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Eine Art Zoo

Die weite Welt und die Wetterau: ZZ Top in Friedberg sehen und sterben

Foto: IMAGO/mptv

Beginnen wir unseren Bericht über ZZ Top in Friedberg (Hessen) in den ersten Monaten des Jahres 1945. Die Alliierten haben die Stadt als Verkehrsknotenpunkt mehrfach bombardiert, zwischen Friedberg und Frankfurt fährt keine Bahn mehr. Das Fahrrad wird zum wichtigsten Verkehrsmittel. Die Amis betreten Friedberg zum ersten Mal am 29. März. Das Weitere ist bekannt, in Westdeutschland brach das amerikanische Fieber aus, die Besatzungsmacht wurde von der Jugend angehimmelt, es gab Rock ’n’ Roll, es gab Elvis in Friedberg, in meiner Kindheit wurden ausschließlich amerikanische und britische Bands gehört, und die USA waren einfach das Coole überhaupt. In unserem Garten saßen jeden Tag GIs, um meine Schwester zu besichtigen, und als maximaler Ausbund dieser Ultracoolness des fernen, großen Befreiungsstaates, in dem alles besser, größer und lässiger als bei uns war, kam am 19. April 1980, 35 Jahre nach Friedbergs Kapitulation, die texanische Band ZZ Top im »Rockpalast« ins deutsche, damals ausschließlich öffentlich-rechtliche Fernsehen. So etwas hatte man noch nicht gesehen und gehört. Pur, minimal, stampfend, groovig, laut und völlig kurios, jeder kennt das optische Gepräge dieser Band. Sie sahen so aus, wie man sich texanische Landbevölkerung wohl vorstellt, aber vor hundert Jahren. ZZ Top eroberten ihre Welt, legten das berühmteste aller MTV-Videos hin, ließen die Bärte wachsen und wachsen und definierten ihr Publikum: Das waren keine drahtigen, pogenden Schlackse und stolzen Schönlinge, das war eher der schon leicht angesetzte Mann im Unterhemd, der sich gern mal mit dem Handrücken über die Unterlippe fährt, wenn er in der Partyhütte unter seinesgleichen sitzt und sich das klassische Centerfoldgirl anschaut, das jemand an die Wand gepinnt hat. Und das Publikum war, da es ja so sein durfte, gleichsam davon entlastet, nicht in der vordersten Reihe der Ansehnlichkeit mitspielen zu müssen. Ein leises Hecheln war dahinter, und Billy Gibbons neigt in ZZ Tops berühmtestem Song »La Grange« ja auch in gewisser Weise zum Hecheln, mindestens zum Grunzen.

Amerika war die Erlösung, vor allem von uns selbst. Alles, was mit dem offiziellen Deutschland zu tun hatte, war unentspannt, die eigene Laxheit musste man sich schon im Ratinger Hof in Düsseldorf oder an solchen Orten holen – wenn man allerdings heute Bilder von diesen Endsiebziger-/Anfang-Achtzigerzuständen sieht, kann einem auch leicht mulmig werden, denn lax war da nix, das war eher eine sehr germanisch-bluternst gemeinte Form von Gegenentspannung. Wehe dem, der ihr auch nur unbeabsichtigt im Weg stand! Deutschland, heißt es ja inzwischen allerorts, neigt dazu, jede Sackgasse bis zum Ende durchzufahren. Also, kurz gesagt, wir waren aufgespannt zwischen Ratinger Hof und der Reminiszenz an Nazimilitäruniformlodenstoff, das Braungrün von damals war die defensive Muffigkeit der Eltern-/Großelterngeneration, das Punk-Rumgehüpfe die aggressive, körperbewehrte Gegenthese, die sich freilich – und völlig ohne positiven Beweis – Widerstand und Auflehnung nannte. Irgendwie wird das alles im nachhinein so seltsam gleichdeutsch. Überall entdeckt man ähnliche Attitüden quer durch die Jahrzehnte. Und schwarze Ledermäntel waren ja auf beiden Seiten kleidsam, bei den einen angeblich immer völkermordend ernst gemeint, wenn sie mit reichsdeutscher Fahne herumliefen, bei den anderen immer eine angeblich ironische Verarsche mit Kultfaktor, wenn sie mit der Bierdose herumliefen. Die einen standen in Reih’ und Glied, die anderen saßen auf dem Boden, und erst beides ergibt im nachhinein das damalige Deutsche als Gesamtbild, das wusste aber keiner der Beteiligten.

