Star und Stare
Nicht immer sagen Bilder mehr als tausend Worte: Der Dokfilm »Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war«
Wenn Sturnus vulgaris im Herbst zu Millionen in Rom einfliegt, spannen die Einwohner der ewigen Stadt besser auch bei Sonnenschein die Regenschirme auf. Denn so eindrucksvoll sich die Murmurationen der Stare ausnehmen, bedeuten sie alljährlich auch ein schweres Aufkommen grünschwarzen Kotregens, in dem selbst den größten Vogelliebhabern das Singen vergeht. Wenn Sandra Hüller auf einer römischen Terrasse als Ingeborg Bachmann erwacht und im Himmel die Starenflugformationen erblickt, schreit das nach einer anderen Art von Bedeutungsschwere.
Die Eingangsszene des Dokfilms »Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war« bietet nicht nur eine dekorative Naturaufnahme, sie steht wohl als Metapher, als Grundmotiv eines Daseins ohne festen Halt. Für flüchtige Formen von Gemeinschaft, für ein nicht in eine einzige Form pressbares Schreiben. Die Vögel – poetische Filme wollen poetisch besprochen werden – verhalten sich wie Bachmanns Werk, bilden eine fragile Ordnung in der Schwebe, vollziehen eine Bewegung vieler Kräfte, sind frei und dynamisch wie Bachmanns poetische Sprache, ein sich ständig veränderndes Zusammenspiel einzelner, das in der Instabilität erst seine Form findet. Sie schweben über einer Stadt, die auch für Ingeborg Bachmann stets ein Ort des Übergangs war zwischen Zuflucht und Gefängnis, Öffentlichkeit und Rückzug, Erinnerung und Gegenwart. Der letzte Zufluchtsort schließlich, in dem in der Nacht vom 25. auf den 26. September 1973 der Dichterin Nachthemd durch Zigarettenglut Feuer fängt und ihr schwerste Verbrennungen zufügt, denen sie am 17. Oktober erliegt.
So ähnlich hat sich das Regina Schilling (Buch und Regie) bestimmt gedacht, deren Bachmann-Dokumentation zum 100. Geburtstag der österreichischen Schriftstellerin am 25. Juni in den deutschen Kinos anläuft. Die Regisseurin hat sich für eine Mischung aus authentischem Archivmaterial und Schauspiel entschieden. Dass die seit zehn Jahren vielgepriesene Schauspielerin Sandra Hüller mehr als Sprecherin der Bachmanntexte aus dem Off als in der Rolle Bachmanns auftritt, war eine gute Entscheidung – schon weil der recht spezielle Bachmannsche Duktus selbst für Mimen Hüllerschen Hochformats herausfordernd ist. Als Vorleserin leistet sie gute Arbeit. Zentral sind die Reenactment-Szenen des dokumentarischen Hybrids, die den letzten römischen Tag Bachmanns darstellen könnten, aber dennoch. Im Vergleich zur kunstvollen Montage der Archivszenen und O-Töne allerdings von vergleichsweise geringem Erkenntniswert.
Die teils aus älteren Dokumentationen stammenden Szenen inszenierter Alltagsverrichtungen, Preisverleihungen, Lesungen und Interviews (mit Exgeliebten Bachmanns wie Paul Celan, Hans Werner Henze und Max Frisch, mit dem Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld), die Auszüge aus Briefen, Tagebüchern und anderen Werken Bachmanns bringen das Leben und Denken der Dichterin dem Zuschauer näher. Was von Hüllers Nachstellungen nur bedingt behauptet werden kann. Wenn die Schauspielerin, einen inspirationsfördernden Knopf mit Bachmann-Texten im Ohr, Kette rauchend und zwischen Angststörung und manischer Tanzperformance in und um Rom herum wandelt, dann zwar in schönen Bewegtbildern von Rom und Umgebung – ein schärferes Bild Bachmanns muss sich dabei dennoch nicht einstellen. So ähnlich könnte Bachmann ihren letzten Tag vor dem Unglück verbracht haben, ließe sich schon behaupten. Man könnte aber auch mit Bachmann meinen, »die biographischen Daten sind das, was am wenigsten mit der Person zu tun hat«, wie sie zu Anfang der Dokumentation aus dem Off verkündet. Und also das Werk einer Schriftstellerin ganz für sich sprechen lassen. »Ich existiere nur, wenn ich schreibe, ich bin nichts, wenn ich nicht schreibe, ich bin mir selbst vollkommen fremd, wenn ich nicht schreibe«, hatte die Dichterin in ihrer berühmten Rede zur Verleihung des Anton-Wildgans-Preises der österreichischen Industrie 1971 gesagt. Gleich im nächsten Satz aber auch: »Wenn ich aber schreibe, dann sehen Sie mich nicht, es sieht mich niemand dabei.«
Und weil aber für einen Film und seine Macherinnen ungünstig ist, wenn man die Protagonistin darin (fast) gar nicht zu sehen bekommt, haben Schilling und Hüller mit dem gemeinsam ausgeheckten, von Soap&Skin musikalisch sanft untermalten Hybridansatz, ihrer »Geisterbeschwörung«, doch einen passablen Weg gefunden, Bachmanns Aktualität zu bebildern. Wie in der mittelpunktlosen kollektiven Choreographie der Stare ist das Individuum dabei zwar nicht immer klar auszumachen, geht aber in dieser Zusammenarbeit auch nicht verloren.
→ »Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war«, Regie: Regina Schilling, BRD/Österreich 2026, 102 Min., Kinostart: heute
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