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Volksrepublik

Das Land der digitalen Revolution

Eine Reise nach China auf der Suche nach dem Sozialismus (Teil 3 von 4)

Foto: CFOTO/NurPhoto/IMAGO
Cosplay-Influencerin macht einen Livestream für ihre Follower (Shanghai, 26.7.2024)

Irgendwann, so hieß es in der Sowjetunion, werde in der entwickelten kommunistischen Gesellschaft auch das Geld abgeschafft. In der chinesischen Gesellschaft der »sozialistischen Marktwirtschaft« ist man gerade dabei, in manchen Bereichen zumindest das Bargeld abzuschaffen. Ich stehe vor den ehemaligen Docks der Jiangnan-Werft in Shanghai und möchte mir gerne die »Große Mauer 191« ansehen. Das ist das erste, von China weitgehend selbstständig entwickelte und gebaute U-Boot, das hier als Museumsschiff zu besichtigen ist. Doch die Uniformierten am Eingang lassen mich nicht herein, zeigen dafür auf eine Tafel mit chinesischem Text und einem QR-Code. Leider ist mein Smartphone noch nicht online, ich habe es noch nicht geschafft, die installierte E-SIM-Karte in Gang zu bringen. Ohne Verbindung zum Internet helfen mir heute aber weder die Übersetzungs-App noch das Scannen des QR-Codes weiter. Doch glücklicherweise gibt es neben dem Museumseingang ein Café und der junge Mann dort spricht ein klein wenig Englisch. »Heute«, sagt er zu mir und deutet auf seine Armbanduhr, »öffnet das Museum erst um 14 Uhr«.

Ich vertreibe mir also zwei Stunden die Zeit und stehe dann pünktlich wieder vor dem Eingang. Doch wiederum bleibt mir der Zugang verwehrt. Warum? Ist das U-Boot für Ausländer nicht zu besichtigen? Wieder hilft der nette Mann im Café aus und des Rätsels Lösung ist einfach: Eintrittskarten gibt es nur online, gleiches gilt für das Bezahlen. Ich gebe Herrn Wang – so heißt der Hilfsbereite – einen 100-Yuan-Schein (knapp 13 Euro) und der erledigt dann die Sache online für mich. Und siehe da, ich darf passieren. Es ist das erste Mal in China, dass ich mit meinen Geldscheinen ohne Hilfe nicht weiterkomme.

Strategisch unter Wasser

Dabei wäre es schade gewesen, das U-Boot nicht besichtigen zu können. Denn es steht für die Entwicklungssprünge, die die Volksrepublik beim Aufbau ihrer Unterwasserstreitkräfte vollzogen hat – wie in vielen Bereichen eine rasante Entwicklung. Als die Volksrepublik China im Jahr 1949 gegründet wurde, verfügte die neu entstandene Marine der Volksbefreiungsarmee über keine einsatzfähigen U-Boote. Die chinesische Führung setzte aber angesichts der Überlegenheit der US-Marine im Pazifik und der Gefahr eines Konflikts um Taiwan schon früh auf die strategische Bedeutung von Unterseebooten: Sie sollten feindliche Invasionsflotten in den Küstengewässern bekämpfen und den Schutz der eigenen Häfen und Versorgungslinien gewährleisten.

Die Sowjetunion diente wie in vielen Bereichen, etwa dem Traktorenbau von Luoyang, als Geburtshelfer einer chinesischen U-Boot-Waffe. 1954 wurden die ersten vier sowjetischen U-Boote an China übergeben. In der Sowjetunion waren auch chinesischen Besatzungen ausgebildet worden. Die eigentliche Geburtsstunde der chinesischen U-Boot-Waffe schlug am 19. Juni 1954 mit der Aufstellung der ersten U-Boot-Division in Qingdao. Ab 1958 begann man mit der Lizenzproduktion von Booten, basierend auf sowjetischen Entwürfen, in chinesischen Werften. Dabei wurde der Typ 033 zum wichtigsten chinesischen U-Boot der frühen Jahrzehnte. Davon entstanden zwischen den 1960er und den 1980er Jahren 100 Boote. Sie bildeten über Jahrzehnte das Rückgrat der chinesischen Unterseestreitkräfte.

Doch der ideologische Bruch zwischen China und der Sowjetunion Anfang der 1960er Jahre führte zu erheblichen Problemen, da Moskau seine Berater abzog und die technologische Unterstützung einstellte. Die Volksrepublik war nun gezwungen, die Entwicklung eigener U-Boote weitgehend selbständig fortzuführen. Die »Große Mauer 191« war ein Ergebnis dieser Anstrengungen, sie war eine Weiterentwicklung der von der Sowjetunion gelieferten Boote.