Da nicht drinstecken zu müssen, gar nicht erst sein präsupponiertes Deutschsein in der expliziten Verneinung oder Bejahung finden zu müssen, das ermöglichte je und stets Amerika. Man nickte alles Amerikanische ab, fand’s super, und fertig. Mit Rock ’n’ Roll neigte man nicht zum Extrem und nicht zur innerdeutschen Rechts-links-Polarisierung. Die USA waren, wie gesagt, erlösend, es war aber vor allem auch wiederum entlastend, uns mit Tausenden Kinofilmen, Fernsehserien und Musikcharts à la AFN irgendwie an die USA angeschlossen zu fühlen oder von ihnen irgendwie, wie soll ich sagen, überstülpt zu sein, wie man den Säugling fest ins Tuch wickelt, so dass er sich lieber mal gar nicht erst bewegen und vom Wickeltisch fallen kann.

Inmitten von alldem kam man sich übrigens völlig natürlich vor. Menschen meiner Generation sprechen von den Achtzigern und Neunzigern, oder besser von den Endsiebzigern bis zu den Mittneunzigern, als der sozusagen schönsten und größten und besten Phase, die man sich – in unserem bis heute wohl etwas eingeschränkten Horizont – vorstellen konnte und kann. Es war die Sekt- und Champagnerzeit. Man könnte auch sagen, wir haben in einer Art Zoo gelebt und hatten dort einen Käfig für absolutes Sondervieh. Der ist aber inzwischen geöffnet worden, und als wir dennoch lange nicht durch die Käfigtür nach draußen wollten, musste man auch die Käfigwände niederlegen. Jetzt stehen wir immer noch am selben Platz, ohne Käfig, sehen uns in die eigene Freiheit zurückgesetzt, bewegen uns immer noch möglichst keinen Millimeter, bibbern vor der Welt und unserem eigenen möglichen Sein und halten alle Gliedmaßen vor Augen und Ohren, um nix sehen und nix hören zu müssen.

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Wir befinden uns also permanent im Auflösungsstadium, die 80er Jahre sind seit fast einem halben Jahrhundert passé, und damals war Hitler zeitlich nicht weiter weg als wir heute von diesen Achtzigern. Auflösung ereilt natürlich auch ZZ Top selbst. Dusty Hill, der mit seinen Fingern so wilde Bassist, ist schon fünf Jahre tot. Frank Beard, der Drummer, wird jetzt öfter von Ersatzmännern vertreten. Frontman Billy Gibbons ist mit seinen dünnen Beinchen jetzt auch schon 76 Jahre alt. Vor allem sind die Auflösungserscheinungen aber durch die Ortswahl des Konzertes zu erkennen: eben jenes Friedberg in der Wetterau.

Dazu muss man etwas ausholen. In meiner Jugend hat man sich überhaupt nicht mit der eigenen Heimatstadt identifiziert. Ich denke, für viele, auch für mich, klingt das Wort »identifizieren« irgendwie widersinnig, denn wozu soll man das tun? Friedberg war eine Lebenswelt, die einem in vielem einfach völlig uninteressant, langweilig, spießig vorkam, nicht weil mal ein Hitler in Deutschland gehaust hatte, sondern weil einem die eigene Mentalität so spießig und grundlangweilig vorkam. Als mein Bruder im Jahr 1981 das Abiturzeugnis verliehen bekommen sollte, rief der Schuldirektor bei meiner Mutter an, ihr Sohn solle doch bitte zur Verleihung in ordentlichen Hosen ohne Flicken und Löcher erscheinen. Darauf schmiss die Mutter die Lieblingshose des Sohns weg, fuhr in die Stadt, kaufte eine nagelneue Jeans und legte sie in den Kleiderschrank an den Platz der alten. Da war mein Bruder achtzehn Jahre alt, vielleicht schon neunzehn.

