Message Klassenhass
»Aus aktuellem Anlass« – das siebte Album des Kreuzberger Rappers PTK
Wie Rap weltweit war auch Deutschrap von Beginn an weder nur Party-, Prahl- und Entertainment-Musik, noch bloß unrein gereimter Protest. Party, Pose, Konsum und Selbstbezug spielen zwar auch im hiesigen Rapgame Hauptrollen, politische und soziale Erfahrungen werden aber nicht nur in den Releases des Kreuzberger Rappers PTK verarbeitet. So war es schon 2019 leicht vermessen von PTK, im Interview mit laut.de zu behaupten, »Rap mit Inhalt« fühle sich »wie ein gallisches Dorf an«. Schon allein, weil gallische Dörfer seit der römischen Antike so richtig rar wurden und mir spontan doch ein paar mehr politische Rap-Acts mit standfester Haltung einfallen. Dass »aber die Sparte Message (...) nach wie vor ein kleiner Teil« des Raps hüben wie drüben ist, bestätigen bis dato die jeweiligen Charts.
Und da mit freundeskreisfreundlichen Max-Herre-Rappern zwar immer gut Kirschen essen, aber nicht gut Staat zu machen bzw. stürzen ist, lassen wir – »Eure Rapper haben sich angepasst / Alle viel so soft geworden, PTK ist Klassenhass« (»Nach dem Schmerz kommt die Wut«) – dem rauen Rapper seine Wut nach dem Schmerz und nehmen ihn beim Großmaul. Das spuckt, »auch ohne Drogen ungesunde Lebensweise / Ich bin nicht happy, letztes Album voll mit Deprischeiße«, auf dem nun schon siebten Longplayer »Aus aktuellem Anlass« deutlich kämpferischere, zornige Zeilen als auf dem Vorgänger »Meine Gedanken haben Krebs« vom letzten Jahr: »Krebs ist leise, ich bin laut, es ist unheilbar« postuliert Pöbel tötet König (PTK) wieder angriffslustiger im Opener, und auch sonst wird nach erprobtem Ursache-Wirkungs-Verwechslungsprinziprezept »gecockt«: »Seit zehn Jahren rappe ich die gleichen Them’n / Weil sich nichts geändert hat in diesem Scheißsystem ...«. Themen wie Gentrifizierung und Widerstand dagegen, Armut, Klassenungleichheit, Rassismus, gesellschaftliche Ausgrenzung, Kapitalismus- und Konsumkritik oder Polizeigewalt nämlich.
Das stimmt natürlich nicht ganz, vor zehn Jahren hätte der Pöbel noch gar nicht kontra den von der erfolgreichen »MRZ leck Eier«-Satireaktion her bekannten Kanzler rappen können. »Black Hawk down, du kleiner Black-Rock-Clown / Wieviel willst du von den Untersten denn jetzt noch klau’n? / (...) Wir sind Kinder von Arbeitern, nicht von Erben / Und am Bundestag hängen bald rote Sterne«, droht der gefeaturete Frankfurter Erzin im ersten Part vom zweiten Track »Merzfeinde«. In der Hook stellen er und PTK dann fest: »Seit vielen Jahren läuft hier alles verkehrt / Wir lieben Frühling, doch wir hassen den Merz / Wir sind Merz-Feinde / (...) Es wird Zeit, dass die Klasse sich wehrt/Denn der Bastard hat die Kasse geleert …«
So die Art von Message des Message-Raps von PTK, die auf dem vierten Track »ABC« (feat. Dahabflex) ganz ähnlich ausbuchstabiert wird: »Friedrich Merz hab’ ich nicht gewählt / We listen and we judge, alles, was ihr uns erzählt / AfD, CDU, fick das ganze ABC / Can we please normalize Radikalität?«. »Verfassungsschutz hat bald 'ne eigene Rubrik für uns«, prophezeit PTK, und zu wünschen wäre es den Jungs ja, bedenkt man den großen Erfolg der Band Feine Sahne Fischfilet, der vom Verfassungsschutz Mecklenburg-Vorpommerns 2011 quasi initiiert wurde. Soll das Motto aber weiter »Fick die Plattenindustrie, Anti aus Prinzip« (»Anti aus Prinzip«) etc. lauten, werden die kommerziellen Erfolge keine großen und es weiter »Schönen Gruß vom Rande der Gesellschaft« heißen müssen. Auch »Aus aktuellem Anlass« ist kein Album für die Charts. Dafür, laut ptk-shop.de und auch tatsächlich, »voll mit politischen Ansagen, sehr viel Wut von unten und einer Menge Feature-Gäste«. Ob, wie gelegentlich bekrittelt, auch die vierzehn neuen Tracks mit großer Wucht starten, im Verlauf aber an Tempo und Dringlichkeit verlieren, könnt ihr lieben Lauschelurchis ab heute eure eigenen Ohren fragen.
Auf die Frage »Warum wurde ich eigentlich noch nie bei Markus Lanz eingeladen? Meine Mucke ist genauso Meinungsmache« (»To the People«), antwortete eine befreundete K. I.: »Weil Meinungsmache allein noch keine Einladung wert ist. Bei Lanz brauchst du nicht nur Haltung, sondern auch die Bereitschaft, sie im Studio ohne Rap-Deckung auszuhalten.« Bzw.: »Weil deine Meinungsmache nicht anschlussfähig genug für das Format ist.« Da mal drüber nachdenken, PTK?!
PTK: »Aus aktuellem Anlass« (Protestmusik)
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