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14.04.2026
- → Feuilleton
Wer ist hier das Stinktier?
Gewalt und Sozialarbeit: Koen Mortiers sozialrealistischer Spielfilm »Skunk«
Dieser Film tut weh. Nicht nur wegen der physischen und psychischen Gewalt, die der Jugendliche Liam durch seine Eltern erfährt, sondern weil der belgische Regisseur Koen Mortier (»Ex Drummer«, 2007) Gewalt nicht als individuelles, per Empathie und Sozialarbeit korrigierbares Charakterproblem darstellt. Der Junge, der zu Filmbeginn schluchzend eine abgebrannte Ruine in einem flandrischen Kaff begeht, die einmal sein Elternhaus gewesen war, entpuppt sich im weiteren Verlauf nicht schlicht als von drogenabhängigen White-Trash-Eltern traumatisiertes Kind, dem erfolgreiche sozialpädagogische Rettung widerfährt. Der mit Bravour von Thibaud Dooms gespielte Liam ist eben nicht nur ein jugendlicher »Problemträger«, dessen Probleme einfach gelöst werden können. Er ist auch ein weiterer Träger der Gewalt, die ihm angetan wurde und wird. Gewalt, die auch Teil der Institutionen ist, in denen sie angegangen werden soll. In einem vermeintlich ordnenden System wird sie – laut Koen Mortier – vor allem professionell übertüncht, wenn nicht übersehen. So erzählt »Skunk« das Gegenteil einer Therapeutenutopie, sondern rechnet mit einer Gesellschaft ab, die Gewalt erzeugt, anschließend verwaltet und letztlich wieder nur dem einzelnen Gewalttäter anlastet.
Ob der Film in dieser Darstellung den Realitäten immer ganz gerecht wird, mag man bezweifeln, Regisseur Mortier neigt zu drastischen Überzeichnungen. Einerseits ist »Skunk« ein von einfachen Erklärungen angenehm freier Film, der immer dann stark wirkt, wenn er die Logik der Jugendhilfeinstitution, in die Liam nach Befreiung von seinen völlig kaputten Eltern verbracht wird, nicht als Ausnahme, sondern als gegebene Normalität zeigt, die keinen Schutz, sondern nur weitere Demütigungen anbieten kann. Andererseits läuft Mortier Gefahr, das Konzept von Sozialarbeit und Rehabilitation jugendlicher Gewaltopfer als grundsätzlich unwirksam zu brandmarken.
Allerdings wird die Einrichtung für betreutes Wohnen schwer traumatisierter/schwer erziehbarer Jugendlicher nicht nur dunkel gezeichnet. Daran, dass dort praktisch nichts so gut läuft, wie man es Liam und den anderen Jungen wünschen würde, lässt Mortier von Anfang an keinen Zweifel. Daran, dass es den drei dort tätigen Sozialarbeitern Jos (Dirk Roofthooft), Pauline (Natali Broods) und David (Boris Van Severen) trotz pädagogischer – und privater – Überforderung wirklich daran gelegen ist, ihren jungen Klienten zu helfen, allerdings auch nicht.
Am Ende bleibt »Skunk« zwar ein düsteres Bild sozialer Verwahrlosung, sowohl auf individueller als auch auf institutionalisierter Ebene, doch gelingt auch trotz der manchmal fast unfreiwillig (?) komischen Überzeichnungen – wie etwa bei der Darstellung von Liams cracksüchtiger, geradezu grotesk furienhafter Mutter (Sarah Vandeursen) – ein so eigensinniger wie vielschichtiger Blick auf eine Gesellschaft, die Kinder traumatisiert, sie dann diszipliniert, vor allem aber von ihrer eigenen systemischen Gewaltspirale ablenken will.
Zwar wollen sich die Disparitäten, die Mortier hier aufführt, um häusliche Gewalt, institutionelle Kälte, pädagogische Überforderung, männliche Dominanz und Gruppendruck aufzuzeigen, nicht ganz bruchlos zu einem Bild zusammenbringen. Doch scheint dies auch gar nicht nötig, um »Skunk« als einen Film würdigen zu können, der in seiner sozialrealistischen Formsprache seinem Sujet angemessen genau hinsieht. Auf die Frage nämlich, was für eine Art Gesellschaft Orte produziert, in denen Gewaltopfer, die ihrerseits in der Folge nicht nur Opfer bleiben, weiter gebrochen werden. Und warum das Verhalten der Betroffenen zwar moralisch skandalisiert wird, während die Strukturen hinter der Gewalt als kompliziert und daher leider auch unvermeidlich durchgehen. Dass »Skunk« sich mit Erklärungen dieser Art nicht zufriedengibt, macht den Film so schmerzlich wie sehenswert.
»Skunk«, Regie: Koen Mortier, Belgien/Niederlande 2023, 105 Min., bereits angelaufen
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