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Tonfall, Tinte, Technik, Tod

Der Kampf gegen die Phrase geht weiter. Zum 90. Todestag von Karl Kraus

Foto: opale.photo/IMAGO
»Sie lesen, was erschienen, sie denken, was man meint« – Karl Kraus

Was ist die Phantasie doch für ein dolles Ding. Was damit alles ausgedacht werden kann! Neben Wegwerf-Einmal-E-Zigaretten oder Wirtschaftsweisen zum Beispiel Waffen für den Frieden in Wertewestenwendezeiten oder die Wehrpflicht wegen der womöglich als Reaktion auf besagte Wehrhaftmachung des Wertewestens erst richtig in Stellung gebrachten Wichser von der Wolga – um nur mal ein paar Sachen mit W zu nennen.

Karl Kraus, er hat das auf Tausenden Seiten nicht nur für seine Zeitgenossen, sondern vor allem für uns Heutige notiert, wusste um die phantasiezersetzende Kraft der Phrase. Am 12. Juni 2026 jährte sich sein Todestag zum 90. Mal. Der unerbittliche Kritiker medialer Sprachverhunzung und gesellschaftlicher Heuchelei starb 1936 in Wien – zu einer Zeit, in der Europa bereits vom aufgezogenen Faschismus und der Gefahr eines neuen Krieges abermals verdunkelt war. Was er schrieb, nicht nur in der legendären Zeitschrift Die Fackel, war eine kompromisslose Antwort auf die Entmündigung des Denkens durch leere Floskeln, auf die Verlogenheit der Presse und die Verharmlosung des Unmenschlichen durch »schöne« Worte. Wurde sein Werk auch im Ausland, in Frankreich oder Groß­britannien, wohlwollender aufgenommen als im deutschen Sprachraum – wo er wahlweise als Nestbeschmutzer oder jüdischer Selbsthasser bezeichnet wurde –, kam dennoch kaum ein sich als Satiriker einordnender Schreibender (zumindest der Generationen vor El ­Hotzo) herum, ihn mehr oder weniger als Vorbild zu nennen. Heute, da die Zeiten wieder so gewendet wurden, dass Krieg als alternativloser, leider notwendiger Schritt auf dem Weg zum Weltfrieden verkauft wird, ist es merkwürdig still um Kraus geworden.

Dabei ist dessen Werk kein Relikt sprachmagischer Verirrung, die aus einem falsch gesetzten Komma einen Kriegsgrund ableitete (was er, zugegeben, einmal unternahm). Im Gegenteil: In einer wieder so »großen Zeit«, in der junge Menschen gegen Wehrpflicht, Krieg und die zynischen Phrasen von »Verantwortung«, »Wehrhaftmachung« oder »Waffen für den Frieden« auf die Straße gehen, in der die Bundeswehr auf Videospielmessen mit Virtual-Reality-Simulationen für den Nachwuchs wirbt, ist sein Denken höchst aktuell.

Kraus’ Kampf gegen die Phrase war nicht nur eine literarische Kuriosität, sondern eine akute Überlebensfrage – für den Frieden, für »die Demokratie« und die Bewahrung der Phantasie. Denn Kraus erkannte: Wo die Sprache verkommt, verkommt auch das Denken. Und wo das Denken verkommt, wird der Krieg möglich(er) gemacht.

Vor dem Krieg die Phrase

Karl Kraus war ursprünglich kein Pazifist, nicht einmal Demokrat. Er war ein aus gutem Fabrikantenhaus stammender Sprachkritiker und in jungen Jahren selbst journalistisch tätiger Moralist, der in der Verlogenheit der Wortwahl der Presse- und Literaturerzeugnisse seiner Zeit die Wurzel allerlei Übel sah. Sein berühmtes Diktum »Die Sprache ist die Mutter, nicht die Magd des Gedankens« fasst es zusammen: Sprache formt unser Denken – und wenn sie verkommt, verkommt auch unsere Fähigkeit, die Welt zu begreifen. Für Kraus war die Phrase – die abgedroschene, gedankenlose Floskel bzw. »das gestärkte Vorhemd vor einer Normalgesinnung, die nie gewechselt wird« – kein harmloses Stilmittel, sondern ein Werkzeug der Entmündigung. Ersetzt sie doch das Denken durch Nachplappern, die Realität durch das Klischee.

