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Literatur

Warme Füße

»Kegeljunge« – neues Sudelbuch von Otto Jägersberg

Foto: picture alliance/SZ Photo
»Neue Weltordnung. Bums, da liegt sie, die alte Welt. In Trümmern« – Otto Jägersberg

Ausgerechnet das hundertste dieser hundertsechzig neuen Prosastücke von Otto Jägersberg – das muss doch was zu bedeuten haben? – handelt von einem alten Mann, der spät im Leben »noch einmal richtig lebenstüchtig« wird, jeden Nachmittag in der Kneipe sitzt, wie ein Schlot qualmt und in aller Seelenruhe einen Wein nach dem anderen verklappt. »Wenn er was sagte, wars tiefsinnig, und wenns blödsinnig war, wurds doch für tiefsinnig gehalten.«

Es ist dies kein Alter ego des Autors Otto Jägersberg, wir wissen aus diversen anderen Notaten, dass er sich vor allem an Bier schadlos hält, um auf die vom Arzt verordneten zwei Liter Flüssigkeit am Tag zu kommen. Doch vielleicht steckt darin zumindest auf der symbolischen Ebene so etwas wie ein poetologischer Selbstkommentar. Denn um die Grenze zwischen Blöd- und Tiefsinn, oder umgekehrt, die bisweilen gar nicht immer so einfach zu ziehen ist, geht es auch in »Kegeljunge«, diesem neuen Band mit Aphorismen, Prosagedichten, Kürzestgeschichten, Feuilletons und Tagebuchfragmenten.

»Ein Versuch, nur Blödsinn zu schreiben«, überlegt sich der Autor im achten Eintrag und denkt vielleicht an Schwitters oder Jandl. »Alles falsch. Recht – schreibung, Grammatik. Sinnloses Zeug. Aber das wurde so nicht aufgefasst. Das wurde experimentell genannt und gewürdigt. Ein neuer Ton, ja Stil. Stilwechsel. In der Moderne angekommen.«

Auf so eine Art Dada-Künstlertum ist Jägersberg keineswegs aus. Er geht es eher andersherum an, er bemüht sich durchaus um Sinn, überlässt sich dabei aber immer wieder dem Prozess des Schreibens, probiert aus, wie weit ein Gedanke trägt, und schraubt sich dabei in den tollsten Irrwitz hinein. So im hundertelften Fragment, das vermeintlich die Mentalitätsunterschiede in Ost und West auf den Punkt zu bringen sucht. »Rauch aus den Kaminen. Gut so. Da sind Wohlstand und Wärme zu Hause. Nicht wie im Braun- oder Schwarzkohledeutschland, wo der Rauch speckig aus den Kaminen quillt, als würde gebraten und gekocht. Wir wissen nur, dass sie dasitzen und die Kataloge aus dem Westen durchblättern, alles unerreichbar, diese mit Lammwolle verstärkten Herrensocken, diese Büstenhalter mit Push-ups (ich kenn mich da aus). Da ist Unzufriedenheit, Neid und so was, das wächst da, blüht, bricht auf und quillt.«

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Ich glaube nicht, dass Jägersberg diese satirisch überdrehte, den Argwohn, das Unbehagen und alte Wald-und-Wiesen-Stereotypen karikierende Stammtischprosa mit Kalkül formuliert hat. Sie wirkt fast schon wie besinnungslos hingeworfen, als wäre er nur eine Art Empfänger. Ein Rauchmelder.

In seiner Notiz über das »Denken als Beruf« skizziert er seine Methode. Dem echten Philosophieren etwa eines Heideggers, in dessen Gesamtausgabe er trotz der vielen altgriechischen, für ihn unverständlichen Zitate gern blättert, stellt er seine Form des Denkens gegenüber. »Ich reime eher was zusammen, was mir das Denken ersetzt. Das ist manchmal ganz schön, obwohl es auch Blödsinn sein kann. Nun hab ich aber auch gar nix gegen Blödsinn. Blödsinn kann warme Füße machen, das kann Denken nicht. Denken hat immer kalte Füße.«

Offenbar spielt er hier die Poesie und das freie Spiel der Phantasie gegen die Philosophie und die strenge Form der Reflexion aus. Tatsächlich bekommt man bei Jägersberg ziemlich oft warme Füße. Zwar schafft das Profane nicht immer den Sprung ins Epiphanische, aber das muss es ja auch nicht. Schlimmstenfalls hat man immer noch was aus seinem an Kuriositäten und interessanten Funden reichen Leben und Lesen erfahren. »Würfelnde Männer. Wenn sie beim Kartenspielen verloren haben, sagt die Nachbarin, fangen sie an zu würfeln. Da müssen sie nicht so viel denken. Dann kommt er in der Nacht angebraust und hupt, dreimal, dann ist es drei Uhr, oder viermal, dann ist es vier. Er hupt nur, um sich die Antwort zu sparen, wenn ich ihn dann frage, wie spät ist es. Die Zeit hat er ja gehupt. Einige Nachbarn stört das, durchaus verständlich, aber so ist es nun mal.«

Gerade in den Themen zeigt sich »Kegeljunge« als das Buch eines alten weißen Mannes. Arztbesuche, Handstöcke, abnehmende Libido, lästiger Harndruck, Beerdigungen von Freunden – all das kommt hier vor, aber auf eine so originelle, unpeinliche, nicht immer komische, sondern bisweilen auch einfach tieftraurige Weise, dass die bekannte Martin-Walser- oder Philipp-Roth-Fremdscham hier ganz ausbleibt. Seine oft ironisch angeschrägte Altväterlichkeit spiegelt sich auch im Titel. Bevor die Vollautomatisierung selbst noch die Kegelbahnen erreichte, gab es extra einen Burschen, der für 50 Pfennige in der Stunde die niedergemähten Kegel wieder aufstellte. Jägersberg macht aus ihm im letzten Eintrag des Buches eine Allegorie des Künstlers.

»Neue Weltordnung. Bums, da liegt sie, die alte Welt. In Trümmern. Der Kegeljunge richtet sie wieder auf.« Otto Jägersberg ist auch so einer. Seine Texte stellen Ordnung her. Bisweilen auch mal eine, die es vorher gar nicht gab.

Otto Jägersberg: Kegeljunge. Prosa. Diogenes-Verlag, Zürich 2026, 176 Seiten, 25 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 11.07.2026, Seite 10, Feuilleton

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