An die Sterne genagelt
Von Patrick Hönig
Es wurde Zeit, dass der Dichter Aimé Césaire (1913–2008) mit einem deutschsprachigen Auswahlband gewürdigt wird. »Ein Mensch, der schreit« zeigt die vielen Facetten eines poetischen Schaffens, das sich über einen Zeitraum von siebzig Jahren erstreckt – eine Zeitreise durch die Inselwelt der Antillen, aus der Césaire stammt. Die Karibik nahm im Kampf gegen den Kolonialismus eine besondere Rolle ein, war sie doch zugleich Umschlagplatz und Zielort des transatlantischen Sklavenhandels, der im Leben der Inselbewohner bis heute nachwirkt. Wer sich gegen die Entrechtung zur Wehr setzte, musste sich einmischen, Brandreden halten und Protest organisieren. Pausen gab es nicht, und so überrascht, dass es einem versierten Politiker und öffentlichen Intellektuellen wie Césaire gelang, Rückzugsräume für Gedanken ganz anderer Art zu schaffen. Was seine Gedichte auszeichnet, ist die Macht der Bilder und die Welt der Gefühle, die den Leser in den Bann ziehen, aber auch zum Handeln antreiben.
Ohne Umschweife geht es los mit den »Notizen von einer Rückkehr in die Heimat«, ein Langgedicht, das Césaire als junger Mann am Vorabend des Zweiten Weltkriegs verfasste, unter dem Eindruck eines mehrjährigen Aufenthalts in der Metropole der Kolonialmacht Frankreich. Paris ist kein Ort zum Verweilen, stellt er fest, denn »so lang er ist, grinst der Rinnstein im Kot«. Der »fahle Morgen« ist endlich vorbei, auf nach Hause, »gebt meinen Händen die Kraft zu gestalten«. Ein Schlüsselthema seines Werks findet in den »Notizen« Niederschlag, nämlich die Frage, wie man als Schwarzer Mensch Haltung bezieht zur Welt um sich herum und zur fortwährenden Erniedrigung durch »feixende Peitschenhiebe«. Für Césaire ist Schwarz keine Farbe, natürlich nicht, sondern Teil einer Identität, die, wie er in einer Denkschrift formuliert, auf die »Summe gelebter Erfahrungen« abhebt, aber auch auf die »Gemeinschaft fortgesetzten Widerstands«. Sein Begriff der »Negritüde« ist lyrisch verbürgt in Zeilen wie: »Ich sprenge die Eihaut, die mich trennt von mir selbst.« Anders gewendet: Die, die »weder das Pulver noch den Kompass erfanden«, sind die, »ohne die die Erde nicht die Erde wäre«.
Ein weiterer Höhepunkt dieser Sammlung ist der 1950 zunächst in kleiner Auflage erschienene Gedichtzyklus »Verlorener Leib«, illustriert von Pablo Picasso. Césaire und Picasso hatten sich zwei Jahre zuvor am Weltkongress der Intellektuellen zur Verteidigung des Friedens in Warschau kennengelernt; beide waren geprägt vom Surrealismus und fasziniert von der Idee, mit den Traditionen der Kunstschaffenden zu brechen. Die Zusammenarbeit zweier kreativer Geister ist immer ein Ereignis, meist aber auch nicht frei von Spannungen. Césaire war in der Beletage des Kunstbetriebs angekommen. Weniger verloren fühlte er sich deshalb nicht. Er sei genagelt »an den schönen Mittelpfahl kühler Sterne«, schrieb er in einem Gedicht mit dem einfachen Titel »Wort«.
Césaire ließ zeitlebens das Leid der Menschen nicht los, die man als die anderen brandmarkte, »das Mehl der unterm Knüppel fein zerstoßenen Augen«. Aus Zeilen wie diesen spricht das Empfinden der Ausgegrenzten und Chancenlosen, das Erschaudern vor der Auslöschung des Individuums im Namen der Ideologie. Césaire wird die Ironie der Geschichte nicht entgangen sein: Nur wenige Jahre nach der Rückkehr in seine Heimat Martinique flohen Menschen aus Frankreich auf die Insel, verfolgt von einem politischen Regime, das Weisungen der Nazis entgegennahm. Der verlängerte Arm der Vichy-Regierung, Admiral Georges Robert, wurde im Juni 1943 von den Freien Französischen Streitkräften gestürzt, aber ohne Rückhalt in der Inselbevölkerung wäre die Résistance nicht erfolgreich gewesen. Kein Wort davon in den Büchern der Sieger. »Von Steuerbord nach Backbord entziffere nicht die Worte des Windes, von Backbord nach Steuerbord die Inseln des Windes.«
Césaires Lyrik ist wortgewaltig, anspielungsreich und bedeutungsschwer, aber frei von Pathos und Bekehrungseifer. Nach jedem Zug durch eines seiner Gedichte ist man erfrischt vom Bad der Bilder. Abgerundet wird der Band durch ein Interview, das Auskunft über sein Verhältnis zu Weggefährten der postkolonialen Bewegung gibt, sowie eine Zeittafel, eine Bibliographie und ein kenntnisreiches Glossar, das Übersetzer Klaus Laabs zu einer Abrechnung mit denen nutzt, die Césaire für ihre Zwecke einzuspannen trachten. Denn eine Stimme, wie er sie hat, lässt man gerne für sich arbeiten.
Aimé Césaire: Ein Mensch, der schreit. Gedichte aus sieben Jahrzehnten. Herausgegeben, ausgewählt und aus dem Französischen übersetzt von Klaus Laabs. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2025, 334 Seiten, 34 Euro
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