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Aus: Ausgabe vom 13.12.2025, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Der Lange Marsch in die Moderne

Wie steht es um den »Sozialismus chinesischer Prägung«? Eindrücke einer Reise durch die Volksrepublik
Von Kai Köhler
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Einer muss es ja machen: Xi Jinping hält alles in Schuss

Vier sehr große Städte in nur neun Tagen, in einer deutschen Gruppe, durch ein zuvor unbekanntes Land mit unbekannter Sprache und rätselhafter Schrift – lässt sich über eine solche Reise überhaupt etwas schreiben? Immerhin Eindrücke festhalten, und einige sehr vorläufige Schlussfolgerungen.

Zu den Eindrücken gehört die Stimmung. Wo viele Menschen aufeinandertreffen, geht es manchmal ein wenig rau zu – wer in Berlin lebt, weiß dies. Beijing, Tianjin, Shanghai und Shenzhen sind Gegenbeispiele. Auch im Gedrängel bleiben die Leute ruhig, auch im zähfließenden Straßenverkehr der Rushhour gibt es keine Rücksichtslosigkeit. »Kunststück!« werden notorische China-Kritiker ausrufen, es hängen ja auch überall Kameras! Tatsächlich hängen die fast überall. Doch schert man sich wenig um kleinere Regelverletzungen. Leute gehen bei Rot über die Straße, und in Shenzhen tut man gut daran, auf die fast lautlosen Elektromopeds zu achten, die von rechts wie von links heranschwirren, auf der Straße und auf dem Gehweg.

Die Elektromobilität ist schon verbreitet. E-Autos sind durch die Farbe ihrer Nummernschilder kenntlich, was durchaus von Bedeutung ist. Ihre Besitzer nämlich können an jedem Wochentag die Fahrzeuge benutzen, während die Verbrenner an je einem Tag der Woche stillgelegt werden. An welchem, richtet sich nach der Schlussziffer des Kennzeichens.

Möglich ist das dank eines gut ausgebauten öffentlichen Nahverkehrs. Auch der Fernverkehr muss sich nicht verstecken. Zwei Bahnfahrten waren Bestandteil der Reise: knapp fünf Stunden von Tianjin nach Shanghai, gut zehn Stunden von Shanghai nach Shenzhen. Beide Fahrten begannen auf die Minute pünktlich; nicht zu denken an »verspätete Bereitstellung des Zuges« oder »Verspätung aus vorangegangener Fahrt«. Beide Züge trafen auf die Minute genau in den Zielbahnhöfen ein. Auffällig, was Ökologie angeht: Die Mülltrennung ist verbreitet. Papierkörbe auf Straßen, Abfallbehälter im Hotelfoyer forderten nach für Sprachunkundige nicht ganz einfachen Kriterien zum Sortieren auf.

Sicherheit und Digitalisierung

Auffällig ist der hohe Stellenwert von Sicherheit im Alltag. Das zeigt sich bei Kontrollen, die schnell und routiniert durchgeführt werden, bevor man zu Zügen und U-Bahnen, aber auch in Museen gelangt. Die Gefahr eines uigurischen Terrorismus ist noch nicht gebannt. Aber auch im Alltag zeigt sich das Bemühen, möglichen Risiken frühzeitig zu begegnen. Die Badezimmer aller vier besuchten Hotels waren mit Telefonen ausgestattet – wer dort ausrutscht, wird rasch Hilfe herbeiholen können.

Manche Warnschilder wirken freilich übertrieben. In der Nähe von Shanghai befindet sich das Wasserdorf Zhujiajiao. Dort sind an einigen Bächen und Kanälen alte Häuser erhalten, eine Attraktion auch für Chinesen. Entsprechend wird Eintritt verlangt, und in so gut wie jedem Gebäude gibt es Geschäfte, die Andenken oder Kulinarisches anbieten. Die Gewässer, und darum geht es hier, sind seicht. In ihnen zu ertrinken würde eine ungewöhnliche Tölpelhaftigkeit erfordern. Dennoch mahnen Piktogramme, sich nur ja nicht zu weit über die Ufer der Bächlein hinauszulehnen.