In seinem monumentalen Notat der Phraseologie vor und während des Ersten Weltkriegs zeigt Kraus, wie die kriegerische Sprache lange vor dem Krieg begann, in den Zeitungen, den Reden der Politiker, in patriotischen Gedichten und Predigten (»Kriege und Geschäftsbücher werden mit Gott geführt«; »Herr, vergib Ihnen, denn sie wissen, was sie tun!«). Die Menschen sprachen von »heldenhaftem Sterben«, von »ehrenvollem Kampf«, von »Schicksalsstunden« – während in den Schützengräben dann Millionen verreckten, zerrissen von Maschinengewehren und Panzern, erstickend durch »die chlorreiche Offensive« per Giftgas. Die Phrase machte den Krieg – in den man entgegen der populären Deutung des australischen Historikers Christopher Clark (»Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog«, 2013) eben nicht schlafwandelnd einfach so geriet – erst möglich, indem sie ihn denkbar machte. Sie ersetzte die grausame Realität durch eine heroische Erzählung, die Menschen willig in den Tod marschieren ließ.

Schon damals warb das Militär mit Bildern von »Mann gegen Mann«-Gefechten, von Rittern in glänzender Rüstung – während der industrielle Massenmord längst Realität war. Heute wirbt die Bundeswehr mit Virtual-Reality-Erlebnissen und vergleicht das Kampfdrohnenfliegen mit dem Videospiel »Call of Duty«. Die Botschaft ist dieselbe: Krieg ist ein Abenteuer, eine Frage der Einstellung, der Technik, des Geschicks – nicht des Leidens, des Sterbens, der moralischen Verantwortung. »Wehrhaftmachung« oder »Waffen für den Frieden« funktionieren nach demselben Muster wie die Parolen von 1914, sie entziehen dem Krieg seine Schrecken, indem sie ihn in ein verharmlosendes Sprach- und Bildkorsett kleiden.

Die Phantasie

Doch Kraus’ Kritik ging tiefer. Für ihn war die Phrase nicht nur ein Werkzeug der Täuschung, sondern eine Mörderin der Phantasie. Die ihm (nicht nur) als die Kraft galt, die vor der Barbarei bewahren kann, als »die Fähigkeit, sich etwas vorzustellen, was nicht ist, um das, was ist, zu ertragen« (»Nachtwachen«, 1918).

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Die Menschen von 1914 konnten sich den modernen Krieg noch nicht vorstellen. Sie hatten die Bilder der napoleonischen Schlachten im Kopf, nicht die Realität des Stellungskriegs, der endlosen Materialschlachten, des industriellen Gemetzels. Die Phraseologie von »Ruhm«, »Ehre«, »Pflicht« erstickte das Vorstellungsvermögen, sich die Wahrheit auszumalen.

Das gleiche Phänomen ist heute wieder zu beobachten. Junge Menschen, die als Drohnenpiloten angeworben werden, denken oft in Kategorien von »Highscores« und »­Missionen«, weniger an Tod, Trauma und moralische Schuld. Die Bundeswehr nutzt dies gezielt aus, wenn sie Militärsimulationsspiele präsentiert, die angeblich »realistische Einsatzszenarien« durchspielen. Mit der Grenze zwischen Spiel und Realität verschwimmt auch das Bewusstsein für die Konsequenzen. So wie sich die verantwortlichen Vaterlandsverteidiger auf Nachfrage allenfalls verschwommen daran erinnern wollen, jemals eine Verbindung zwischen Videospielen und Kriegseinsätzen evoziert zu haben.

Mit Kraus kann hier die totale Pervertierung der Sprache ausgemacht werden: Der Krieg wird zum Spiel erklärt, und das Spiel wird zur Realität. Die Phantasie, die eigentlich vor dem Schrecken schützen sollte, wird selbst zum Werkzeug der Verharmlosung, kann also nicht mehr lehren, was Krieg wirklich bedeutet: das Zerreißen von Leibern und Familien, das Trauma der Überlebenden, die Zerstörung von Städten, die für Jahrzehnte in Schutt und Asche liegen etc.

