Warmer Beton
Postpunk in Berlin-Kreuzberg: Diät spielten zum zehnjährigen ihres Albumdebüts »Positive Energy« im SO 36
Die Glut, die am vergangenen Wochenende Beton wie Menschen zerbröselte, kündigte sich Freitag abend in der Berliner Oranienstraße an. Etwa als man vor dem Kreuzberger SO 36 darauf wartete, dass es endlich losgeht. Im Klub konnte die Klimaanlage die Wärme kaum aufhalten – was selbstverständlich auch an den tollen Auftritten der Vorgruppen Schimmel über Belin und Splizz lag. Wie einer Zeitkapsel aus den 80ern entstiegen, verzauberten beide Bands mit träumerischen Melodien, minimalistischem Schlagzeug und mal klaren, mal geheimnisvollen deutschen Texten.
Wer meint, Postpunk sei doch eher kühl bis kalt, wird beim Anblick des kochenden Publikums zum Konzertbeginn von Hauptact Diät eines Besseren belehrt. Knapp zehn Jahre nach der Veröffentlichung ihres Debüts »Positive Energy«, fünf Jahre später kam der Nachfolger »Positive Desintegration«, zieht die Gruppe trotz der krassen Hitze und allerlei Musikfestivals draußen ungefähr 400 Menschen ins SO 36.
Bevor es richtig losgeht: ein von Feedbacksounds, kaltem Neonlicht und Kunstnebel begleiteter englischer Gedichtvortrag, der alltäglichen Gedanken eines britischen Arbeiters entsprungen sein könnte. Eine Verneigung vor den Wurzeln des Genres, die tief in den britischen Betonwüsten der späten 70er liegen, als der Nihilismus des Punk weder die biedere Gesellschaft zerstören noch die kommende Austeritätspolitik Thatchers verhindern konnte. Diät lieben wie ihre Vorbilder Killing Joke zwar die Sperrigkeit von Punk, aber eben auch Melodien und Texte für eine Symbiose aus verträumten Gitarren, mantraartigen Rhythmen und pointierten Versen. In den Lyrics geht es um die Monotonie der Unvernunft, entfremdete Arbeit, solche Sachen.
Ein Motiv von Postpunk ist Desillusion ohne Zynismus. Weil viele Songs des recht offenen Genres melancholisch gefärbt sind, heißt das nicht, dass kapituliert wird. Schwermut erzeugt Ruhe und Akzeptanz in Momenten emotionaler Überforderung, spendet Trost in der Trauer. Eine Romantik, ein Hang zum Esoterischen, zum Versinken im Weltschmerz ist nicht selten, warme Gitarren und Ausbrüche im Tempo verstärken gleichwohl auch die Wut auf die Zustände, ermutigen zum Kampf. Man kann auch positive Desillusion dazu sagen, es als heiteren Anstoß für die politische Praxis begreifen.
Freitag abend spielten Diät exakt die Lieder, die auf der Live-LP »S.O.36 Berlin Sept ’22« (Label: Iron Lung Records) zu finden sind. Klar, ein Auftritt vor Ort übertrifft die Stimmung der Aufnahmen. Aber die (limitierte) Platte zeigt ganz gut, was einen so erwartet hätte – zum Beispiel sehr viel Energie –, wäre man denn da gewesen. Pech gehabt.
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