Das wird offenkundig akzeptiert, wie auch die Präsenz von Sicherheitskräften im Alltag. Freilich wirken chinesische Polizisten nicht eben bedrohlich. Ihre deutschen Kollegen haben während der vergangenen Jahrzehnte optisch wie waffentechnisch aufgerüstet und verbreiten nun in Kampfmontur Bürgerkriegsatmosphäre. Verglichen damit wirken Polizisten in Beijing oder Shenzhen zivil. Sie werden unbefangen um Rat gefragt, soweit beobachtbar, treten sie dann nicht als Repräsentanten einer Staatsgewalt auf, sondern als freundliche Helfer.

Unterstützt werden sie durch ein fortgeschrittenes Informationsmanagement. Die Digitalisierung ist in China weit vorangetrieben, wenn auch mit lokalen Unterschieden. Das kann für Reisende zum Problem werden, nämlich wenn wichtige Dienstleistungen nur über eine lokale App verfügbar sind – die Rede ist hier zum Beispiel von Taxis in Beijing. Und vieles ist mit dem Ausweis verknüpft: Die große Mehrheit der Zugreisenden hat ein namensgebundenes Ticket gebucht und kann die Sperre zum Bahnsteig mit einer Kombination von Ausweis und Gesichtserkennung passieren. Für Zurückgebliebene und Touristen gibt es einen Nebeneingang, auch das funktioniert.

Ermöglicht dies Überwachung? Zweifellos ja. Doch sollte man nicht vergessen, dass die deutsche Regierung eine »Digital only«-Strategie androht, die Gleiches erlauben wird, hier aber nicht im allgemeinen Interesse ist. Auch das, was im Westen als chinesisches Sozialkreditsystem angeprangert wird, gibt es in Deutschland längst. Es nennt sich Schufa, ist privatwirtschaftlich organisiert, wertet anders als in China nach öffentlich nicht einsehbaren Kriterien und ist nur gegen Kunden gewendet, während in China auch die Qualität der Arbeit von Behörden beurteilt wird.

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Da wächst etwas: Shenzhen

So ist – soweit einsehbar – die Haltung in China zur Digitalisierung positiv. Die Metropole Shenzhen verfügt über ein Technologiemuseum, in dem vor allem ortsansässige Firmen ihre aktuellen und zukunftsweisenden Produkte präsentieren. Was von alledem klappt? Am Ausgang des Museums bekam man leckeres Eis. Ein dienstfertiger Roboter mühte sich, die Reisegruppe zu versorgen, und war doch mit seinen drei Geschmacksrichtungen viel langsamer als ein Verkäufer hierzulande, der Kugeln aus einer Auswahl von dreißig Behältern vor sich formt.

Stahl und Stadtbilder

Überhaupt: Shenzhen. Die Region hatte um 1980 etwa 60.000 Einwohner. Dann wurde eine Sonderwirtschaftszone geschaffen, um Kapital aus der benachbarten britischen Kolonie Hongkong anzuziehen. Heute leben hier knapp 18 Millionen Menschen, und das ausländische Kapital wurde zum inländischen. Ist diese neueste Stadt zugleich die modernste? Natürlich gibt es ein Zentrum mit einer dreistelligen Zahl von Geschäftshochhäusern aus Glas und Stahl, viele von ihnen mit Anspruch auf originelle Formen gestaltet. Es haben sich allerhand Firmen angesiedelt, die ihr Geschäft mit Zukunftstechnologien machen. Die Reisegruppe besichtigte die Zentrale der BGI Group, also des Beijing Genomics Institute. Die einst staatliche Institution wurde 2007 privatisiert und wechselte aus der Hauptstadt nach Shenzhen, vermutlich um dort von Forschungsnetzwerken zu profitieren.

In Beijing gibt es zwar einige Paläste und Parkanlagen, die als Sehenswürdigkeiten erhalten sind, ein paar alte Gassen und eine Handvoll sozialistischer Repräsentationsbauten aus den 1950er Jahren. Abgesehen davon ist die Stadt eine Ansammlung von Wohn- und Bürohochhäusern. Wer am Europäischen hängt, wird hingegen in Tianjin und Shanghai fündig. Die Ursache ist unerfreulich: Westliche Groß- und Mittelmächte erzwangen im 19. Jahrhundert die Öffnung Chinas und sicherten sich besonders in wichtigen Hafenstädten Konzessionsgebiete, die de facto Kolonien waren.