Foto: LI HONGBO/Avalon.red/IMAGO imago706472440.jpg
Traditionelle Architektur trifft auf modernen Massentourismus (Chongqing, 3.5.2024)

Ihr Können stellten schließlich die chinesischen Ingenieure mit der Entwicklung nuklear angetriebener U-Boote in den 1970er Jahren unter Beweis. Ende der 1950er Jahre hatte Mao Zedong entschieden, dass China sowohl Atomwaffen als auch atomgetriebene U-Boote besitzen müsse, das Projekt erhielt höchste Priorität. Der Bau chinesischer nuklearer Jagd-U-Boote begann Ende der 1960er Jahre, und das erste wurde 1974 in Dienst gestellt. Parallel dazu entwickelte China das erste strategische Atom-U-Boot des Landes. Es sollte als Träger ballistischer Raketen dienen und die Grundlage einer seegestützten nuklearen Abschreckung bilden. Anfang der 1980er Jahre wurde es fertiggestellt und erreichte Mitte des Jahrzehnts die Einsatzbereitschaft. Es konnte zwölf ballistische Raketen mitführen. Seitdem gehört China zu dem exklusiven Kreis der Staaten mit nuklear bewaffneten U-Booten.

Digitale Welt

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Doch zurück zum digitalen China. Erneut an die Grenzen der Bargeldzahlung komme ich in einem Restaurant in Xi’an, der Stadt mit der berühmten Terrakottaarmee. Ich hatte mich dafür entschieden, weil am Eingang Fotos der Speisen präsentiert wurden. Damit hat man immerhin eine ungefähre Orientierung, was dann später auf dem Teller serviert wird. Ich setze mich also an einen der freien Tische – und warte, dass jemand kommt und die Bestellung aufnimmt. Das Ganze funktioniert allerdings ganz anders, wie ich dann herausfinde. Denn am Tisch befindet sich wieder einer der beliebten QR-Codes. Damit klickt man sich in die Speisekarte des Restaurants, wählt aus und bestellt zugleich online. Bezahlt wird ebenfalls über das Internet. Glücklicherweise gibt es auch hier menschliche Helfer: Eine junge Frau, die mit ihrer Mutter am Nebentisch sitzt, klärt mich auf Deutsch auf, sie spricht sehr gut Chinesisch, hat ein Jahr im Land studiert. Sie spricht mit dem Kellner, dessen Aufgabe es nur noch ist, die bestellten Speisen an den Tisch zu bringen. Er erbarmt sich und nimmt mein Bargeld entgegen, das Wechselgeld kramt er aus einer Schublade hervor.

Das Restaurant und das U-Boot-Museum waren zwei Erfahrungen einer bargeldlosen Welt. Ansonsten bin ich mit meinen Geldscheinen und Münzen noch gut durchgekommen. Aber die Chinesen nutzen immer mehr das Smartphone, um über Plattformen wie Alipay oder Wechat bargeldlos zu bezahlen, sei es in der U-Bahn, im Kaufhaus oder auf dem Wochenmarkt. Es ist in der Tat sehr bequem und geht schnell. Irgendwie aber, so meine Erfahrung, geht der Bezug zu Geld beziehungsweise den Summen verloren.

China bewegt sich in Riesenschritten hin zu einer digitalen Welt. Dazu gehören der umfassende Ausbau der Internetabdeckung ebenso wie die intensive Nutzung der Onlinewelt. Eine der daraus hervorgehenden Erscheinungen sind die Influencer. Noch nirgends habe ich derart viele digitale Selbstvermarkter gesehen, wie hier in China. Chongqing, vor der Touristenattraktion des Hongyadong-Gebäudes am Ufer des Jialing-Flusses: Hier sitzen Dutzende junger Frauen auf ihren Stühlchen, vor sich ein oder zwei Smartphones, die Kameras auf das Gebäude gerichtet. Ich habe keine Ahnung, was sie ihren Followern erzählen. Eine ähnliche Szene gibt es im Tierpark der Stadt: Hier sind die Smartphones an Teleskopstangen angebracht, um über die dichtgedrängten Zuschauer hinweg das Leben der Pandabären zu verfolgen, die hier zu sehen sind. Vor jedem Gehege haben sich etliche dieser Influencer versammelt und liegen stundenlang auf der Lauer nach guten Bildern von den Bären.

