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HipHop

One Bier Left

Im Froschauge des Betrachters ziemlich gut: »No Country for Old Grim«, das fünfte Album von Wieder-Solo-Rapper Grim 104

Von Norman Philippen
Foto: Lennart Brede
»Lieber vom Zweifel zerfressen, als gar nichts zu spürn’« – Grim 104

Was laut der sehenswerten Dokumentation gleichen Titels »Kein Land für Niemand« ist, kann auch »No Country for Old Grim« sein. Wobei sich Rapper Moritz Wilken alias Grim 104 mit dem Titel seines fünften Soloalbums wohl auf den US-Thriller der Coen-Brüder »No Country for Old Men« bezieht. Der erschien 2007, dem Jahr, in dem der zugezogene ostfriesische Kaffjunge Wilken zum zugezogenen Berliner wurde, der in den 2010er Jahren mit seinem Kumpel Hendrik Bolz alias Testo als Rapduo Zugezogen Maskulin manch Erfolg verbuchen konnte. Beim offiziellen Konzert zum 30. Jubiläum des Mauerabbruchs vor dem Brandenburger Tor von 60.000 Leuten ausgebuht werden: Das ist schon was.

Heute ist Bolz Buchautor (»Nuller­jahre«) und Podcaster (»Springerstiefel«), Zugezogen Maskulin sind Geschichte, Grim aber bleibt Grim. Wenn er sich mit nun 37 auch als Old Grim empfindet, frischen Output bringt er dennoch munter weiter. Nur nicht mehr beim alten Label: »Heute war der Tag, an dem der A&R von Four mir sagte, dass das mit dem / Album da nichts wird, weil es zu ›­Culture‹ ist.« (Grim) Da kann man als Randproduktfeuilletonist nur schulterklopfend sagen: Alles richtig gemacht! Fein ist’s doch hier am Rand, und es bleibt ja Flaschenpfand.

»Nur noch Geld für one Bier left«, heißt es im selben Track »MF Doom«, doch das dürfte künstlerische Zuspitzung sein. Schön, wie hier an der Seite des hervorragenden, aber selten zu hörenden Kamp aus Österreich an den stets maskierten britischen Rapper Daniel ­Dumile (1971–2020) a. k. a. MF Doom erinnert wird. Dessen ursprüngliche Maske war übrigens der Figur Dr. Doom aus den »Die Fantastischen Vier«-Comics abgeschaut. Und, Kreiselein, schließe dich: So heißt ja die dankenswerterweise nun endlich abdankende schwäbische Viererformation, die 1996 das Label Four Music gründete. Die Stuttgarter gehörten, aus allerdings weniger ehrenwerten Gründen (kein HipHoppender mochte sie ernst nehmen), auch nie recht »dazu«.

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Grim ist ein ausgebuffter Allusionen- und Referenzrapper, wie es sich für sein Genre gehört. Ein Geschichtenerzähler von Grimmschem Kurzformat sowieso. So kann er über ein »Artist Dinner mit dem Crazy Frog«, diesem enervierenden Klingeltonscheißdreckfrosch aus den 2000ern so gut erzählen wie von einem Bullenschäferschund, der durchgeht und Leute zerbeißt. Auch, und das ist neu bei ihm, über eine vergangene Liebe so mitgefühlerweckend wie unkitschig klar berichten.

Was er sich dabei gedacht hat, für das Video zu seinem Song »Nie so cool« in die alte Heimat Zetel zu fahren und den Track genau dort zu performen, wo er als Teenie 20 Jahre Hausverbot auf dem Volksfest Zeteler Markt kassierte: Man weiß es nicht und muss es nicht wissen. Mit dermaßen Ablehnung, wie es das unterhaltsame Musikvideo belegt, hatte er wohl nicht gerechnet. Wilken als hasenzähnigen, langhaarigen Totalbesoffenen mit circa 15 zu sehen, erweckt nichts als Sympathie, zumindest bei mir.

Und so bleibt es und er wohl, wie es und er ist: ein Zugezogener in Berlin, dem »Ein Haus in Lübars« nur bedingt helfen könnte. Aber hey, Grimi, zwischen den Stühlen zu stehen ist allemal gesünder, als sich auf dem gemachten Bett seiner Popularität auszuruhen. Du wirst kein Großer mehr, da hast du recht. Aber es gibt Nischennullen wie mich, die finden dein neues Album echt gut. Trotz Zeilen wie »Vielleicht sterbe ich dann doch nicht mehr im Bett, sondern in Matsch und Regen, / wir marschieren einer letzten Mitternacht entgegen« (Geht noch klar). »Das wird kein Anti-War-Song für den SDAJ-Landesverband, / sondern für Anarcho-Hools aus Kyjiw mit der Waffe zur Hand« (schon viel schwieriger). Aber wie war das noch mit der Figurenrede? Also trotzdem: Weitermachen!

→ Grim 104: »No Country for Old Grim« (Buback)

→ Nächste Konzerte: 16.5., Osnabrück; 16.5., Schwerin; 31.7., Oberhausen; 12.9., Erlangen; 13.9., Wiesbaden

Themen:
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Erschienen in der Ausgabe vom 12.05.2026, Seite 10, Feuilleton

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