Von diesen Straßenzügen ist ein großer Teil erhalten. Die Viertel im deutschen, britischen oder italienischen Baustil mögen als Reiseziele für diejenigen herhalten, die sich keinen Langstreckenflug leisten können – vom Bus aus sahen wir, dass es sich immerhin um eine geeignete Kulisse für Hochzeitsphotos handelt. Jedenfalls wird der politisch prekäre Teil der historischen Bauten sogar besser bewahrt als die alten chinesischen Stadtteile, die weitgehend verschwunden sind. Das gilt in Shanghai auch für einen Teil jenes Bereichs, in dem die japanischen Besatzer 1943 auf Druck ihrer deutschen Verbündeten hin ein Ghetto einrichteten, in dem jüdische Flüchtlinge aus Europa interniert waren. Hier erinnert ein Museum auf dem Gelände der Moshe-Synagoge an diesen Teil der Stadtgeschichte.

Rundherum herrscht Abriss. Wo vor vierzig Jahren fünfstöckig gebaut wurde, werden heute auf teuer gewordenen Grundstücken dreißig Etagen errichtet. Fährt man mit dem Zug durchs Land und nähert man sich einer Großstadt, so fällt zunächst eine Gruppe von gleichförmigen und meist eng beieinander stehenden Wohnhochhäusern auf. Dann verdichten sich die Gruppen, bis man zuletzt eine geschlossene Bebauung durchfährt. Wer schnuckelige Altbauten mag, den überkommt ein Grauen. Aber wer sich Hütten ohne Wasser und Elektrizität vorstellt und wer sich fragt, wie man 1,4 Milliarden Menschen unterbringt, sieht den Fortschritt.

Und Shenzhen? Die Stadt ist in den Randbezirken relativ alt, gerade weil sie so neu ist. Die erste Generation der Gebäude ist noch nicht ans Ende ihrer knapp bemessenen Existenz gelangt. 2027 oder 2028 mag das schon anders aussehen.

Wille und Mittel

Im Alltag sind Soldaten kaum sichtbar. Das überrascht nicht, denn verglichen mit Deutschland oder gar den USA ist ein geringerer Anteil der Bevölkerung beim Militär. Dennoch wird deutlich, dass die Verteidigung des Landes gegen mögliche imperialistische Angriffe einen hohen Stellenwert hat. Zu den möglichen Anwendungen, die im Technologiemuseum Shenzhen gezeigt werden, gehören auch militärische. In den Hochgeschwindigkeitszügen hängen Bildschirme, auf denen immer wieder Aufnahmen der Parade am 3. September zum 80. Jahrestag des Sieges über Japan gezeigt wurden. Die Botschaft ist klar: China hat den Willen und die Mittel, sich gegen jede Form des Neokolonialismus zu wehren und die Einheit des Landes zu sichern.

Die Kampfkraft der Volksbefreiungsarmee betont auch die Ausstellung in der dritten Etage des Museums zur Geschichte der Kommunistischen Partei Chinas, das 2021 zu ihrem hundertsten Gründungstag in Beijing eröffnet wurde. Man bewegt sich dort von unten nach oben. Das Kellergeschoss ist der kulinarischen Versorgung gewidmet. Ausgerechnet hier ärgert eine KFC-Filiale. Auch sonst zeigt eine Fülle von Starbucks- und McDonald’s-Filialen an prominenten Orten, dass US-Einflüsse noch nicht ausreichend begrenzt sind. Im Museum, um auf dieses zurückzukommen, bekommt man in der ersten Etage die Geschichte bis zum Sieg der KP im Bürgerkrieg und der Gründung der Volksrepublik 1949 präsentiert. Bereits hier wird deutlich, dass die Geschichte der Partei und die Geschichte des Landes unmöglich zu trennen sind.

Das gilt natürlich um so mehr für die Zeit der Volksrepublik selbst. Ihren ersten 63 Jahren ist die zweite Etage gewidmet. Interessant ist dabei die Gewichtung. Die ersten 27 Jahre, die politisch vor allem von Mao Zedong geprägt wurden, sind auf einem guten Drittel der Abteilung Thema. Die Abbildungen zeigen – wie schon die der Kriegs- und Bürgerkriegszeit – eine kollektive Führung der Partei. Nur ab und an ist Mao alleine zu sehen, mehrmals aber begleitet vom Premierminister Zhou Enlai. Fehler werden nicht verschwiegen: Die Kulturrevolution kommt vor, freilich als erfolgreicher Kampf gegen den Linksradikalismus, dessen schlimmste Verkörperung sie war. Dass es mehrere Jahre brauchte, die zerstörerischen Kräfte unter Kontrolle zu bringen, muss man wissen, wenn man ins Museum hineingeht. In etwa gleichem Umfang wird der Staatsbesuch des US-Präsidenten Richard Nixon im Jahr 1972 gezeigt. Dies vertiefte damals die Spaltung im sozialistischen Lager zwischen China und der Sowjetunion, war aber zweifellos ein diplomatischer Erfolg Maos und Zhous, der die Isolation der Volksrepublik durchbrach.