Das war Friedberg in der Wetterau. Das meiste nahm man von der Stadt eigentlich gar nicht wahr. Langweilige Wohn- und Mietshäuser, für Burg und Stadtkirche (frühgotische Hallenkirche, ein Meisterwerk) interessierte sich niemand, die Burg schätzten wir nur deshalb, weil da einmal im Jahr das linksutopische Friedberger Burgfest stattfand, das sogar ein bisschen überregional bekannt war. Für uns, die Jugend, waren das meist die drei wichtigsten Tage im Jahr, zwischen Grünkernbällchen, Batiktüchern und Kiff. Der absolute Topact, der mal kam, war vermutlich Jan Garbarek, und das war Jazz. Die auf dem Burgfest spielenden Rockbands waren eher lokale Größen. Nix von weiter Welt. Die wirklich erlebte weite Welt war die ganz große Ausnahme, da fuhr man dann (mit der fahrenden Bahn) höchstens einmal nach Frankfurt und sah vielleicht Led Zeppelin oder Deep Purple, worauf man sich gleichsam monatelang innerlich vorbereitete wie auf die eigene Hochzeit. Alles, was große weite Welt war, plätscherte sonst medial in unseren Alltag hinein. D. h., wir kauften Platten, sahen Konzerte im Fernsehen und gingen in Kneipen, wo CCR oder die Allman Brothers liefen, oder mal Iron Maiden, oder Janis Joplin, oder, oder. Aber diese Erlebnisse oder Hörgewohnheiten, von CCR bis Joplin, das eben war Friedberg, das war unsere Jugend, das war das »Eigentliche«, das war das an ein höheres Sein angebundene. Insofern, kann man sagen, existierte Friedberg gar nicht. Das Lascaux war zu meiner Zeit die Hauptanlaufstelle, eine Kellerkaschemme, tief unter der Erde, da wurde dann geraucht und bisweilen zum Beispiel ZZ Top gehört. Vom »Eigentlichen« erhielten wir also nur Botschaften, wir konnten es hören, kaufen, aber weder gab es die Bands, also das höhere Sein, selbst in unserer Lebenswelt, noch gab es deren weite und ferne und große und angehimmelte Lebenswelten in der unsrigen. Diese hieß auf traurige Weise immer und immer schlicht: Friedberg in der Wetterau und eben nicht Texas oder Nashville oder London und dergleichen.

