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Postpunk

Erhebliches Kopfnicken

Das britische Postpunk-Sextett Deadletter spielte in der Berliner Neuen Zukunft

Von Norman Philippen
Foto: IMAGO/Future Image
Einer von vielen: Sänger und Deadletter-Gitarrist Zac Lawrence

Zweieinhalb Jahre nach Ende der alten war es Zeit, sich der Neuen Zukunft zuzuwenden. Die liegt nur einen Katzensprung von der alten entfernt am Berliner Ostkreuz. Dort setzt man weiter auf das erprobte Vier-K-Konzept aus Kino, Kunst, Konzerte, Kneipe, das auch zukünftig ein gutes bleibt. Eine britische, sich schwer an The Fall orientierende Postpunkband klingt hingegen zunächst wenig zukunftsweisend. Wenn die zweite Referenzgröße aber LCD Soundsystem und das ganze Deadletter (unzustellbar) heißt, dann doch wie so noch nicht gewesen.

Die Aufstellung des Deadletter auf Europatournee zum zweiten Album »Existence Is Bliss« begleitenden Duos False Lefty wirkte auf die ersten Akkorde zwar verdächtig wie bereits weltbekannte Weiße Streifen, ging dann aber doch schnell unter die Haut. Wirkten die Songs des österreichisch-britischen Paars aus Köln zwar unfertig wie die Location, steckt gleichwohl akzeptable Absicht dahinter. Und hinter dem von der Dame Veva stehend performten Minimalschlagzeugspiel so viel monotoner Wumms, dass es als Kontrapunkt zum Gitarrengeschrammel ihres Mannes Tom nie eintönig geriet. Textlich spielt sich zwischen resigniertem Sprechgesang, kurzen Wutausbrüchen und halb gekeiften Refrains die Weltüberdrusspolemik ab, die auch in den Lyrics von Deadletter zu finden ist, nur mit mehr Melancholie bei weniger Ironie.

Als der Hauptact dann ohne großes Federlesen losfeuert, wirkt im nicht besonders jungen Publikum kein Mensch melancholisch, kommt es rasch zu erheblichem Kopfnicken. Von mittlerweile selbst auf Rapkonzerten üblich gewordener Wall-of-Death-­Action ist nichts zu sehen, auch bleibt das Moshpit wenig bemosht. Als der Bass einsetzt, dominant und dunkel-funkig, die Drums einen stoischen, stets leicht versetzten Groove darunterlegen, zuckt es in zahlreichen Tanzbeinen aber eindeutig. Auch die spitzen, teils no-wave-artigen Gitarrenlinien und das schneidende, die Songs immer wieder aus der Erwartungskurve kickende Saxophon bieten gute Tanzgrundlage. Der mal mit verschränkten Armen, mal mit ausladenden Gesten am Mikro agierende Frontman Zac Lawrence performt irgendwo zwischen Prediger, Stand-up-Comedian und grantigem Kneipengast – oder eben wie Mark E. Smith von The Fall.

Die neuen Stücke passen ins bisherige Repertoire: Texte über entfremdete Lohnarbeit, innerstädtische Tristesse und politische Frustration werden mit very britischem Humor vorgetragen. Besonders wenn Bass und Schlagzeug fast allein die Stimmung halten und sich der Gesang zum manischen Monolog steigert, zeigt sich die Stärke der Band: Deadletter erzeugen Sog, indem sie andeuten, ausbremsen und dann punktgenau explodieren. Nur sollten sie einsehen, dass Saxophonisten wenigstens songweise ruhig mal arbeitslos sein dürfen und ein Laut-­leise-Schema beim Songwriting manchmal besser ist, als (live) immer nur auf volle Dröhnung zu setzen.

Deadletter: »Existence Is Bliss« (So Recordings)

Termine: 25.3., Köln, Artheater; 28.3., Molotow, Hamburg

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Erschienen in der Ausgabe vom 19.03.2026, Seite 10, Feuilleton

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