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Hier sorgt ein Schild für Ordnung: Das Wasserdorf Zhujiajiao

Der Held der zweiten Etage ist aber Deng Xiaoping, der mehr als zwei Jahrzehnte nach Maos Tod die chinesische Politik maßgeblich bestimmte. Von ihm gibt es eine Unzahl Photos, Gemälden und Erinnerungsstücken zu sehen. Die Ausstellung vermittelt den Eindruck, dass Mao zwar weiterhin als wichtige Persönlichkeit der Geschichte von Partei und Volksrepublik gilt, dass aber Deng, der Initiator der Wirtschaftsreformen nach 1976, die eigentliche Gründerfigur des heutigen China ist. Nächst ihm wird Jiang Zemin, 1993 bis 2003 Staatspräsident sowie 1989 bis 2002 Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei, viel Platz eingeräumt. Die vierte Führungsgeneration mit Hu Jintao als Generalsekretär (2002–2012) und Präsident (2003–2013) mit Wen Jiabao als Premierminister, kommt fast nicht vor.

Das gesamte dritte Stockwerk ist dann der Zeit seit 2012 gewidmet. Laut Text im Eingangsraum begann eine »neue Ära des Sozialismus chinesischer Prägung«, in der eine Gesellschaft mit bescheidenem Wohlstand in jeder Hinsicht geschaffen und China in eine moderne sozialistische Gesellschaft fortentwickelt werde. Zwar sieht man ein Photo des ganzen Politbüros, doch beherrschende Figur ist Xi Jinping. Er ist, laut Eingangstext, die Schlüsselgestalt und leitet das Zentralkomitee, damit die Partei, das Militär und das chinesische Volk mit all seinen Ethnien dieses Ziel erreichen.

Ist das Personenkult? Vielleicht entspricht es den Widersprüchen einer Zeit, in der tatsächlich zählt, wer an der Spitze steht. Ohne marktwirtschaftliche Elemente wäre der Aufstieg Chinas nicht möglich gewesen. Eine Partei aber, die jahrzehntelang Marktwirtschaft organisiert, steht in Gefahr, ihren sozialistischen Charakter zu verlieren und ideologisch auch da zu verrotten, wo von verbrecherischer Korruption noch nicht die Rede sein kann. Die Führung seit 2012 tritt dem entgegen und muss doch zugleich in der internationalen Konkurrenz auch kurzfristig auf Effektivität achten. Mehr noch als in der zweiten Etage sind in der Gegenwartsabteilung technologische Errungenschaften ausgestellt, wobei das Militär keine herausgehobene, aber doch eine sichtbare Rolle spielt.

Zugleich vereint die Ästhetik aus europäischer Sicht unterschiedliche historische Zeiten. Es gibt allerneueste Gerätschaften zu sehen, doch befindet sich unter dem zitierten Eingangstext ein traditionelles Relief, das naturalistisch verschiedene Gruppen der chinesischen Gegenwarts-gesellschaft zeigt. Ein Gemälde mit einem pelzmützenbewehrten Xi Jinping, der in einer unwirtlich kalten Gegend Soldaten besucht, wirkt wie ein Produkt des sowjetischen Sozialistischen Realismus der 1930er oder 1940er Jahre. Offenkundig hatten die Leute, die die Ausstattung des Museums zusammengestellt haben, mit all dem aber keine Probleme. Vielleicht stellt ja die westliche Kunstentwicklung, die auf avantgardistische Effekte setzt, einen Sonderweg dar. Die Einheit von überkommener kommunistischer Kampfästhetik und modernster Technologie entspricht dagegen dem Selbstbild, das in diesem Museum gesetzt wird. Zu hoffen ist, dass dies für die ganze Partei gilt.

