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Kunst

Sprung durch die Kulissen

Berliner Schule: Zum Tod des Malers Harald Metzkes

Foto: Bernd Settnik/dpa/picture alliance
Harald Metzkes in seinem Atelier in Wegendorf (11.1.2019)

In Wegendorf, einem Ortsteil von Altlandsberg, starb Harald Metzkes am 14. Mai 2026 im Alter von 97 Jahren im Kreis seiner Familie. Er stammte aus Bautzen. Nach dem Studium bei Wilhelm Lachnit und Rudolf Bergander in Dresden ging er an die Akademie der Künste als Meisterschüler von Otto Nagel. Ab 1959 arbeitete er freischaffend in Berlin und wurde von manchem als »Cézannist vom Prenzlauer Berg« bezeichnet. Die klassische Moderne war lebenslang seine Inspirationsquelle. Zu seinen bekanntesten Bildern gehören »Der Transport der sechsarmigen Göttin«, »Polytechnischer Unterricht«, »Der Hai«, »Näherinnen« und »Blinde Kuh«. Sie entstanden von 1959 bis 1991. Mythologische Stoffe griff er oft auf. Für den Palast der Republik schuf er mehrere Gemälde. Im Zentrum seines Schaffens aber stand die Welt des Zirkus, der Artisten und Harlekine.

Für mich ist sein Gemälde »Kulissensprung« ein Schlüsselbild seines Denkens und seiner Kunst. Es zeigt ein Theater im Freien. Das Publikum scheint gerade zu begreifen, was sich auf der Bühne abspielt. Gezeigt wird kein Drama, keine Posse, kein Stück der Commedia dell’arte. Die reisende Theatertruppe, die ihre Wanderbühne mühevoll in der Landschaft am Rand eines Wassers aufgebaut hat, gerät plötzlich in Panik. Eine weiße, in leichenhafter Blässe bedrohlich auf dem Podest stehende Lichtfigur schreit ihren Zorn heraus. Die Akteure fliehen vor ihr von der Bühne, springen durch die Kulissen, zerstören sie dabei. Ein Harlekin hetzt durch die leinene Rückwand und reißt ein Loch hinein. Seinen Dreispitz hat er schon verloren. Hinter den zusammenbrechenden Kulissen wälzen sich die Schauspieler im Sand. Ein weiterer Harlekin stolpert aus dem Bild. Das Gemälde ist voller Spannung, zugleich rätselhaft, ein wenig wehmütig, meisterhaft gemalt. Die einstürzende Szenerie wird zum Sinnbild für einen Ausbruch aus den Verhältnissen.

Dieses Bild malte Harald Metzkes im Auftrag des Kulturbundes der DDR. Lange Zeit hing es im Klub der Kulturschaffenden »Johannes R. Becher« in Berlin. 1987/88 wurde es für die X. Kunstausstellung der DDR in Dresden – wie auch andere unbequeme Bilder – ausgewählt. Bewusst hatte sich die Auswahlkommission für Malerei und Grafik dafür entschieden. Es war eines der vieldiskutierten Kunstwerke, die lange im Gedächtnis blieben. Als am 11. Oktober 2019, also mehr als dreißig Jahre später, in der Städtischen Galerie Dresden eine wohlüberlegte Auswahl aus dem Bereich Malerei der X. Kunstausstellung unter dem Titel »Ende der Eindeutigkeit« eröffnet wurde, konnte man es wieder sehen. Natürlich interpretierten manche dieses 1986 entstandene Bild sofort als Vorwegnahme der »friedlichen Revolution« von 1989. Harald Metzkes, der stets seinen eigenen Weg ging, hat die Unsicherheiten jener Jahre gespürt und sich gegen Dogmatismen abgegrenzt. Für ihn war jedoch nach wie vor der Realismus die exklusivste Form der Malerei, auch wenn diese Wirklichkeitssicht es heute schwer hat, sich zu behaupten. 1984 hatte Metzkes in einer Zusammenkunft des Verbandes Bildender Künstler der DDR in Anlehnung an einen Satz Robert Musils gesagt, der Realismus sei wie das Gras, das – niedergetreten – immer wieder aufsteht. Auch nach 1989/90 blieb er dabei. Er machte sich selbst ein Bild vom Menschen, ließ sich nichts vormachen. Aus dieser Selbstbehauptung wuchsen seine Bilder – nicht illustrativ, oft gleichnishaft, eine ureigene Bildsprache, unaufdringlich, ohne Misstöne, aus Farben und Formen gewachsen. Geschaffen von einem selbstbewussten Ich, das bestürzt und dennoch besonnen die Welt erkennt. In zahlreichen Werken von Harald Metzkes wurden Gaukler, Komödianten, Seiltänzer oder Zirkusleute zur Metapher.

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In der Kunstgeschichte ist das nicht neu. Antoine Watteaus »Pierrot« (»Gilles«), heute im Pariser Louvre, wurde zum Sinnbild einer Epoche der Unsicherheit am Vorabend der Französischen Revolution; es vermittelt ein Gefühl der Nostalgie, tiefer Melancholie und der Zweideutigkeit. Heiterkeit mischt sich mit Schrecken. So spielt sich auch im »Kulissensprung« von Harald Metzkes ein von gesellschaftlichen Widersprüchen getriebenes Theater ab. Nicht mehr Triumph oder Balance, sondern Absturz ist das Bestimmende.

Anspruchsvolle Kunst wirkte schon immer über ihre Zeit hinaus. Warum kommt heute niemand auf die Idee, dieses Bild auf die Gegenwart und schließlich auf das Künftige zu beziehen? Bereits in den Jahren der »Wende« und erst recht in der Zeit des schlimmsten Vandalismus bekam es eine neue Aktualität. Wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen wurden auch aus den Theatern Menschen vertrieben, existentielle Ängste geschürt, brach eine Welt zusammen. Neue Dogmatismen »moderner Kunst« machten sich breit. Ist die Kunst wirklich so frei, wie heute ständig behauptet wird? Solange Künstler in kapitalistischen Verhältnissen vom Geldsack abhängig bleiben, solange sie sich selbst zum Clown machen müssen, um zu überleben, verkommt das Freiheitsgeschrei zur Kulisse. Der »Kulissensprung« provoziert solche Fragen. Wer sie in der Gegenwart nicht stellt und dieses Bild nur auf die Zeit der untergehenden DDR bezieht, entwertet es. Hinter den Kulissen spielte sich auch vor 1989/90 manches ab, das aus der Sicht von heute neu und unaufgeregter bewertet werden muss. Im Angesicht des Todes dieses großartigen Malers wird deutlich, was Kunst vermag.

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Erschienen in der Ausgabe vom 23.05.2026, Seite 11, Feuilleton

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