Im Spiegel der anderen
Europa ist ein gnadenloser Ort: Safae el Khannoussis Romandebüt »Oroppa«
Oroppa« ist der Titel des aufsehenerregenden Debütromans der jungen niederländischen Schriftstellerin Safae el Khanoussi. Das Wort entstammt dem Darija, einem Dialekt des Arabischen, der vornehmlich in Marokko gesprochen wird, dem Land, aus dem die Familie der Autorin kommt, und bedeutet Europa. Das Cover ziert ein vielfarbiges Wellenmuster, vielleicht das Meer, über das die großen europäischen Seefahrernationen über Jahrhunderte in ferne Länder segelten, um ihnen ihren Stempel aufzudrücken; jetzt sind es die anderen, die sich auf den Weg nach Europa machen, Wesen, denen man alles Menschliche abspricht: »Würmer oder Monster, Knechte oder Kopfjäger, Schuhputzer, Schmarotzer oder Terroristen«. Und sie bringen ihre Geschichten mit, ihre Erinnerungen und Ängste, die Zutaten für ein Buch voller skurriler Anekdoten, enttäuschter Hoffnungen und aberwitziger Träume.
Der Roman funktioniert auf mehreren Ebenen. Ein Erzählstrang treibt die Handlung voran. Die jüdisch-marokkanische Künstlerin Salomé Abergel, auch Salma genannt, ist verschwunden, mitten in der Vorbereitung einer großen Ausstellung ihrer Werke in Amsterdam. Die Lücke, die sie gerissen hat, verbindet die übrigen Protagonisten: die Galeristin Hannah, den Sohn Irad, den Geliebten Hbib, die Housesitterin Hind und den »Pilger«, eine finstere Gestalt aus der Vergangenheit. Salomés Persönlichkeit schillert im Spiegel der Geschichten, die man einander über sie erzählt, und weil das Persönliche immer auch politisch ist, geht es um mehr, nämlich um Wahrheit und Gerechtigkeit, Verrat und Versöhnung, den Verlust der Heimat und das Ankommen.
In wilden Sprüngen durch Europa und die Maghreb-Staaten fügen sich die Puzzlesteine zu einer Biographie: Die junge Salma wird in den bleiernen Jahren unter Marokkos König Hassan II eingesperrt, weil sie an Demos teilgenommen und Flyer verteilt hat. Es gibt keine Geheimnisse, die sie preisgeben könnte, aber das ändert nichts. Sie wird gefoltert und, wie es aussieht, vergewaltigt. Ihr Kind kommt im Gefängnis zur Welt und dort entdeckt sie auch ihr Talent fürs Zeichnen. Für kleine Gefälligkeiten porträtiert sie ihre Zellengenossinnen und einmal sogar eine Aufseherin. Der Preis ihrer Freilassung ist das Exil. Als Künstlerin fasst sie in Europa Fuß, aber ihre Wut wird sie nicht los. Sie »raucht wie ein Schlot und trinkt wie ein Loch«, bis die Gesundheit nicht mehr mitmacht. »Nicht der erste Hausarzt, der dich warnt«, sagt Hannah, und tauscht Blicke mit Salomé, die alles Mögliche bedeuten können. Dass sie sich zu wichtig nimmt oder nicht wichtig genug, dass sie noch nicht verloren ist oder längst verloren.
Auch der Pilger ist in Amsterdam gelandet, hat sein Leben gelebt und zieht Bilanz. Er hadert mit seinem Schicksal, fühlt sich als Opfer, obwohl er es war, der beim ersten Verhör Salomés Angst in sich aufsog, ein paar Mal um sie herumging und ihr mit der flachen Hand unvermittelt ins Gesicht schlug, so fest, dass sie vom Stuhl fiel, »ohne einen Mucks«. Als der Pilger Salomé an einer Fährstation über den Weg läuft, will er sie ansprechen, tut es nicht, unternimmt einen zweiten und schließlich einen dritten Anlauf. Kommunikation kommt an ihre Grenzen, man spürt es, denn was könnte er ihr zu sagen haben? Am Ufer der Grachten braut sich Unheil zusammen.