Partei und Prinzipien

Die China-Erkundung war eine Leserreise der UZ, der Wochenzeitung der DKP, die 2026 ähnliche Fahrten anbieten wird. Das hatte den großen Vorteil, dass ein Termin bei der außenpolitischen Abteilung des Zentralkomitees – ähnlich einflussreich wie das staatliche Außenministerium –möglich war, konkret: mit dem stellvertretenden Leiter der Westeuropaabteilung. Bei diesem Gespräch wurden Hauptlinien der Außenpolitik deutlich, wie die Partei sie sieht.

Das ZK unterhält, erfuhren wir, Kontakte zu mehr als 700 Parteien unterschiedlicher politischer Richtungen. Es geht dabei nicht um eine gemeinsame marxistische Weltsicht – China exportiere keine Ideologie. Vielmehr sei das Ziel, Prinzipien der gegenseitigen Nichteinmischung und einer eigenständigen friedlichen Entwicklung zu stärken, damit jedes Land seinen eigenen Weg finden könne. Die Dialoge mit unterschiedlichen Partnern sollen Missverständnisse abbauen.

Implizit wurde die Skepsis deutlich, ob dies im Austausch mit den USA möglich ist, weil diese darauf beharren, anderen Ländern ihr System aufzuzwingen. Gegenüber Europa insgesamt und Deutschland im Besonderen bleibe aber eine umfassende Strategie der Partnerschaft Strategie der chinesischen Politik. Darum sei man mit unterschiedlichen Kräften in stetigem Austausch.

Die Argumente von chinesischer Seite waren geeignet, jeden rational denkenden Menschen zu überzeugen. Warum sollte Deutschland, von einer Rezession geplagt und mitsamt der EU von US-Zöllen getroffen, so ganz den Vorgaben des angeblichen Verbündeten folgen, die Beziehungen zu China hingegen herunterfahren? Wir deutschen Besucher blieben skeptisch. Schließlich erleben wir, wie die Lüge von einer Bedrohung durch Russland zu einer ökonomisch ruinösen Aufrüstung benutzt wird, wie Repression den Bereich des Sagbaren einschränkt, wie sich die EU dem ökonomischen Diktat der USA selbstzerstörerisch unterwirft. Kurz: Wir sehen eine deutsche und EU-Politik von kriegerischer Eskalation und wirtschaftlichem Selbstmord, die nicht einmal mehr bloßem imperialistischen Interesse entspricht.

Also fragt sich, wer denn da irrt. Die chinesische Seite hat über fast ein halbes Jahrhundert Staat, Wirtschaft und Gesellschaft zielstrebig aufgebaut. Der Erfolg wurde auf der Reise sichtbar. Vielleicht kann man sich dort gar nicht mehr vorstellen, dass Imperialisten so irre sind wie die linksradikalen Kulturrevolutionäre ab 1966/67. Die deutschen Besucher haben frische Eindrücke aus dem eigenen Land, leiden aber unter dem Nachteil einer von Informationen abgeschnittenen Opposition. Die Chinesen hingegen verfügen über einen Staat und die entsprechenden Mittel. Vielleicht gibt es ja wirklich Gesprächskanäle, vielleicht haben in Deutschland und der EU Vertreter von Wirtschaft und Politik verstanden, dass man sich hier ideologisch verrannt hat. Dies wäre ein wichtiger Baustein dafür, dass der chinesische Aufbau nicht durch einen Krieg zerstört wird.

Kai Köhler, geboren 1964, lebt als Autor in Berlin. Er schrieb zuletzt an dieser Stelle in der Ausgabe vom 25./26. Oktober 2025 über das Musikfestival Molyvos auf Lesbos

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    Ein interessanter Reisebericht. Gerne hätte ich noch gewusst, ob in China thematisiert wird, woher und unter welchen Bedingungen das Lithium für die Elektromobilität bezogen wird und was die Bürger zur teilweisen Zerstörung ihrer historischen Stadtteile meinen. Das Zitat im Bericht: »Es geht dabei nicht um eine gemeinsame marxistische Weltsicht – China exportiere keine Ideologie.« öffnet der Beliebigkeit allerlei »Sozialismen« Tür und Tor – da ist dann glatt auch die SPD noch irgendwie ein bißchen mit dabei. Wenn es keine Haltelinien in Bezug auf den Sozialismus gibt, so wird bzw. bleibt er ein Gemischtwarenladen ohne jede Zukunft.

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