So wurstelten wir uns ins deutsche Leben hinein, das uns nicht so vorkam, gingen nach da und dort, studierten, ergriffen Berufe, und Deutschland wiedervereinigte sich, alles kam einem noch recht lange völlig normal vor (Käfig), über den NATO-Ostdrang machte man sich keine wirklichen Gedanken, über unsere fernen Kriege machte man sich keine wirklichen Gedanken, aus dem Kosovo durfte kein Auschwitz (!) werden, damit war das Bombardement Serbiens auch großzügig weggedacht. Wir lebten aber sehr gern und hatten Spaß, es war nach wie vor, wie es beim Königlich Bayerischen Amtsgericht heißt, »eine liebe Zeit, die gute alte Zeit … Es war halt noch vieles in Ordnung damals.« In Ordnung war wenig, aber das meiste immer noch fern. Und beim Schnitt auf heute? Langsam wird alles wieder wie auf Anfang gestellt. Die Amis haben zwar eine ihrer mächtigsten Basen hier im Land, agieren aber inzwischen fast undercover. Wir stellen auf Rüstung um, sind merklich in einen Krieg verwickelt, ohne irgendeine Kontrolle über den Prozess zu haben (Käfig weg), das Land verfällt ökonomisch und wird zum Ausverkauf bereit gemacht, die Schulden sind an den Rand der Unbeherrschbarkeit gekommen, der deutsche Staatsapparat ist aufgebläht wie nie zuvor und hat die eigene Nationalflagge, die für uns früher so uncool und »nationalistisch« war, nun selbst in den Keller geräumt, ohne dass irgend etwas ins hinterlassene Vakuum hineinströmen könnte, weil nichts da ist. Rock ’n’ Roll, die Freiheitserzählung von damals gegen die Spießigkeit der deutschen Klein- und Dumpfheit, hört nur noch die Uraltgeneration und das auch nur noch aus Gründen der Sentimentalität, denn »es war halt noch vieles in Ordnung damals«. Die Akteure sind einfach ins hinterste Alter gealtert. Die drei Platten dieser Sommersaison: Rolling Stones, Paul McCartney, Deep Purple. Und in dieser Gemengelage bleibt es dann nicht mal aus, dass nun wirklich alles durcheinander ist und eine Band wie ZZ Top, die Heiligen aus der Ferne, die Gralsgestalten, zu unser aller Beschämung auch noch nach Friedberg auf die Seewiese kommt, wo sonst immer nur das Herbstmarktzelt (Schweinsbraten, Maßbier, Blasmusik) gestanden und einmal auch Helmut Kohl (Saumagen) eine Rede gehalten hat. Wenn eine Band, die vor Zeiten alle , die aus dieser deutschen Kleinstadt geistig rauswollten, gehört haben, in allen Kneipen und auf allen Plattentellern, am Ende der Zeiten und ihrer Karriere selbst in diese Kleinstadt kommt, dann heben sich die Dinge gegenseitig auf eine bemerkenswert merkwürdige Art auf, und irgendwie bleibt ein Gefühl von Betrogenheit, das man weder auf die Band noch auf die Kleinstadt schieben kann, sondern am Ende bloß auf sich selbst, oder als sei man vom Menschsein selbst betrogen worden, und zwar von Anfang an. Ein psychosoziales Desaster. Man steht dann nur noch verloren mit dem Bierbecher irgendwo auf dieser halbleeren Wiese herum, sieht die Überreste der Band weit hinten in der Ferne, macht sich klar, dass die Seewiese doch um einiges größer ist als gedacht, wenn sie das vormals so Große so klein in die hintere Ecke räumen kann, und manch einer der Alten zückt sogar unbeholfen sein iPhone, ein Wort, das den meisten die längste Zeit ihres Lebens völlig unbekannt war, weil es das nie gegeben hatte. iPhone und ZZ Top. Der endgültigste aller Widersprüche.

Ach, wir müssen ja noch einmal das Motiv Eisenbahn aufgreifen, um auch dieses zu runden. Tagelang vor dem Konzert war nämlich unklar, ob es überhaupt mit der Bahn zu erreichen wäre. Wofür es früher noch die Bomben der Alliierten brauchte, das schafft die Deutsche Bahn inzwischen selbst. Etwa zehn Tage fuhr zwischen Frankfurt und Friedberg keine einzige Bahn, wegen eines technischen Schadens. Zehn Tage überhaupt kein Zugverkehr nach Frankfurt. Das war den größten Teil meines Lebens über völlig undenkbar, besser gesagt unvorstellbar. Also hatte ich mich für das Konzert bereits mit dem Fahrrad angekündigt und eine Übernachtung in Friedberg verabredet. Das Fahrrad wird wieder zum wichtigen Verkehrsmittel, auch auf der Strecke Frankfurt–Friedberg. Wie damals, 35 Jahre vor dem ersten Auftritt von ZZ Top im »Rockpalast« und am Beginn der hier verhandelten Zeit.

Zum Autor: Andreas Maier

Andreas Maier, Jg. 1967, ist Schriftsteller und lebt in Frankfurt am Main. Zuletzt erschien sein Roman »Der Teufel« (Suhrkamp, 2025). An dieser Stelle schrieb er in der Ausgabe vom 7./8. Februar 2026 über die Romane von Sandra Weihs.

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Erschienen in der Ausgabe vom 11.07.2026, Seite 6, Wochenendbeilage

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