Von Mao zu Maybach
Eine Reise nach China auf der Suche nach dem Sozialismus (Teil 1 von 4)
Der Flug von München nach Shanghai dauert elfeinhalb Stunden. Früher dauerte der Systemwechsel nur 30 Minuten – mit der S-Bahn am Bahnhof Friedrichstraße. Aber ist das überhaupt ein Systemwechsel, wenn man heute nach China kommt? Kommunistische Partei und Kapitalismus – wie geht das zusammen? Einen Monat werde ich im Lande unterwegs sein, mir etwa Chongqing ansehen, das chinesische »Detroit«. Oder das Museum der Traktorenfabrik »Der Osten ist rot« in Luoyang. Mein Gepäck besteht aus einem wieder mal viel zu schweren Koffer mit 19 Kilogramm. Mit im geistigen Gepäck die Versatzstücke des alltäglichen Wissens über China: Mao Zedong, Kulturrevolution, »Werkstatt der Welt«, neuerdings Elektroautos und ganz aktuell die »wachsende Bedrohung« von »uns« durch das asiatische Land. Bekannte hatten auch ein paar Tips parat: Es gebe in den Restaurants keine Servietten und in den Toiletten keine Türen.
Auf die Idee zur Reise kam ich vor einem Jahr. Weil mir der Direktflug nach Japan einfach zu lange war, machte ich einen Zwischenstopp in Beijing. Und war völlig verblüfft, wie unkompliziert das Leben für Reisende war; der technische Standard der U-Bahn etwa ist sehr modern, die Ausschilderung leicht verständlich. Mir wurde klar, dass ich trotz der allgegenwärtigen Medienflut eigentlich ganz wenig über das moderne China wusste.
Jetzt sitze ich in meinem Hotelzimmer in Shanghai, die Dämmerung hat schon eingesetzt, und mein Blick geht hinunter auf ein Stadtviertel, das im Dunkeln liegt. Die Bebauung dort ist höchstens zweistöckig, und das Areal ist umgeben von Hochhaustürmen. Das erinnert mich an den Central Park in New York, auch diese große grüne Lunge der Stadt wird umrahmt von Wolkenkratzern.
Das Land gehört dem Staat
Während meiner Tage in Shanghai umrunde ich dieses Areal mehrere Male, um zu den verschiedenen U-Bahn-Stationen zu gelangen, und es wird klar: Das ist ein Altbauviertel. Beziehungsweise war es, denn die Häuser sind nicht mehr bewohnt, die Zugänge zu ihnen sind dichtgemacht. Allerdings sehe ich ein paar Arbeiter, die durch ein Tor hineingehen. Ich mache das auch, stoße aber dahinter auf einen Wärter, der mir auf chinesisch erklärt, dass ich hier nichts zu suchen habe.
Das Viertel wird wahrscheinlich abgerissen werden. In China gibt es keinen Privatbesitz an Grund und Boden, das Land gehört dem Staat. Privat können Häuser und Wohnungen sein, man erwirbt so ein Nutzungsrecht, das sich über Jahrzehnte erstrecken kann. Es gibt Altstadtviertel, die bestehen bleiben und renoviert werden. Die sogenannten Hutongs in Beijing etwa. Hier kann man die traditionelle Bebauung von Nordchina sehen, kleine Häuser mit Innenhöfen, verbunden durch schmale Gassen. Heute findet man diese verwinkelten Ecken pittoresk, den Bewohnern mangelte es früher freilich an Elektrizität und Hygiene. Und klar ist, die Altstadtviertel wären nicht in der Lage gewesen, all die Menschen aufzunehmen, die seit Jahrzehnten in die Städte strömen.
Der Wohnungsbau in Form von Hochhäusern mit an die 30 Stockwerken hat das Erscheinungsbild des Landes in den vergangenen Jahren stark verändert. Diese baulichen Riegel, meist in Gruppen beieinanderstehend, prägen mittlerweile die Städte, aber auch die Siedlungen auf dem Land. Bei einer Fahrt mit einem der superschnellen Züge, die bis zu 350 Kilometer pro Stunde erreichen, kann man die alten Dörfer mit den einstöckigen Häusern sehen, und dahinter wachsen die modernen Wohnstelen in die Höhe. Dagegen wirken unsere Plattenbausiedlungen geradezu konventionell. Das Erscheinungsbild der chinesischen Wohntürme, die oft dicht beieinanderstehen, könnte auch von einem anderen Planeten stammen, so futuristisch muten sie an.
