Symbol kollektiver Standhaftigkeit
Berlin: Mahnmal für von den Nazis verfolgte und ermordete Zeugen Jehovas wird feierlich eingeweiht
Während die Amtskirchen – katholische wie evangelische – und die meisten Christen mit der Nazidiktatur gekungelt hatten oder sie, wie im Fall der »Deutschen Christen« in der evangelischen Kirche, fanatisch unterstützten, leistete eine kleine christliche Glaubensgemeinschaft konsequenten Widerstand: die Zeugen Jehovas. Als Gesamtgruppe lehnten sie ohne Ausnahme alle zentralen Anforderungen der Faschisten ab: den Hitlergruß, die Mitgliedschaft in den NSDAP-Organisationen und -Zwangskörperschaften sowie den Kriegsdienst. Das Gebot »Du sollst nicht töten« stellte die absolute Leitlinie für die Glaubensgemeinschaft dar.
Die Ablehnung des Nazismus war für Zeugen Jehovas keine Sache des individuellen Mutes, sondern theologische Überzeugung: Ihre Loyalität galt allein Gott, nicht aber dem Staat. Auch die Arbeit in der Rüstungsindustrie verweigerten sie. Für ihre Standhaftigkeit zahlten zahlreiche Zeugen Jehovas einen hohen Preis. Zu Tausenden wurden Zeugen Jehovas verhaftet, kamen in Gefängnisse oder Konzentrationslager, wo sie neben Juden, Sinti und Roma, Sozialisten, Kommunisten und Homosexuellen gesondert stigmatisiert wurden. Ihnen wurde der »lila Winkel« an der Kleidung aufgezwungen.
An diesem Mittwoch soll in Berlin der von den Nazis verfolgten und ermordeten Zeugen Jehovas bei der feierlichen Übergabe eines Mahnmals an die Öffentlichkeit gedacht werden. Die massive Bronzeskulptur in Form eines schlichten Baumstamms ist rund zwölf Tonnen schwer und ragt knapp fünf Meter auf. Aufgrund des Gewichts wurde die im Bergischen Wermelskirchen von der Firma ASM gefräste Skulptur in 15 Einzelteilen per Lkw nach Berlin geliefert. Die Montage am 28. Mai wurde von Geschäftsführer Axel Selbach und seinem Team unter den kritischen Blicken des Künstlers Matthias Leeck vorgenommen. Die Einzelteile auf Hundertstel Millimeter genau zu montieren, war – bei einigen hundert Kilogramm Gewicht pro Bauteil – keine leichte Aufgabe. Das Ergebnis kann sich sehen lassen.
Symbolisieren soll der massive Bronzestamm die kollektive Standhaftigkeit der Zeugen Jehovas, die ihre Verfolgung mit einer persönlichen Bereiterklärung zum Kriegsdienst hätten abwenden können. Frauen wurde ein Treueeid auf den Führer abverlangt. Die zerklüftete, an Narben erinnernde Oberfläche der Skulptur soll das von den Zeugen erlittene Leid sichtbar sowie spürbar machen. Sie steht fortan in unmittelbarer Nähe zum Goldfischteich im Großen Tiergarten, wo die Gestapo am 22. August 1936 eine Verhaftungsaktion gegen führende Mitglieder der 1933 verbotenen Glaubensgemeinschaft durchgeführt hatte. An einem Liegestuhlverleih hatten sich führende Mitglieder der Zeugen heimlich getroffen, um den Widerstand ihrer Gemeinschaft gegen die Diktatur zu organisieren. Was folgte, war eine reichsweite Verhaftungswelle, der zahlreiche Zeugen Jehovas zum Opfer fielen. Ab 1938 wurde die christliche Glaubensgemeinschaft in allen von den Nazis beherrschten Ländern verfolgt.
Den Entschluss zum Bau des Mahnmals hatte 2023 der Bundestag getroffen. Zuvor hatte sich der Remscheider Uwe Langhals aus dem Vorstand der Arnold-Liebster-Stiftung – 2002 von Überlebenden der Verfolgung gegründet – mehr als 15 Jahre lang für einen Gedenkort für die Zeugen Jehovas eingesetzt. Entworfen hat die Bronzestele der Wuppertaler Künstler Matthias Leeck. Der Absolvent der Düsseldorfer Kunstakademie hat unter anderem bei und mit dem weltberühmten Bildhauer Tony Cragg zusammengearbeitet. Das Mahnmal ist für Leeck nicht nur eine künstlerische Herausforderung: »Das ist für mich schon eine große Verantwortung, die ich verspüre – der Opfergruppe gegenüber«, hatte er in einem WDR-Fernsehbeitrag Ende Mai gesagt.
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