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Kohlevergasung

Gas- und Düngerproduktion aus Kohle

Indien besitzt weltweit größte Kohlereserven. Die will es künftig nicht nur zur Stromerzeugung nutzen

Foto: ANI News/IMAGO
Informationsminister Ashwini Vaishnaw rechnet mit Gesamtinvestitionen in Höhe von drei Billionen Rupien

Der Nachbar und Rivale China hat mit der Technologie schon lange Erfahrung. Nun will auch Indien die Kohlevergasung vorantreiben. Geht es nach Regierung und Investoren, die dabei gute Geschäfte wittern, könnten die ersten Anlagen bald in Betrieb gehen. Das bevölkerungsreichste Land der Erde könnte sich damit von Gasimporten etwas unabhängiger machen, die nicht nur teurer, sondern auch politisch zur Belastung werden können.

Das zugrunde liegende Verfahren ist keineswegs eine moderne Erfindung, sondern im Kern Jahrhunderte alt: Kohle wird nicht direkt verbrannt, sondern in synthetisches Gas umgewandelt. Dieses Gemisch aus Kohlenmonoxid, Wasserstoff, Kohlendioxid und Methan ließe sich dann entsprechend weiterverarbeiten. Das Rohprodukt wäre etwa bei der Herstellung von Dünger, als Ersatz für natürliches Erdgas und bei der Wasserstoffproduktion nutzbar. Bereits Mitte Mai hat sich das Kabinett unter Premier Narendra Modi auf ein 375 Milliarden Rupien (knapp 3,4 Milliarden Euro) schweres Förderprogramm verständigt. Die Agentur Reuters zitierte Informationsminister Ashwini Vaishnaw mit der Aussage, Indien rechne mit Gesamtinvestitionen in Höhe von drei Billionen Rupien und hoffe, mittelfristig pro Jahr 75 Millionen Tonnen Kohle vergasen zu können.

Zumindest genügend Rohmaterial dafür ist vorhanden. Mit 401 Milliarden Tonnen hat Indien nach aktuellem Erkenntnisstand die größten Steinkohlereserven weltweit. Hinzu kommen 47 Milliarden Tonnen Braunkohle. Nun geht es um den Bau entsprechender Anlagen. Um aufs Tempo zu drücken, wurde ein bereits 2024 aufgesetztes erstes Förderprogramm von 85 Milliarden Rupien mit dem Kabinettsbeschluss nun auf das Viereinhalbfache aufgestockt. Eine nationale Kohlevergasungsmission hatte die Regierung schon 2021 formuliert.

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Bislang seien acht Projekte auf den Weg gebracht worden, die es aber bei Umsetzung lediglich auf 12 Millionen Tonnen Kohle pro Jahr bringen würden, heißt es in einem Beitrag der Economic Times. Sie konzentrieren sich mit einer Ausnahme in den beiden Unionsstaaten Odisha im Osten und Maharashtra mit der Wirtschaftsmetropole Mumbai im Westen des Landes. Die ersten Fabriken könnten demnach schon 2028 in Betrieb gehen. »Wir glauben, dass Indien bis 2030 Kapazitäten für 100 Millionen Tonnen in unterschiedlichem Entwicklungsstand haben wird«, so Balasaheb Darade, Gründer und Direktor von New Era Cleantech, an gleicher Stelle. Bis 2047 könnten mit weiterem Ausbau sogar 250 Millionen Tonnen erreicht werden.

Die mit der Ashoka University verbundene Denkfabrik Chintan Research Foundation (CRF) erinnerte in einem Strategiepapier daran, welchen Stellenwert die Kohle bisher für Indien hat. Im Finanzjahr 2023/24 habe noch 70 Prozent der Stromerzeugung auf dieser Basis stattgefunden, zudem sichere die Kohlebranche landesweit direkt und indirekt 13 Millionen Jobs. Und während eben Gas bislang zu 45 Prozent importiert werden müsse, könne der Kohlebedarf zu mehr als 90 Prozent aus den eigenen Ressourcen gestillt werden.

Kohlevergasung sei eine interessante Option, sind sich die meisten Experten einig. Sie werde Gasimporte aber nicht völlig ersetzen können, wie Atanu Mukherjee, Chef der Beraterfirma Dastur Energy, am 18. Juni gegenüber dem Singapurer Nachrichtenportal Channel News Asia betonte. Hintergrund ist auch, dass der Ascheanteil bei indischer Kohle höher ist als bei der anderer Lagerstätten. Für eine Tonne verwendungsfähige, »saubere« Kohle werden laut dem CRF-Papier etwa 3,5 Tonnen geförderte Rohkohle benötigt. Trotz des erwarteten Mehraufwandes und der hohen Kosten will Indien die Genehmigungsverfahren für solche Projekte beschleunigen, betonte Anurag Thakur, Mitglied im Hauptausschuss des Parlaments aus den Reihen von Modis Partei BJP, am 15. Juni gegenüber der Agentur ANI. Das Umweltministerium sei schon dabei, Genehmigungsprozesse zu verkürzen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 30.06.2026, Seite 8, Kapital & Arbeit

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  • Onlineabonnent*in Martin M. aus D. 29. Juni 2026 um 23:15 Uhr
    Egal ob in China oder Indien, wie umweltfreundlich sind solche Verfahren, bzw. deren Herstellung? Gibt es hierzu relevante Studien?
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