Die Rolle der Medien

Kraus’ Hauptfeind waren die Fabriken der Lüge, die Zeitungen seiner Zeit, deren Hauptgeschäft bereits weniger in der Verbreitung von Nachrichten, sondern vielmehr in der Erfindung einer Realität bestand, in der die Leser das eigenständige Denken beruhigt einstellen können sollten. »Die Zeitungen haben früher das Niveau ihrer Journalisten gehabt und haben jetzt das ihrer Leser«, konstatierte Kraus schon vor über hundert Jahren. Allerdings konnte damals wie heute nicht jeder Journalist werden, denn gilt immer noch: »Es genügt nicht, keine Gedanken zu haben, man muss auch unfähig sein, sie auszudrücken«.

Mag Kraus auch noch nichts von der werbefinanzierten Aufmerksamkeitsökonomie heutiger sozialer Medien geahnt haben, der im marxistischen Diskurs und von der Kritischen Theorie analysierte Warencharakter der Sprache im Sinne ihrer Kommodifizierung als verwertbares, kaum noch der Aufklärung und Kommunikation dienliches Gut, erkannte auch er, der noch berechtigter als Heurige glauben durfte, die Sprache sei »die Mutter, nicht die Magd des Gedankens.«

Die Perfektionierung der heutigen Desinformationsmaschinerie konnte Kraus kaum vorausahnen. Doch wenn Kriege als »humanitäre Interventionen« verkauft werden, wenn Aufrüstung als »Friedenssicherung« bezeichnet wird, die vorgeblich niemals mehr für Angriffs-, sondern nurmehr für Abwehrkriege nutzbar gemacht werden soll, dann kommt nicht mehr nur weiterhin die Fähigkeit abhanden, sich die Realität vorzustellen. Da kann Kraus-Lektüre hilfreich dabei sein, sich Argumente anzueignen, um den künftigen Lügen geistig weniger wehrlos ausgesetzt zu sein. Gilt für die heutigen Medien doch, was auch für Kraus schon galt: »Den Leuten ein X für ein U vormachen – wo ist die Zeitung, die diesen Druckfehler zugibt?«.

Kraus’ Aktualität

Warum also sollte sich heute ein junger Mensch noch mit Karl Kraus beschäftigen? Weil seine Kritik an der Phrase, an der Sprachverkommenheit, der Entmündigung durch leere Floskeln universell ist. Seine Satiren richteten sich nicht primär gegen die politischen Machtverhältnisse seiner Zeit, suchten nicht nur nach den politischen Ursachen und Schuldigen von damals. Kraus konzentriert sich auf die geistige Sezierkunst, die den verführbaren Menschen ihre eigene innere Haltung vor Augen führt und die mentale Verfassung offenbart, ohne die die Katastrophe des Ersten Weltkriegs kaum denkbar gewesen wäre. In dieser Hinsicht ist er vielleicht aktueller denn je. Und so kann auch das monumentale Lese- und Sprechdrama »Die letzten Tage der Menschheit« auch heute noch als gewaltige und gewaltig erhellende Collage der O-Töne des Ersten Weltkriegs gelesen werden, die Kraus 1919 zwar »einem Marstheater«, aber vor allem auch den Zukünftigen zur Warnung zudachte. So kann und sollte der im selben Jahr von ihm kompilierte Band »Weltgericht«, der seine Satiren und Polemiken zum Ersten Weltkrieg versammelt, auch junge Leser finden.

Kraus’ Kritik zeigt auf, wie Macht funktioniert, indem sie sich nicht nur bloßer Gewalt bedient, sondern durch die Kontrolle der Sprache wirkt. Auch belegt sie, dass Widerstand immer auch Sprachwiderstand sein muss. Die jungen Leute, die heute gegen Wehrpflicht, gegen Aufrüstung, gegen die zynischen Parolen der »Wehrhaftmachung« auf die Straße gehen, tun genau das, was Kraus gefordert hätte: Sie weigern sich, die Phrasen zu akzeptieren. Sie durchschauen, zumindest zum Teil, die Rhetorik der Verantwortung, die in Wahrheit nur unfreien Gehorsam meint. Sie erkennen, dass »Waffen für den Frieden« ein Oxymoron ist – so wie Kraus schon vor 1914 die Rede von der »Verteidigung des Vaterlandes« als Lüge entlarvte, die nur den Angriffskrieg vorbereitete.

