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Suche nach dem neuen Führer

Dokumentiert. Reinhard Opitz über die Putschpläne des deutschen Großkapitals gegen die Weimarer Republik nach 1918

Foto: Kjarbine Tapabor/IMAGO
Der protofaschistische Kapp-Putsch gegen die Republik scheitert am Widerstand der Arbeiterbewegung (Putschisten am Potsdamer Platz in Berlin, 13.3.1920)

Die Integrationskraft des bürgerlichen Nationalismus, der sich in den Augen des Kapitals im Kriegsbegeisterungstaumel des August 1914 noch einmal so durchschlagend bewährt hatte, war bereits ab 1916 spürbar zurückgegangen. Es kam zu deutlicher Unzufriedenheit, Streiks und Antikriegsdemonstrationen in der Arbeiterschaft, und mit der Novemberrevolution war er außer Kurs geraten, waren er selbst und die kriegstragenden Parteien diskreditiert. (…) Jetzt also war der Bedarf an besonders sozialdemagogischen Ideologien sprunghaft gestiegen, und zwar in allen Teilen des Kapitals. Alle Fraktionen des Kapitals waren sich einig darin, dass die Novemberrevolution niedergeschlagen werden müsse, und arbeiteten in diesem Punkt miteinander zusammen.

Diesen Sachverhalt bezeugt etwa die Einmütigkeit, mit der alle Fraktionen des Großkapitals zu dem von Hugo Stinnes, dem Ruhrkönig, und Karl Helfferich, dem Mann der Deutschen Bank, angeregten 500-Millionen-Reichsmark-Fonds der »Antibolschewistischen Liga« beisteuerten, aus dem das »Generalsekretariat zum Studium und zur Bekämpfung des Bolschewismus« unterhalten und jedwede antikommunistische Betätigung, sowohl die handgreiflich-aktivistische der Freikorps und sonstigen Wehrverbände wie die propagandistische von Parteien, unzähligen »vaterländischen« Vereinen und Presseorganen, subventioniert wurde. (…)

Und doch war durch den verlorengegangenen Krieg zugleich im Großkapital selbst der Interessenspalt tiefer denn je wieder aufgebrochen. (…) Im Verlauf des Jahres 1917 hatte sich bereits herauskristallisiert, dass eine Fraktion des deutschen Monopolkapitals, an deren Spitze vor allem die Chemie- und Elektrokonzerne standen, bereit war, zugunsten der Rettung ihrer vorrangigen Kriegsziele, die den Erdölvorkommen von Rumänien bis zum Persischen Golf galten und somit im Osten lagen, den Westmächten einen Friedensschluss zwecks Verhinderung der sonst abzusehenden vollständigen Niederlage und bedingungslosen Kapitulation anzubieten, und zwar auf Kosten der Annexionen und Kriegsziele im Westen, die in erster Linie (wenn auch natürlich nicht nur) die Kriegsziele der Ruhrkonzerne waren. Als im Juli 1917 diese Fraktion des Monopolkapitals (…) die berühmte »Friedensresolution« im Reichstag initiierte (…), da schrie der andere Teil des Kapitals entsetzt auf und schleuderte der Reichstagsmehrheit und Konkurrenz im Großkapital das brandmarkende Wort vom »Verrat der nationalen Interessen« entgegen und versuchte, gegen dieses »feige Kapitulantentum« noch im letzten Augenblick eine Volksbewegung aller »Nationalgesinnten« in Gestalt der »Deutschen Vaterlandspartei« unter der Führung des ostpreußischen Landschaftsdirektors Wolfgang Kapp und des Militaristenidols Admiral von Tirpitz ins Leben zu rufen. (…)

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Mit dem Scheitern des Kapp-Putsches (1920) hatte die antirepublikanisch-putschistische Rechte im gesamten Reichsgebiet ihre bisherige Diktatoren- und Einigungsfigur verloren, den einst in Ostpreußen vom Scharfmacher-Offizierskreis des »Oberkommandos Ost« um Ludendorff und Hindenburg (…) wegen seines rücksichtslosen Vorgehens gegen die eigene Zivilbevölkerung als geeigneten Diktator entdeckten und seither von Ludendorff favorisierten Wolfgang Kapp. Es galt für sie daher nun, nach einem neuen Führer Ausschau zu halten. (…)

Dietrich Eckart hatte Hitler schon anlässlich der missglückten Kurierflugreise zur Kapp-Regierung im März 1920 mit führenden Männern der Berliner deutschvölkischen Rechten bekanntgemacht, vor allem aber auch – bei dieser Gelegenheit oder ein wenig später – mit Dr. Emil Gansser, einem leitenden Angestellten des Siemenskonzerns und zugleich wichtigen Mann des Berliner »Nationalen Klubs 1919« (…); dort fand dessen erster Vortrag am 29. Mai 1922 statt, und der noch im gleichen Jahre folgende zweite trug der NSDAP die von nun an fortdauernde Unterstützung Borsigs ein.

So falsch also das lange Zeit vorherrschende, noch immer weit verbreitete Bild, anfänglich sei die NSDAP ausschließlich von der Schwerindustrie und von Großgrundbesitzern unterstützt worden, ist und dringend der Korrektur bedarf, so notwendig hatte die Einführung Hitlers in den »Nationalen Klub« und sein damit nun auch persönliches Bekanntwerden mit maßgeblichen Industrieführern freilich zur Folge, dass der sich politisch mehr denn je auf die Orientierung an den Putschplanungen des Kreises Ludendorff und Max Bauer und auf die Einfügung in sie verwiesen sah. Denn so wenig manche Industrielle auch Ludendorff oder Oberst Bauer für die geeigneten Volksagitatoren und damit Diktatorfiguren hielten und daher durchaus – wie übrigens auch Ludendorff und Bauer selbst – interessiert nach dem fähigen Massenagitator Ausschau hielten, so sehr war Ludendorff doch nach wie vor der geheime Interessensachwalter der zum Putsch drängenden Kreise dieses Industrie- und Landadelsklubs gleichsam in der Sache selbst. Ein ihnen sich vorstellender Volksdemagoge konnte deshalb (…) auf der Basis konzeptioneller Übereinstimmung mit dem konspirativen Zentrum um Ludendorff, nicht aber konkurrierend zu ihm, bei ihnen avancieren.

→ Reinhard Opitz (1934–1986): Zur ­Entstehung der »völkischen« Richtung im politischen Kräftespektrum der bürgerlichen Gesellschaft. In: Reinhard Opitz: Faschismus und Neofaschismus. Verlag Marxistische Blätter, Frankfurt am Main 1984, und Akademie-Verlag, Berlin/DDR 1984, S. 41–43 sowie S. 70–74

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Erschienen in der Ausgabe vom 08.08.2026, Seite 3, Wochenendbeilage

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