Gebaut wurden sie unter anderem von dem staatlichen Unternehmen China State Construction Engineering Corporation (CSCEC); dabei handelt es sich um den größten Baukonzern nicht nur Chinas, sondern weltweit, mit einem Umsatz von 305 Milliarden US-Dollar 2024 und mit rund 370.000 Beschäftigten. Der Immobilienmarkt in China befindet sich freilich seit einigen Jahren unter Druck, symbolisch für den Einbruch der Branche steht der Fall Evergrande. Der Immobilienentwickler war 2021 zahlungsunfähig geworden, das private Unternehmen hatte Schulden von umgerechnet rund 300 Milliarden Euro angehäuft. Jahrzehntelang hatte die Baubranche in China zum wirtschaftlichen Wachstum beigetragen und machte bis zu einem Drittel der Wirtschaftskraft aus.
Asyl in Shanghai
Auch die alten Gebäude im Block rund um das Jüdische Museum in Shanghai sind verriegelt und die Zugänge zugemauert. Der Zustand der leerstehenden Stadthäuser lässt eher auf Abriss denn auf Renovierung schließen. Der volle Name des Museums lautet »Shanghaier Museum jüdischer Flüchtlinge« und widmet sich einem wenig bekannten historischen Fakt aus der Zeit des Krieges zwischen China und Japan: Es dokumentiert die Geschichte von rund 20.000 jüdischen Flüchtlingen, die während der Nazizeit in der chinesischen Metropole Zuflucht fanden. Das Museum befindet sich auf dem Gelände der Ohel-Moishe-Synagoge im Stadtteil Hongkou, dem Zentrum des einstigen jüdischen Viertels.
Mit den Nürnberger Gesetzen 1935 und dem Beginn des Krieges stieg die Zahl der Menschen, die Europa verlassen mussten, rasant an. Eine der überraschendsten und riskantesten Fluchtrouten führte über Litauen, die Sowjetunion und die Transsibirische Eisenbahn nach Japan. Entscheidend war dabei die Rolle von Sugihara Chiune, einem japanischen Diplomaten in Kaunas, der rund 2.100 Transitvisa ausstellte – ohne Rückendeckung seines Außenministeriums. Weil die meisten Visa ganze Familien abdeckten, konnten so insgesamt 5.000 bis 6.000 Menschen entkommen.
Zwischen 1940 und 1941 erreichten geschätzt 2.500 bis 4.000 europäische Juden den Hafen von Kobe in Japan. Das Transitland gewährte einen vorübergehenden Aufenthalt – aber kein dauerhaftes Asyl. Als sich die Beziehungen zu den USA und Großbritannien verschlechterten und Japan immer tiefer in das »Achsenbündnis« mit Deutschland rutschte, drängten die Behörden auf eine Weiterreise in das japanisch kontrollierte Shanghai. Die Neuankömmlinge fanden zunächst Schutz in überfüllten Pensionen, Synagogen oder Notunterkünften. Besonders im Stadtteil Hongkou entstand eine jüdische Exilgemeinde mit Cafés, Schulen, Zeitungen und kleinen Werkstätten. Ärzte eröffneten Praxen, Musiker spielten in Hotels, Kinder lernten Hebräisch und Deutsch zwischen Luftschutzsirenen und Hunger.
Obwohl Japan seit 1936 im Rahmen des Antikominternpakts eng mit Deutschland zusammenarbeitete, wich Tokio inhaltlich deutlich von der Rassenideologie der Nazis ab. Zwar versuchte die deutsche Diplomatie wiederholt, Japan zu antisemitischen Maßnahmen zu bewegen. Besonders aktiv war der deutsche, aus München stammende Polizeioffizier Josef Meisinger, der 1941 mit dem U-Boot nach Shanghai entsandt wurde und dort Deportations- oder gar Vernichtungspläne ins Spiel brachte. Doch Japans Regierung lehnte ab. Man betrachte die »jüdische Frage« als europäisches Problem, hieß es im Außenministerium – ein bemerkenswerter Satz in einer Zeit, als Deutschland systematisch auf die »Endlösung« zusteuerte.