Gegenbilder schaffen

Kraus’ Appell an die Phantasie ist auch ein Appell an die junge Generation: Stellt euch vor, was Krieg wirklich bedeutet! Nicht als Abenteuer, nicht als Spiel, nicht als Pflicht – sondern als das, was er ist: ein Alptraum. Die Bilder, die uns Bundeswehr und Politik verkaufen, sind Lügen. Die wahren Bilder des Krieges finden sich in den Berichten von Überlebenden, in den Dokumentationen über die Folgen von (Drohnen)-Angriffen, in den Geschichten der Deserteure.

Hier kann das Wort, kann die Phantasie auch zu unserer Waffe werden. Indem wir uns andere Bilder machen. Indem wir uns vorstellen, wie eine Welt ohne Krieg aussehen könnte. Indem wir die Phrasen durchstreichen mittels alternativer Geschichten, Kunst, Musik – mit allem, was die Sprache wieder lebendig und lebensbejahend macht. Und ja, hier sei die Ansprache in erster Person Plural mit »wir« mal erlaubt.

Selbstverständlich nutzten nicht nur die (Kampf-)Presse und die einschlägig gewillten Intellektuellen mit ihrer Sprachjauche das Wort als Waffe, auch Kraus nutzte sie als solche. Aber in umgekehrter Weise, indem er seine Satire, seine Polemiken, seine Wortspiele und -verdrehungen zu politischen Akten machte. Indem er zeigte, dass man die Phrase nicht einfach hinnehmen sollte, sondern sie entlarvend ad absurdum führen, sie mit eigenen Stilmitteln schlagen muss; etwa, indem man sie einfach wortgetreu zitiert und nur einen kurzen Kommentar oder eine Überschrift hinzufügt. Sagt bei dieser Gelegenheit doch am besten auch gleich, wem »MRZ« die Eier lecken soll und warum.

Spricht jemand von »Wehrhaftmachung«, gar »Kriegsertüchtigung«, fragt, wogegen genau wehrhaft gemacht und ertüchtigt werden soll; fragt, wer davon profitiert. Schafft Gegenbilder, lasst statt »Kriegshelden« die Opfer der Geschichte berichten bzw. rezipiert deren Berichte. Vor allem aber: Holt euch die Sprache zurück, überlasst Phrasen von »Verantwortung«, »Freiheit«, »Sicherheit« nicht den Mächtigen, füllt sie mit eurem eigenen, neuen, kritischen Inhalt. Versteht Karl Kraus’ Vermächtnis als Einladung. Hinterfragt die Sprache, fragt euch, woher die Worte kommen, die euch wehrhaft machen wollen. Fragt, zu wessen Vorteil sie verwendet werden, plappert sie nicht gedankenlos nach. Stellt euch vor, was die Phrasen eigentlich bedeuten und was sie verschleiern. Malt euch aus, was Krieg wirklich bedeutet – und schildert bunt, was Frieden bedeuten könnte. Nutzt nicht nur wie eure Gegner die Sprache als Waffe, diskutiert, macht Kunst, macht Musik. Verwerft die Phrasen zugunsten neuer Bilder, Geschichten und Ideen. Ganz so, wie es in Ansätzen schon ganz gut läuft, und dafür schon einmal: ­Danke!

