Kapitel zu ziehen.

Auch wer mit Kösters Stil vertraut ist, wird auf keine Überraschungen stoßen. Der Witz ist ein bisschen selbstverliebt, und das Stilmittel des Vergleichs wird etwas überstrapaziert. Spieler, die beim FC Bayern »regelmäßig so gedemütigt werden wie die Besucher von preiswerten BDSM-Klubs«? Mehr Zonen auf Spielfeldern »als in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg«? Naja.

Köster äußert sich zu vielen Fragen. Was beim Leser am besten ankommt, wird von persönlichen Vorlieben abhängen. Ich mag die Huldigung an Fanzines, die Kritik der Vorsänger, die harte Kante gegen Homophobie, und ich teile Frustration mit dem Neusprech selbsternannter Fußballexperten (Boxverhalten, abkippende Sechs, Crunchtime). Auch, dass »die FIFA längst rettungslos verloren ist«, unterschreibe ich gerne. Wie Köster allerdings darauf kommt, dass Handball und Eishockey »absurde Randsportarten« seien, ist mir rätselhaft.

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Wie die Fans den Fußball retten können, wird nie erklärt, aber gut. Mein größtes Problem mit dem Buch ist, dass ich seine Grundthese nicht teile, nämlich dass das Fußballspiel den Fans gehören soll. Ich will versuchen, das zu erklären.

Köster feiert das folgende Zitat des Fanforschers Rogan Taylor: »Was Fußball ohne Zuschauer ist? Nur ein Kick von zweiundzwanzig Leuten in kurzen Hosen im Park!« Das ist allerdings Quatsch. Natürlich war ein Bundesligaspiel während der Coronapandemie nicht einfach ein Kick im Park. Vor allem aber: Was ist falsch an einem Kick im Park? Das ist das Herz des Fußballspiels: der Kick im Park, am Strand, im auf Fußballplatz getrimmten Kinderzimmer mit einem Ball aus Schaumstoff. Das Herz des Fußballspiels sind nicht Choreographien und pöbelnde Rentner. Das ist das Drumherum, das sich kulturell entwickelt hat. Das kann man lieben, sehr gerne! Aber es mit dem Spiel gleichzusetzen oder diesem gar überzuordnen, beleidigt das Spiel. Da bin ich Purist.

Apropos pöbelnde Rentner: Köster schreibt, »wir wollen den wohlverdienten Ruhestand als wüste Krakeeler begehen«. Das, so meine These, kann nur jemand schreiben, der den Fußball primär aus der Sicht des Drumherums betrachtet, nicht aus der Sicht des Spiels. Persönliche Erläuterung: Ich galt einst als vielversprechendes Nachwuchstalent, spielte als Gymnasiast bei einem österreichischen Zweitligisten. Doch beendete ich meine Karriere mit genau 19 Jahren. Einer der Hauptgründe: Als Torhüter wollte ich mich nicht länger jedes zweite Wochenende bei Auswärtsspielen von wildfremden Menschen aufs übelste beschimpfen lassen. Sollen die Leute ihren Spaß haben? Ja. Muss man selbst jeden Scheiß mitmachen? Nein.

Eine weitere kritische Anmerkung, der ich nicht widerstehen kann: Es ist lobenswert, wenn Philipp Köster den modernen Fußballbetrieb kritisiert. Es darf aber auch gesagt werden, dass er und 11 Freunde ein Teil davon sind. Es ist ein bisschen so wie mit dem Veganismus: Einmal in den Regalen der Supermärkte angekommen, schwächt dieser nicht die Fleischindustrie, sondern stellt schlicht einen neuen Industriezweig dar, von dem nicht zuletzt auch jene Fleischunternehmen profitieren, die schlau genug sind, Ersatzprodukte anzubieten.

Was wiegt bei einem Fußballmagazin schwerer? Ein kritischer Leitartikel oder die Bewerbung von Wettanbietern, Onlineshops und Bühnenshows? Klar, man kann immer sagen, dass sich alle im Kapitalismus einrichten müssen. Aber es bleibt auch immer ein bisschen eine Ausrede.

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: »Holt euch das Spiel zurück!« ist durchaus zu empfehlen. Vor allem Nichtabonnenten von 11 Freunde.

→ Philipp Köster: Holt euch das Spiel zurück! Wie Fans den Fußball retten können. Ullstein-Verlag, ­Berlin 2026, 224 Seiten, 18,99 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 26.06.2026, Seite 16, Sport

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