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Imperialistischer Rassismus

Dokumentiert. Reinhard Opitz über die Vorgeschichte des deutschen Faschismus vor dem Ersten Weltkrieg

Foto: IMAGO/CPA Media
Sudanesen in einer »Menschenzoo«-Ausstellung des Tierhändlers Carl Hagenbeck, die Ende der 1870er Jahre in Berlin, London und Paris gezeigt wurde

Die triviale Brutalphilosophie vom »Lebenskampf«, als dessen »natürliches« Antriebsmotiv der Wille zur »Selbstbehauptung« im Überlebenskampf als Stärkerer und also der »Wille zur Macht« galt (…), fand ihren sie in anspruchsvolleres Dunkel erhöhenden und gleichzeitig zu ihren schärfsten Konsequenzen zuspitzenden Künder in Friedrich Nietzsche. Nietzsche trieb die Vorstellungen von der »natürlichen Auslese« im »Kampf aller gegen alle« nun zur Forderung und zum hymnisch gefeierten Ideal der »Züchtung« einer »höheren, stärkeren« Art, des sich in seinem »Willen zur Macht« durch keine »Sklavenmoral des Mitleids und der Humanität« mehr gehemmt fühlenden, sich durch mitleidlosen Lebenskampf-Egoismus, Härte und Grausamkeit auszeichnenden »Übermenschen« voran, eines »Herrenmenschen«, der sich »jenseits von Gut und Böse« seines Lebensrechtes zur Versklavung der Schwächeren bewusst sei und von ihm Gebrauch mache, – einer »Herrenrasse«, die in einem Zeitalter bevorstehender »großartiger Kriege« zur weltbeherrschenden Erdregierung würde: der »blonden Bestie«. (…)

Es gehört nun zu den heute sicher als schockierend empfundenen, doch zum Verständnis der Herausbildung der »völkischen« Richtung und des Faschismus äußerst wichtigen und daher zur Kenntnis zu nehmenden Wendungen oder Sachverhalten der politischen Ideologiengeschichte, dass der Sozialdarwinismus (…) seine beiden Funktionsmängel als Integrationsideologie – also die Abwesenheit eines jeden Werthaftigkeitsschemas und seine Unfähigkeit, ein kollektives, klassenübergreifendes nationales Lebenskampfsubjekt zu konstituieren – ausgerechnet dadurch zu überwinden vermochte, dass er sich mit dem »modernen« Rassismus verband.

Vielleicht zunächst ein Wort dazu, weshalb hier von »modernem« Rassismus die Rede ist. Natürlich gab es Rassismus, wenn man darunter ein Ressentiment gegen fremdartige Menschen und auf ihm sich aufbauende Vorurteilsketten, die darauf hinauslaufen, ihnen mindere Qualitäten oder »Barbarentum« qua Stammesveranlagung zuschreiben zu können, in der Geschichte der Völker nur allzu häufig und seit undenklichen Zeiten. Doch erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde in Europa von den Verteidigern der feudalen Adelsvorrechte und aristokratischen Besitzherrschaft im Kampf gegen den Aufstieg von Demokratie und Proletariat jenes seit altersher leicht anfrufbare Ressentiment zu einer Weltgeschichtserklärung, einer allgemeinen Geschichtstheorie, die mit Wissenschaftsanspruch – nämlich pseudonaturwissenschaftlicher Begründung – auftrat, hochformuliert; und es erfüllte in dieser zu einem quasinaturwissenschaftlichen Geschichtsbild generalisierten und systematisierten neuen Form bald auch eine historisch neuartige, nämlich – ungeachtet ihrer noch feudalaristokratischen geistigen Geburtshelfer – imperialistische Funktion: wurde imperialistischer Rassismus. Das markanteste Startsignal hierzu hatte das 1853–55 in Frankreich von Joseph Arthur Graf Gobineau veröffentlichte vierbändige Buch »Die Ungleichheit der Menschenrassen« gegeben, das in Frontstellung gegen den Egalitätsgedanken der Demokratie eine »natürliche Ungleichheit« der Menschen vermittels der These behauptete, dass es unterschiedlich wertvolle Menschenrassen gäbe, um dann die Wertunterscheidung der Rassen wie folgt in ein Argument gegen die Demokratie zuzuspitzen: Aller Kulturverfall käme von der »Bastardisierung« – der Vermengung »wertvoller« Rassen mit »minderwertigen« –, das Volk jedoch sei bastardisiert, die Kultur daher nur durch die Herrschaft derjenigen Geschlechter, die über Generationen ihre Rasse »rein« gehalten haben (also dem Adel), aufrechtzuerhalten. Oder nur andersherum: Alles Unheil käme von der Gleichheit, da sie mit Bastardisierung identisch sei, diese aber Kulturverfall und vor allem den Verlust der Herrschaftsfähigkeit der Nation bedeute. (…)

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Allerdings, der Imperialismus, der von der zweiten Jahrhunderthälfte an in nur phasenverschobenem Tempo in Großbritannien und Frankreich und Deutschland gleichermaßen sich entwickelt und durchsetzt, ist Kapitalexport- und Ausdehnungsdrang über die Erdkugel hin und Reaktion, Antidemokratismus, Aufklärungs- und Liberalismuswiderruf nach innen in untrennlicher Einheit, und das vom Grafen Gobineau zur schon hoffnungslosen Verteidigung noch der Feudalkaste mitten im Triumphjahrhundert und im Triumphland des Großbürgertums geschneiderte Theoriegewand hatte in der Tat Ärmel für beides. Der Imperialismus also brauchte in dieses Gewand nur hineinzuschlüpfen und konnte – mit der kleinen Modifikation, versteht sich: die »Rasse« der jeweiligen eigenen Nation zur weltedelsten zu erklären – nunmehr gleichrangig Kriege und Versklavungsabsichten gegenüber anderen Ländern und Völkern und den Krieg gegen seine politischen Widersacher im eigenen Lande nahtlos mit ein und derselben – rasse»theoretischen« – Argumentation rechtfertigen; er konnte so seine inneren Gegner auf den Nenner der äußeren bringen und damit beide in einem einzigen Feindbilde zusammenziehen.

Mit diesem »modernen« Rassismus also verband sich der Sozialdarwinismus.

Reinhard Opitz (1934–1986): Zur Entstehung der »völkischen« Richtung im politischen Kräftespektrum der bürgerlichen Gesellschaft. In: Reinhard Opitz: Faschismus und Neofaschismus. Verlag Marxistische Blätter, Frankfurt am Main 1984, und Akademie-Verlag, Berlin/DDR 1984, S. 10–15

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Erschienen in der Ausgabe vom 11.07.2026, Seite 3, Wochenendbeilage

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