Eine neue Perspektive
Tanzen, musizieren: Daniel Sánchez Arévalos Film »So klingt das Leben«
Es ist ein grauer, regnerischer Herbst, als in dem kleinen galicischen Fischerdorf A Guarda an der rauen Atlantikküste jener sieben Toten gedacht wird, die zwei Jahre zuvor bei einem tragischen Schiffsunglück ums Leben kamen. Unter ihnen befand sich auch der Kapitän und Familienvater Antonio Beceira Otero, der als Dirigent das örtliche Rondalla-Ensemble leitete. Seine 18jährige Tochter Andrea (Judith Fernández) besucht zu Beginn von Daniel Sánchez Arévalos neuem Film »So klingt das Leben« sein Grab, um mit einer Melodie auf dem Dudelsack seiner zu gedenken. Auch die beiden Fischer Luis (Javier Gutiérrez) und Yayo (Carlos Blanco), die den Unfall überlebt haben und jetzt in einem Sperrgebiet illegal nach Spinnenkrabben tauchen, erinnern sich an das Unglück, dessen Umstände noch immer ungeklärt sind. Außerdem ist der behut- und achtsame Luis, einst bester Freund des verstorbenen Kapitäns, mit dessen Frau Carmen (María Vázquez) zusammen, was vor allem von der noch immer trauernden Andrea beargwöhnt wird.
»Wer geht, stirbt nicht«, hat sie sich auf ihren Unterarm tätowieren lassen. Andrea jobbt in einer Bäckerei und träumt von einem Musikstudium am Berklee College of Music in den USA. Von dort wiederum kommt gerade ihr Jugendfreund Elías (Fer Fraga), der ganz offensichtlich unsterblich in Andrea verliebt ist. Weil er unter Depressionen und Versagensängsten leidet, hat er seine Ausbildung abgebrochen. Als Luis beschließt, die wegen des Unglücks unterbrochene Rondalla-Tradition wiederzubeleben, schließen sich die beiden jungen Leute zunächst widerwillig dem hastig einberufenen Musik- und Tanzensemble an. Geprobt werden soll für den zur Jahreswende anstehenden Wettbewerb in Vigo. Zu den unfreiwilligen Mitgliedern gehört auch der Polizist Xoel (Tamar Novas), der sich aus der Symbiose mit seinem Zwillingsbruder lösen muss und sich dafür vom versoffenen Yayo zum Fahnenträger »ausbilden« lässt. Während die ersten Proben am kleinen Hafen beginnen und das Equipment und die Instrumente erneuert werden, feilen Louis und Carmen am Programm und der Choreographie.
Der spanische Regisseur Daniel Sánchez Arévalo belebt in seinem tragikomischen, ebenso humorvollen wie nachdenklichen Ensemblefilm die Tradition der Rondalla, um die versehrten Mitglieder einer traumatisierten, in Trauer gefangenen Dorfgemeinschaft zu verbinden. Musik und Tanz werden dabei zum Vehikel für Zusammenhalt und Inklusion. Denn trotz gelegentlicher, der Dramaturgie geschuldeter Rückschläge wachsen die Mitwirkenden an ihren Aufgaben, gewinnen Stärke und eine neue Perspektive für ihr Leben. Daneben verhandelt der warmherzige und menschenfreundliche Film mit der integrativen Figur des Luis auf sehr versöhnliche Weise Fragen nach Schuld, Sühne und Vergebung. Zu guter Letzt finden im finalen Rondalla-Wettbewerb, für den Andrea in Erinnerung an ihren Vater eigens den Coldplay-Song »Viva la vida« neu arrangiert hat, die Liebenden doch noch zusammen.
→ »So klingt das Leben«, Regie: Daniel Sánchz Arévalo, Spanien 2025, 113 Min., bereits angelaufen
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