Nach dem Angriff auf Pearl Harbor 1941 besetzte Japan auch das britische und US-amerikanische Verwaltungsgebiet Shanghais. Unter dem Druck deutscher Diplomaten und aus Sorge vor Spionage entschied Tokio im Februar 1943, einen »Beschränkten Aufenthaltsbereich für staatenlose Flüchtlinge« einzurichten – das später berüchtigte Ghetto von Shanghai im Stadtteil Hongkou. Die Lebensbedingungen waren hart: Lebensmittel waren rationiert, die medizinische Versorgung blieb prekär, und die Versorgungslage verschlechterte sich mit zunehmender Kriegsdauer drastisch. Zeitzeugen berichten von langen Schlangen an Suppenküchen, improvisierten Schulen und einem kulturellen Leben, das trotz aller Entbehrungen erstaunlich lebendig blieb. Japanische Behörden führten Ausgeh-beschränkungen und Kontrollen ein, doch sie verhinderten mehrfach deutsche Pläne für radikalere Maßnahmen. Die Rettung dieser Gemeinschaft war kein Ausdruck japanischer Philanthropie – aber ein Ergebnis der konsequenten Distanz Japans zur deutschen Rassenideologie. Nach Kriegsende blieb Shanghai für die meisten nur eine Zwischenstation. Viele emigrierten in die USA, nach Australien oder in das neugegründete Israel.
Luxus statt Nostalgie
Doch von der Geschichte zurück zur Gegenwart. Shanghai hat ein paar Sachen zu bieten, die man in München eher schwer findet. Zum Beispiel Toiletten in jeder U-Bahn-Station. Oder die Kaufhäuser. Während die – wie man früher gesagt hätte – »Konsumtempel« von vormals Karstadt und Kaufhof in der bayerischen Landeshauptstadt leerstehen, reiht sich in der belebten Fußgängerzone von Shanghai Kaufhaus an Kaufhaus und Nobelmarke an Nobelmarke. Für deutsche Altlinke ist das hier eher ein schwieriges Terrain: Gucci und Prada, Rolex und Chanel, Dior und Versace. Der Handyhersteller Huawei verkauft hier seine neuesten Smartphones direkt neben den Elektroautos, die er ebenso herstellt. Auf dieser Shoppingmeile wird deutlich: Die »sozialistische Marktwirtschaft« hat Leute hervorgebracht, die sich all diese noblen Waren auch leisten können.
Später stolpere ich zum Beispiel auf der Straße über einen Mercedes-Maybach. Die schwäbische Luxuskarosse mit einem Einstiegspreis von 200.000 Euro hat wohl einem der erfolgreichen chinesischen Unternehmer gefallen, obwohl die heimischen Autobauer längst ebenfalls Modelle in diesem Marktsegment anbieten. »Von Mao zu Maybach«, so könnte man also die Entwicklung in China in den vergangenen 45 Jahren zusammenfassen. Oder wie etwa die Süddeutsche Zeitung einen »Turbokapitalismus« am Werk sehen. Das Blatt titelte im Mai: »Brutal statt sozial: Chinas gnadenloser Kapitalismus. In China regiert das Geld, ohne Vermögen sollte man weder alt noch krank werden.« Eigentlich regiert ja die Kommunistische Partei, aber wir werden uns diesen Befund später noch näher ansehen.
Aber wo ist jetzt Mao in der heutigen chinesischen Gesellschaft geblieben? In Beijing habe ich sein Porträt am Eingang zur Verbotenen Stadt gesehen, das einzig öffentliche, das mir auffiel. In Xi’an gab es in einer Touristenmeile hinter den Ausgrabungsstätten der berühmten Terracottaarmee ein Geschäft, das nur Mao-Artikel anbot – darunter das berühmte rote Büchlein in zig Sprachen. Nachdem der Händler herausgefunden hatte, dass ich aus Deutschland komme, eilte er in seinen Laden und kam mit einer deutschen Ausgabe wieder heraus. Ich sagte dankend nein, ich meinte, irgendwo zu Hause müsse noch eins aus den 1970er Jahren herumliegen. Schließlich stoße ich hier in Shanghai, wo ja 1921 die Kommunistische Partei Chinas gegründet wurde, auf ein Wohnhaus, in dem Mao mit seiner Familie 1924 lebte. Zu sehen sind diverse Fotografien und ein Ledersessel aus dieser Zeit. Das einstöckige Gebäude ist längst von modernen Hochhäusern umgeben, es ist – ebenso wie die Politik des »Großen Vorsitzenden« – inzwischen ein Relikt aus der Vergangenheit.
→ »Wo der Osten noch immer rot ist« (Teil 2) erscheint an dieser Stelle am 25. Juli.
Rudolf Stumberger ist ein deutscher Soziologe, Publizist und Autor einer ganzen Reihe von Buchveröffentlichungen zu sozialen, historischen und anderen Themen. Er lehrt an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main und schreibt regelmäßig in internationalen Zeitungen und Zeitschriften.
Zum Autor: Rudolf Stumberger
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