Und so ähnlich sieht es vor jeder wichtigen touristischen Sehenswürdigkeit im Lande aus. Es soll Millionen von Influencern geben, die über Plattformen wie Douyin Waren anpreisen und verkaufen. Seit vergangenem Jahr gelten aber strenge Regulierungen für diese Social-Media-Beeinflusser. Wenn sie über Fachthemen wie Medizin, Recht, Finanzen oder Bildung sprechen wollen, müssen sie nun ihre fachliche Kompetenz durch anerkannte Hochschulabschlüsse oder Berufszertifikate nachweisen. Zudem müssen Influencer klare Quellenangaben machen und KI-Inhalte kennzeichnen.

Foto: CFOTO/IMAGO imago447697599.jpg
Seit 2022 ausgemustert und für Besucher offen: Das U-Boot »Große Mauer 191« in der Jiangnan-Werft (Shanghai, 10.5.2023)

Sozialer Wandel

Für Aufregung in deutschen Medien sorgte eine andere Erscheinung der digitalen Welt in China, die Einrichtung sogenannter Sozialkreditsysteme. 2014 hatte der Staatsrat einen entsprechenden Aktionsplan verabschiedet. Von den Chinesen wird es allerdings als »Gesellschaftliches Vertrauenswürdigkeitssystem« bezeichnet. Hintergrund dazu sind Krisenerscheinungen, die aus der »sozialistischen Marktwirtschaft« resultieren: ein hohes Maß an Korruption, ein Verlust an allgemeinem Vertrauen etwa. Der extreme soziale Wandel in den vergangenen Jahrzehnten mit den großen Wanderbewegungen vom Land in die Stadt und der Auflösung kollektiver Einrichtungen, verbunden mit der Kommerzialisierung aller Lebensbereiche, hätte zur Erosion traditioneller Werte geführt, so die Einschätzung – ohne dass diese durch neue ersetzt würden.

Das Sozialkreditsystem wird in China in mehreren Pilotprojekten und in mehreren Regionen (etwa der Provinz Shandong oder der Provinz Guizhou) erprobt und hat allgemein das Ziel, eine neue Moral aufzubauen. Davon berührt sind Einzelpersonen, aber auch Behörden und Unternehmen. In den »Kontostand« des Systems gehen sowohl Negativpunkte für Fehlverhalten ein, als auch Pluspunkte durch Wohlverhalten. Sanktioniert werden etwa nichtbezahlte Schulden, Bußgelder, Strafmandate oder auch Drogenkonsum. Die Folgen: Je nach Sachverhalt wird man etwa vom Erwerb von Flug- oder Bahntickets oder Auslandsreisen ausgeschlossen. Unternehmen werden bestraft, etwa wenn sie minderwertige Produkte in Umlauf bringen, den Wettbewerb verzerren oder gegen Arbeitsgesetze verstoßen. Die Firmen dürfen dann keine Aktien mehr herausgeben oder sich an Ausschreibungen beteiligen.

Die Verordnung zu einem Pilotprojekt in der südwestchinesischen Provinz Guizhou macht deutlich, welche Art Daten in welchen Feldern gesammelt werden sollen. Da geht es um Steuerhinterziehung, Internetbetrug, Produktfälschung, das Nichtbezahlen von Löhnen von Wanderarbeitern, die missbräuchliche Verwendung von Spendengeldern oder irreführende Werbung. In anderen Pilotprojekten im ländlichen Raum stehen hingegen die Unterstützung von Armen und das Kümmern um kranke Familienmitglieder, freiwillige Leistungen für die Gemeinschaft oder das Vermeiden von Streit unter Nachbarn im Mittelpunkt.

Die Bürger in China stehen diesen Erprobungen von Sozialkreditsystemen mit geringen Bedenken (oder Unkenntnis und Arglosigkeit) entgegen. Dabei spiele das grundsätzliche Vertrauen der meisten Bürger in den zentralen Staat eine Rolle, so eine Studie der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung 2020 (»Entwicklungsstaat China«). Das dortige Fazit: »Letztlich lässt sich dieses System gegenwärtig eher als ökonomisches und soziales Bewertungssystem verstehen, und zwar als Informationsservice für Behörden, Unternehmen und Bürger sowie als nationale Kreditinformationsplattform, auch wenn es sich zweifellos in Zukunft politisch instrumentalisieren lässt.«

Rudolf Stumberger ist ein deutscher Soziologe, Publizist und Autor einer ganzen Reihe von Büchern zu sozialen, historischen und anderen Themen. Er lehrt an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main und schreibt regelmäßig in internationalen Zeitungen und Zeitschriften

Teil 1: »Von Mao zu Maybach« (11. Juli)

Teil 2: »Wo der Osten noch immer rot ist« (25. Juli)

Teil 4 erscheint am 22. August

Zum Autor: Rudolf Sturmberger

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Erschienen in der Ausgabe vom 08.08.2026, Seite 4, Wochenendbeilage

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