Zum Inhalt der Seite
Indien

Schutzlos im Niemandsland

Indien verstärkt Abschiebung bengalischer Muslime – darunter sind auch eigene Staatsbürger

Foto: IMAGO/Pacific Press Agency
Von Abschiebung bedroht: Muslime in Kolkata, der Hauptstadt des indischen Bundesstaats Westbengalen

Ein neues Kapitel im Verhältnis der Nachbarn Indien und Bangladesch schien begonnen zu haben: Mit dem klaren Sieg der Bangladesh Nationalist Party (BNP) unter Tarique Rahman bei der Parlamentswahl im Februar waren die Verwerfungen infolge des Sturzes von Langzeitregierungschefin Scheich Hasina im August 2024 und ihrer Flucht ins indische Exil wieder in Vergessenheit geraten. Doch inzwischen ist die Beziehung zwischen Neu-Delhi und Dhaka erneut belastet. Hintergrund sind die Ausweisungsaktionen indischer Behörden gegen bengalische Muslime. Ein Teil der schon ins Nachbarland Abgeschobenen soll dabei nicht von dort stammen, sondern über eine indische Staatsbürgerschaft verfügen.

Zuletzt berichtete das indische Nachrichtenportal The Wire in einer umfangreichen Reportage aus Hakimpur, einem Dorf kurz vor der Grenze zu Bangladesch. Vor allem für Mütter mit kleinen Kindern und Alte ist der Ort zum Sammelpunkt geworden. Hunderte waren es beim Besuch der Reporterin. Die meisten würden am Ende in einem Internierungslager landen, dessen Tore insbesondere für kritische Journalisten abgeriegelt sind. Anfragen von The Wire bei der örtlichen Polizeileitung dazu wurden abgeblockt oder ausweichend beantwortet. Al-Dschasira berichtete erst wenige Tage zuvor, in dem Grenzort ebenfalls auf verschlossene Türen gestoßen zu sein.

Tatsächlich ist über die genauen Modalitäten bisher wenig bekannt. Fakt ist aber, dass schon viele Abgeschobene im Niemandsland der Grenzregion auf bangladeschischer Seite angekommen sind. Zumindest einige von ihnen verfügen etwa über eine Aadhaar-Karte, die sie eigentlich klar als indische Staatsbürger ausweist. Nur diese erhalten ein Onlinedokument, das die zentrale Eintrittskarte für indische Sozialleistungen darstellt.

Anzeige

Der regierenden Bharatiya Janata Party (BJP) von Premier Narendra Modi schwebt seit der Parteigründung statt des säkularen, multikulturellen Indiens von Mohandas Karamchand »Mahatma« Gandhi und Jawaharlal Nehru ein Hindustaat vor, in dem sich alle religiösen Minderheiten unterzuordnen haben. Immer öfter macht deshalb die Bezeichnung Bharat statt Indien sogar im Kontext offizieller Dokumente die Runde, bis hin zu Einladungsschreiben von Staatspräsidentin Draupadi Murmu. Und während Hindus aus Bangladesch, Pakistan und Afghanistan als »politisch verfolgte Glaubensflüchtlinge« in Indien ausdrücklich willkommen sind und vereinfachten Schutz genießen, sind Muslime aus Bangladesch, die sich vor allem in den Bundesstaaten Westbengalen und Assam niederlassen, zum Feindbild geworden.

Das Grundproblem ist dabei keineswegs neu. Die 4.096 Kilometer lange Ostgrenze ist porös, nicht komplett zu überwachen. Obgleich die Armut auch in Indien noch beträchtlich ist, sind die Lebensumstände in vielen ländlichen Regionen Bangladeschs so unerträglich, dass im Nachbarland immerhin die vage Aussicht auf Anstellung als Tagelöhner lockt, die mit kärglichem Lohn das Überleben der Familien garantiert.

Dass bei der verschärften Ausweisungskampagne die Prüfung der Herkunft kaum noch eine Rolle spielt, hat neben der Kritik der einheimischen Zivilgesellschaft auch die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) auf den Plan gerufen. Sie kritisierte in einer Stellungnahme vom 16. Juni, dass das aktuelle Vorgehen rechtsstaatlichen Prinzipien widerspreche. Seitdem bei den Regionalwahlen im Mai in Westbengalen Modis BJP an die Macht gekommen ist, setzen die Behörden des Bundesstaats eine deutlich verschärfte Ausweisungspolitik durch. Dabei kooperieren sie mit der Border Guard Force (BGF) und anderen zentralstaatlichen Stellen.

Wie das Portal South Asia Monitor schrieb, waren unter den 2.369 Menschen, die laut Regierungsangaben schon zwischen Mai 2025 und Januar 2026 ausgewiesen wurden, 126 indische Staatsbürger und 38 Personen aus Myanmar. Im Mai 2025 hatte Assams Chefminister Himanta Biswa Sarma, ein ebenfalls zur BJP gehörender politischer Wendehals, als einer der ersten offiziell von einer neuen Pushbackstrategie gegen »illegale Einwanderung« gesprochen. South Asia Monitor zufolge sollen allein in jüngster Zeit 88 Menschen – darunter Frauen und Kinder – jenseits der Grenze ohne Essen, Obdach und Zugang zu medizinischer Versorgung schutzlos zurückgelassen worden sein.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 29.06.2026, Seite 6, Ausland

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!