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Aus: Ausgabe vom 08.04.2026, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Bauernfrage

Von Reinhard Lauterbach
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Das kollektive Arbeiten musste erst gelernt werden. Usbekische Bauern in den 1930er Jahren

Die »Bauernfrage« ist ein Begriff aus dem Jargon der Sozialisten zwischen – grob gesagt – 1850 und 1950. Sie ist nicht identisch mit der »Agrarfrage«, die sich mit den ländlichen Produktionsverhältnissen befasst. Die Bauernfrage dagegen setzt an bei der Überlegung, ob die unmittelbaren landwirtschaftlichen Produzenten, auch wenn sie keine Proletarier sind, für die Sache des Sozialismus entweder direkt gewonnen oder zumindest so weit neutralisiert werden konnten, dass sie die sich auf die industrielle Arbeiterklasse stützende sozialistische Revolution nicht behinderten.

Karl Marx hatte mit den Bauern politisch nicht viel am Hut, auch wenn er seine publizistische Laufbahn mit Berichten über das Elend der Moselwinzer begonnen hatte. Zwar nahm er im »Kapital« über die Folgen der »ursprünglichen Akkumulation« für die britischen Bauern kein Blatt vor den Mund, aber er hielt ihre Verwandlung in Proletarier für unvermeidlich. Erst gegen Ende seines Lebens wurde Marx durch die Entwicklung in Russland damit konfrontiert, dass der von ihm am englischen Beispiel skizzierte Entwicklungsweg vielleicht nicht der einzig mögliche sein könnte. Aber sein Tod hat verhindert, diese Überlegungen auszuführen. Erst für die Sozialisten in Russland, wo die landlosen oder landarmen Bauern die große Mehrheit der Bevölkerung waren, stellte sich die »Bauernfrage« praktisch.

Die Bolschewiki dachten revolutionspragmatisch: Es ging ihnen darum, für die von ihnen 1917 vorbereitete Revolution – die vor allem von den Städten ausging – die zumindest stillschweigende Duldung der Landbevölkerung zu erreichen. Das geschah durch die Parole »Land und Frieden«, die den Bauern ihren Willen ließ, sich das Land der Gutsbesitzer zu holen. Sie war ursprünglich von den mit Lenins Partei konkurrierenden Sozialrevolutionären aufgebracht worden. Rosa Luxemburg hat schon 1918 darauf hingewiesen, dass die Bolschewiki mit der Duldung der kleinbäuerlichen Landnahme sich eine Klasse erbitterter Gegner heranzuziehen im Begriff waren. 1921 mussten die Bolschewiki erkennen, dass sie gegen diese Mehrheit nicht ankamen: Die »Neue Ökonomische Politik« war ökonomisch ein Zugeständnis an die bürgerlichen Verhältnisse auf dem Lande. Es kostete die Bolschewiki später enorme Gewalt, den Widerstand der gerade erst zu Eigentum gekommenen Bauern gegen die sozialistische Industrialisierung zu brechen. Dass sie darüber die russische Landwirtschaft zu Jahrzehnten geringer Produktivität verurteilten, war die Kehrseite dieses Prozesses.

Wieder anders verlief die Entwicklung in China. Dort war die industrielle Arbeiterklasse eine noch kleinere Minderheit, als sie es in Russland gewesen war. Nachdem der Versuch, im industrialisierten Shanghai eine Revolution nach sowjetischem Vorbild zu organisieren, 1926 gescheitert war, setzte Mao Zedong die Entscheidung durch, die künftige Revolution ganz auf die Landbevölkerung zu stützen und einen »langen Marsch« von der Provinz in die Zentren des Landes zu beginnen. Das war nach zwei Jahrzehnten politisch erfolgreich – aber die ländlichen Kleinproduzenten blieben äußerst unproduktiv und konnten mit Mühe ihre Familien, nicht jedoch das ganze Land ernähren. Dieses Dilemma blieb erhalten, bis Deng Xiaoping mit der Zulassung bäuerlichen Privateigentums die Ansätze der sowjetischen »Neuen Ökonomischen Politik« aus den frühen 1920er Jahren aufgriff, ohne diese nach wenigen Jahren wieder abzuwürgen.

In Deutschland versuchte die KPD ohne größeren Erfolg, das ländliche Proletariat – die lohnabhängigen Arbeiter der großen ostdeutschen Güter – zu organisieren. An die eigentlichen Bauern kam sie nicht heran, auch später in der DDR nicht. Marxens Diagnose über den Parzellenbauern als konservativste Klasse der Gesellschaft hat sich damit im Kern bestätigt.

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