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Literatur

Die Last des Körpers

»Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt«: Jegana Dschabbarowas Debütroman ist ein Manifest der Materialität

Von Patrick Hönig
Foto: Moebius/Avant Verlag

Die Protagonistin von Jegana Dschabbarowas Debütroman heißt Jegena, was in der Sprache ihrer Eltern »die einzige« bedeutet. Sie wächst in der aserbaidschanischen Diaspora in Russland auf und lernt schnell, dass sie nicht dazugehört – die Springerstiefel der Männer, die das Land im Namen der Nation für sich reklamieren, der Schock, als sie die Straße herunterkommen, mit einem Grinsen im Gesicht und dem Baseballschläger in der Faust. Sie weiß, dass sie jetzt rennen muss, so schnell sie kann, bis die Schultern wehtun vom Ranzen mit all den schweren Schulbüchern drin. Und dann der Stich, den sie spürt, jedes Mal, wenn sie zu Besuch bei den Verwandten ist, in Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans. »Rus bala« nennt man sie und ihre Schwester, russische Kinder, als sei das etwas Schlechtes. Wo ist zu Hause, fragt sie sich, wenn sie nirgendwohin passt, wie ein falsch gestanztes Puzzleteil.

Gewalt lauert auch in den eigenen vier Wänden, wenn der Vater Wodka getrunken hat. Die Kinder verstecken sich, und durch den Türspalt beobachten sie, wie Geschirr zerbricht und ein Schlag nach dem anderen auf den Körper der Mutter niedergeht. Am nächsten Morgen wird ihr Schweigen durch Süßigkeiten erkauft, aber die Worte haben sich eingebrannt: »Vater niemals wütend machen«. Auch am Strand, im Urlaub, gehören die Körper der Frauen nicht ihnen selbst. Sie geben nichts preis, ziehen keine Blicke auf sich, sind züchtig bedeckt in der Mittagshitze. Die Kinder fliehen ins Wasser, eine Stunde, bis der Vater sie ruft, ein Stück Wassermelone und zurück auf die geschützte Veranda des Hauses. Sinnlichkeit gibt es nur zwischen Töpfen und Pfannen: »Plov mit goldbrauner Kruste«, »selbstgemachte Baklava«, »Kutabs mit Kräutern und Käse« und Halva, »leuchtend orange«, alles zubereitet von den Händen der Frauen. Unnötig zu sagen, dass der Vater Fleisch aufspießt und Schaschlik grillt, längst haben wir verstanden, dass wir es mit patriarchalen Strukturen zu tun haben, die den Körper der Frau zurichten für die Aufgaben, für die man ihn bestimmt glaubt. Das Weiche und Wache, das sich darin verbirgt, wird abgebunden wie eine blutende Wunde, so viele Dinge sind in den Worten der Erzählerin am Ende ein »trockener Stein«. Aber es gibt auch den Großvater, der großzügig Zärtlichkeiten verteilt, Zeiten kommen sieht, »da reisen wir durch die Welt und zeichnen unsere eigene Karte«, und die Kinder über die Bäche trägt, selbst dann noch, wenn es eigentlich seine Kräfte übersteigt. Oft erzählte er Geschichten, erfundene oder wahre, man wusste es nicht, und »als er starb, endete die Welt, die er uns geschenkt hatte, fiel in den Fluss, wie einmal sein geliebtes weißes Taschentuch«.

Jegena ist angekommen im Verlies ihrer Existenz, die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen, und da passiert etwas Unerwartetes. Der Körper verweigert den Dienst, die Muskeln krampfen, das Bein wird steif. Die Neurologin bittet sie, Zungenbrecher nachzusprechen: »die dreihundertdreiunddreißigste Artilleriebrigade«, es gelingt ihr nicht. Das Gehen fällt schwer, aber sie weiß, welchen Schmerz sie der Mutter zufügt, wenn sie den Stock zu Hilfe nimmt. Vor aller Augen tut sich eine Wahrheit kund: Kein Mann wird sie jemals heiraten, Mitgift adieu. Die Ärzte wissen lange keinen Rat, der Imam spricht für ein paar Scheine ein Gebet, eine Wunderheilerin versucht ihr Glück, versengt die Haut mit einem glühenden Schürhaken, doch der Körper ist unbeeindruckt, gehorcht nicht mehr. Medizinische Tests geben schließlich Aufschluss, eine Diagnose wird gestellt und eine Operation terminiert. Der Preis ist hoch, aber wozu sich beklagen? Das ­Leben wirft die »Menschen in seine ­Suppe und schmeißt Gewürze hinterher, ohne zu ­fragen, wer was mag«.

Trost findet Dschabbarowas Heldin in der Kunst. Heimlich nimmt sie Gesangsunterricht, doch durch die Krankheit wird ihre Stimme »rau und tief«, der Sopran verwandelt sich in einen Alt. Und sie liest. Gelesen hat sie immer schon, auf alten Familienfotos ist ihr Gesicht hinter Büchern verborgen, natürlich trägt sie eine Brille. Das Schreiben fällt ihr leichter als das Sprechen, also fängt sie an zu schreiben, ein Verstoß gegen das »erste Gebot der Frauen unserer Familie«. Jegana ist jetzt frei, aber der Körper ist in sich abgeschlossen, erfährt keine Erweiterung durch die Berührung eines anderen. Grenzen zieht die Autorin schließlich auch der Erzählung ihrer Protagonistin. Bis zur Menstruation nimmt sie die Leser mit, aber dann ist Schluss. Sexualität ist tabu, keine Lust, kein Kuss.

Im Gespräch mit Mitarbeitern ihres Verlags erzählt die in Jekaterinburg geborene Autorin von eigenen Verlusten, ihrer Flucht vor Hass und Hetze, dem Exil. Und ihrer Verbundenheit zu anderen Frauen, denen sie Worte und Bilder verdankt. Die Anatomie des Romans, sagt sie, erschien ihr im Traum: jedes Kapitel ein Körperteil und zum Schluss das Trauma, das sich in einem Wiegenlied entblättert. Ein leises Debüt, das seine Wucht erst entfaltet, wenn man es aus der Hand gelegt hat.

Jegana Dschabbarowa: Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt. Aus dem ­Russischen von Maria Rajer, Paul-Zsolnay-Verlag, Wien 2025, 144 Seiten, 23 Euro

Themen:
junge Welt

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Erschienen in der Beilage vom 18.03.2026, Seite 10, Feuilleton

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