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Theater

Theorie des Partisanen

Frank Castorf zum 75. Geburtstag

Foto: Jörg Carstensen/dpa
Frank Castorf im Juni 2021

Der aktuelle Intendant der Berliner Volksbühne, Matthias Lilienthal, erinnerte sich: »Ivan Nagel sagte, er kennt eine junge wilde Gruppe, der man das Haus geben solle. Wenn die scheitern, soll man das Haus schließen und ein Schwimmbad daraus machen. Aber wenn das genial wird, verändert diese Truppe die gesamte Theaterwelt.« Er tat das in dem von Frank Raddatz 2016 herausgegebenen Interviewband »Republik Castorf«. Inzwischen plant die Volksbühne ja, selbst vorübergehend zum Schwimmbad zu werden, statt von einem abgelöst zu werden, Frank Castorfs Republik aber wirkt nach bis heute, obwohl ihr mit dem Ende seiner in der Spielzeit 1992/1993 angetretenen Volksbühnenintendanz im Jahre 2017 der Regierungssitz abhanden gekommen war. Längst gehört der »Castorf«-Stil zum Repertoire des regulären Stadttheaterbetriebs, dessen Muff Castorf mit einer Entgrenzung der Produktion immer entgehen wollte.

Die »Republik Castorf« war eine »Diktatur, versunken oder schwimmend in Anarchie« (Alexander Scheer). Mittlerweile treibt Frank Castorf vermehrt auf den Opernbühnen der Welt sein Unwesen. Auch im Opernmetier hatte er mit seinem Tankstellen-»Ring« in Bayreuth 2013 einen retrospektiv geradezu prophetischen Wegweiser aufgestellt.

Eine Lieblingsfigur von Frank Castorf neben dem anarchischen Diktator ist immer der Partisan gewesen: »Mir schwebt eine Art Partisanentum mit den Mitteln des Theaters vor, statt dem Konsens des Mainstreams gerecht zu werden«, sagte er 2012 anlässlich seines 20jährigen Intendantenjubiläums. »Wenn ich heute als unbekannter Regisseur machen würde, was ich in Anklam oder auch am Anfang an der Volksbühne gemacht habe, sagen wir in Kiel oder sonst wo, würde ich hochkant rausfliegen. Bei mir hat es damals lange gedauert, bis ich rausgeflogen bin.«

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Einer der Kunstgriffe dieses Partisanentums ist die überraschend wahnwitzige Texttreue seiner Dramaturgie (einer der Gründe für die berüchtigte Länge seiner Inszenierungen). Da wird wenig »zertrümmert«. Es wird schlicht vor- und nebeneinandergestellt und anhand grandios idiotischer Details verdeutlicht. Die Literaturbetrachtung im Castorf-Theater ist beinahe schon didaktisch.

Auch sein im vergangenen Jahr verstorbener langjähriger Dramaturg Carl Hegemann hatte darauf hingewiesen: »Castorf ist wirklich der beste intellektuelle Dramaturg von allen Regisseuren, die ich jemals kennengelernt habe. Das ist wirklich ein Mensch, der dramaturgisch denken kann, weshalb man als Dramaturg immer das flaue Gefühl kriegt, man wäre überflüssig.«

Für Castorf (wie für jeden anderen vernünftigen Menschen auch) stellt die Literaturbetrachtung ohnehin nicht viel anderes mehr dar als einen Anlass, sich über diversen Kram zum Beispiel der Vergangenheit ein klein wenig mehr Klarheit zu verschaffen. Im Idealfall hätte man dann die Darstellung von so etwas wie Geschichte. Castorf: »Interessant wäre heute, in einer Kunstinstitution, wie es dieses Theater ist, an das zu erinnern, was es in dieser Hinsicht bereits in der Theatergeschichte gab.«

Frank Castorf feiert am 17. Juli seinen 75. Geburtstag. Wir gratulieren.

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Erschienen in der Ausgabe vom 17.07.2026, Seite 11, Feuilleton

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