Wer die Phraseologie der derzeitigen Wendezeiten durchschaut, wer sich weigert, die Lügen der Mächtigen zu akzeptieren, wer die Phantasie gegen die Barbarei stellt, führt Kraus’ Kampf weiter und stellt sich in tatsächlich ehrenwerte Tradition. Schön wäre, hätte Kraus mit seinem Diktum »Die Sprache hat den Krieg überlebt. Sie hat ihn nicht einmal bemerkt« recht behalten. Die nach seinem Tod erst so richtig galoppierende Goebbelsche Propaganda konnte er sich trotz aller Phantasie wohl nicht so recht ausmalen. Heute können wir sie aber nachlesen. So wie für wenig Geld Kraus gelesen werden kann, in dessen Werk steht, wie nicht zuletzt das nahezu komplette Versagen der Intellektuellen zu einer Menschheitskatastrophe führen konnte, die sich als womöglich letzte Farce der Geschichte zu wiederholen droht. Beim Lesen von Kraus könnt ihr dann auch feststellen, dass sein Werk durchsetzt ist von transparenttauglichen Aphorismen und Bonmots, die ich hier bewusst ausgespart habe. Vielleicht, wer weiß, damit ihr selber nachlest und Brauchbares auf die Transparente schreibt, um den vermeintlichen »Präzisionsschlägen« der Kriegstreiber zumindest sprachlich Präzises entgegenzusetzen. Hauptsache ist, ihr vergesst nicht: »Was zu Gunsten des Staates begonnen wird, geht oft zu Ungunsten der Welt aus.« Na gut, einen habe ich noch: »Nichts hat sich geändert. Höchstens, dass man es nicht sagen darf.« Oder schrei(b)t doch einfach: »Sie haben Geld für Kriege, aber sie können die Armen nicht ernähren« (Tupac Shakur, 1971–1996). Das passt auch.

Zum Autor: Norman Philippen

Norman Philippen, geboren 1980, studierte allerlei Geisteswissenschaftliches, um folgerichtig in der Pflege zu landen. Als ehrenamtlicher Sprachpfleger vertritt er die ehrenwerte Auffassung, dass medial schweigen sollte, wer nicht drei Sätze in Folge verbocken kann, ohne die Vokabel »massiv« zu gebrauchen. Er lebt mit zwei Katern und einer Frauke in Berlin.

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Erschienen in der Ausgabe vom 20.06.2026, Seite 6, Wochenendbeilage

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→ Leserbriefe
  • Onlineabonnent*in Manfred P. aus H. 23. Juni 2026 um 16:53 Uhr
    Mai 1918: Wir Deutschen begrüßen alle Versuche, dem Völkerrecht und der Menschlichkeit zum Siege zu verhelfen, mit Freude, wir lehnen es aber ab, uns übertölpeln zu lassen. Ich kann nur danken und bewahren. Nie wäre es mir gelungen, die welthistorische Physiognomie dieser verfolgenden Unschuld so herauszubringen. [Kraus, Karl: Die Katastrophe der Phrasen: Glossen 1910-1918. Karl Kraus: Schriften, S. 13951 (vgl. Kraus-Schriften, Bd. 19, S. 260)]
  • Emmo Frey aus Dachau 23. Juni 2026 um 11:47 Uhr
    Dank der jW für diesen Beitrag zu Karl Kraus und seinem Kampf gegen die Phrase! Die Beschäftigung heutiger Journalisten mit K. K. wird leider immer seltener. Die meisten Menschen deutscher Sprache unter etwa 50 Jahren wissen vom großen Karl Kraus so gut wie nichts (ich bin 81). Im letzten großen Werk von Kraus, »Die dritte Walpurgisnacht«, beschäftigt er sich ausführlich auch mit der ab 1933 propagierten Kriegstüchtigkeit. Es gab eine eigene Fibel dazu. Kraus fiel zu Hitler sehr viel ein! Das nur nebenbei.
    Was mir im Aufsatz von Herrn Philippen fehlt, ist die prägnante Definition der Phrase. Sie stammt nicht von Kraus selbst, sondern von seinem Biographen Jens Malte Fischer: »Was ist die Phrase für Karl Kraus? In äußerster Verkürzung, man könnte auch sagen, selbst in Gefahr, eine Phrase zu werden, wäre zu formulieren: Phrase ist die zur kompletten Unwahrheit geronnene sprachliche Formulierung von falschem Bewusstsein.« (Seite 269 in »Karl Kraus, Der Widersprecher«, Zsolnay, 4. Auflage 2020).
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