Ein weiteres erzählerisches Moment ist transzendentaler Natur. Man weiß nicht, ob es Zufall oder Fügung ist, wenn Hind sich in Salomés Haus in Amsterdams Rivierenbuurt wiederfindet, dem Viertel, in dem sich Anne Frank vor den Nazis versteckt hielt. Durch die Wände des Kellers spürt sie Blicke, auf dem Boden des Schlafzimmers fährt sie wie in einem Waggon bis an den Rand des Kontinents und mit einer Fünf-Cent-Münze begleicht sie eine Schuld, die mit Worten nicht zu fassen ist. In Paris führt eine Treppe hinab zu einem Ort seltsamer Begegnungen, das Tor vielleicht zum 21. Arrondissement, das nicht weit sein kann vom 20., in dem Irad seine Bar betreibt, das »Souterrain«. Hier trifft sich der Bodensatz der Gesellschaft, Menschen, die den Halt verloren haben, durch alle Raster gefallen sind, Ausgegrenzte, Obdachlose, die Verlierer einer erbarmungslosen neoliberalen Ordnung. Man kommt sich nahe durch die Geschichten, die man sich erzählt, nichts ist eindeutig, und Gegensätze werden bis zum Schluss in der Schwebe gehalten. In Tunis wacht die junge Hamsa an Salmas Bett. Sie ist selbst nicht ohne, kann einen Sturm entfachen, der die Satellitenschüssel vom Dach fegt, aber nun traut sie ihren Augen nicht: Sie könnte schwören, dass Salma den Tod im Würgegriff hält.
Auf der politisch-psychologischen Ebene schließlich erteilt der Roman allen Modellen rigider Identitätspolitik eine Absage. So wird der Leser Zeuge eines Weihnachtsfestes, bei dem die algerische Muslima Zaynab für den marokkanischen Juden Irad Süßkartoffeln in den Ofen schiebt, bevor beide vor einer dekorierten Zimmerpflanze zu Rai-Musik tanzen. Und es werden Mechanismen der Bewältigung von Unrecht verhandelt, erlittenem wie zugefügtem. Salma fühlt sich in ihrem Element, wenn sie von »Katastrophen, Blutsaugern und Skandalen« umgeben ist, legt sich mit jedem an.
Der Pilger hingegen ergeht sich in Selbstmitleid, meint, dass ihn das Leben betrogen hat. Die Bemühungen der marokkanischen Regierung um eine Aufarbeitung der unter König Hassan begangenen Verbrechen empfindet er als »elendes Schauspiel«, als »unwürdiges Spektakel«, sich selbst als Verstoßenen, schließlich habe er »hart gearbeitet, um das Land mit aufzubauen«. Man fühlt sich erinnert an Hannah Arendts Beobachtungen des Eichmann-Prozesses, an das Porträt der Täter, die glaubten, sie könnten tausendfachen Mord mit dem Hinweis abtun, sie hätten nur Befehle befolgt.
»Europa ist ein gnadenloser Ort«, resümiert Salomé, »schon seit Jahrhunderten«. Aber eben auch ein Ort der Begegnung, für Menschen von überallher. Um die Figuren mit leichtem Strich zu zeichnen, braucht es ihrer viele, sehr zum Missfallen der Lektorin, wie die Autorin im Interview mit dem Wiener Magazin Buchkultur zugibt. Und hier zitiert sie auch die Formel des »magischen Marxismus«, der im Buch einen kurzen Auftritt hat: »eine Hälfte Vernunft, eine Hälfte Leidenschaft und eine dritte Hälfte Geheimnis«. Arithmetisch geht das nicht auf, aber so blühen Utopien.
→ Safae el Khannoussi: Oroppa. Aus dem Niederländischen von Stefanie Ochel. Hanser-Verlag, München 2026, 352 Seiten, 26 Euro
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