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Kürzungs- und Kriegskurs

Der Kanzler kürzt

Kommunale Spitzenverbände protestieren gegen »historische Finanzkrise« bei Städten und Gemeinden. Friedrich Merz fallen dazu nur Sozialkürzungen ein

Foto: jW Montage: IMAGO/dts Nachrichtenagentur/dreamstime
Da setzt er die Schere an: Friedrich Merz will den sicheren Schnitt, nicht die sichere Finanzierung

Arm ist Friedrich Merz noch nicht arm genug. Seit seinem Amtsantritt ist kaum ein Tag vergangen, an dem der Kürzungskanzler nicht irgendwelchen verbalen Unrat über die soziale Daseinsfürsorge in der BRD vergossen hätte. Es gilt abzuwerten, was man zusammenstreichen will. Und obwohl die Lage für viele Menschen in Beruf und Privatleben bereits dramatisch ist, so sind doch keine Transferleistungen, keine öffentlichen Angebote sicher vor seiner Schere. Ein Merz sucht nicht in den Taschen der Reichen nach Geld, um von öffentlichen Leistungen abhängige Bereiche zu finanzieren. Ein Merz weitet den Bereich der zu kürzenden Angebote einfach weiter aus.

Dann fallen Krankenhäuser, Busse und Bahnen, Jugendklubs und Bibliotheken weg, warnte der Deutsche Landkreistag am Montag gegenüber jW. Mit einem Aktionstag haben sie auf ihre »historische Finanzkrise« aufmerksam gemacht und ließen öffentliche Einrichtungen zwischenzeitlich schließen. Städte, Landkreise und Gemeinden trügen ein »Rekorddefizit« von beinahe 32 Milliarden Euro, hatte das Statistische Bundesamt schon Anfang April mitgeteilt. Gleichzeitig müsse man riesige Aufwendungen bewältigen, erklärte etwa der Bochumer Oberbürgermeister Jörg Lukat (SPD): »Wir verzeichnen eine Kostensteigerung von rund 40 Prozent, zum Beispiel für Kinder- und Jugendhilfe, Pflege und Eingliederungshilfe.«

Für Merz ist das kein Problem. Sozialgesetze wie der Unterhaltsvorschuss für Alleinerziehende, die Jugendhilfe und die Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung stehen für ihn auf der Abschussliste, ließ der Kanzler am Tag der offenen Tür der Bundesregierung am Wochenende durchklingen. Man müsse prüfen, »ob diese Gesetze noch den Zweck erfüllten, den sie eigentlich mal erfüllen sollten«, zitierte der Deutschlandfunk, schließlich gebe es in den Bereichen »eine Kostenexplosion für die Kommunen«.

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Das ist gelebte Sozialpolitik: Wird der Regierung die Fürsorge der arm gehaltenen Bevölkerung zu teuer, schafft sie die gesetzliche Grundlage dafür ab. Erst wird verbal abgewertet, dann verschärft, das zeigte schon der Umgang mit der Grundsicherung. Der von den Kommunen geforderte Grundsatz »Wer bestellt, bezahlt auch« dürfte an diesen Haushaltsprioritäten nichts ändern. Denn dann wird eben nicht mehr bestellt: Mehr und mehr Bereiche ordnen Kanzler und Regierung dem Willen zu Krieg und Aufrüstung unter, und sie streichen weg, was ihnen im Weg ist. Auch wenn die kommunalen Spitzenverbände zu Recht Alarm schlagen: Sie stellen sich nur scheinbar außerhalb dieses Kurses, wenn sie, wie im Aufruf zum Aktionstag, Strukturreformen fordern, die sie »vor allem von ständig steigenden Sozialausgaben entlasten«.

Das ist schon die Begleitmusik. Beschäftigte in der Daseinsfürsorge hätten »Angst, dass ihre Stellen im Zuge von Sparmaßnahmen gestrichen werden«, teilte der Stuttgarter Bezirk der Gewerkschaft Verdi am Wochenende mit. Der Aktionstag der Kommunen bedeute für sie daher bloß »Symbolpolitik ohne konkrete Verbesserungen«, bestehe ihr Alltag doch aus »Überlastung, unbesetzten Stellen – unter anderem durch die Wiederbesetzungssperre – und Unsicherheit, wie es für sie weitergeht«, teilte Verdi Stuttgart weiter mit. Das Leben in der Stadt könnten sie sich »nur noch mit finanziellen Entbehrungen leisten«.

Wie ihnen geht es vielen. Während Konzerne auf Wirtschaftsflaute und geringere Gewinne mit Stellenstreichungen und Standortverlagerung reagieren, verschärfen Kanzler und Konsorten die Gangart gegen die Armen und kürzen alles Soziale zusammen. Das Havelörtchen Ketzin beteiligte sich am Aktionstag der Kommunen am Montag mit dem Motto »Wenn bei uns das Licht ausgeht«. Darauf lässt sich geradewegs erwidern: Für Friedrich Merz ist es dann noch nicht dunkel genug.

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Erschienen in der Ausgabe vom 23.06.2026, Seite 1, Titel

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→ Leserbriefe
  • Thomas Bartsch-Hauschild aus Hamburg 24. Juni 2026 um 12:10 Uhr
    Der Kanzler kürzt und zwar immer bei den anderen – die nicht mehr genug haben, Brücken, Schulen und die Kommunen ersticken an den Schulden! Jeder muss eben für sich allein sorgen. »Solidarität« mit den Schwächeren ist dem »Staat« völlig egal. Mehr Schulden können wir uns nicht leisten – die Reichen behalten ihr Schonvermögen – Gott sei Dank!
  • Reinhard Hopp aus Berlin 23. Juni 2026 um 11:31 Uhr
    Wurden bislang wenigstens noch die Fassaden von »Sozialstaat« und »Demokratie« gewahrt, so vollzieht sich unter Merz nun ganz offen und unverhohlen eine beschleunigte Transformation hin zu einer a-sozialen Kriegsautokratie. Und die SPD assistiert dabei mal wieder beflissen bellizistisch wie bereits 1914. Und abermals hetzt sie einen »Bluthund« gegen die Arbeiterschaft, der diesmal zwar nicht auf den Namen »Noske« hört, aber dennoch nicht weniger gefährlich ist.
  • Onlineabonnent*in Joachim S. aus B. 23. Juni 2026 um 06:51 Uhr
    Es ist nicht Merz, der kürzt. Er ist lediglich der Ausführende einer Politik, die unter anderem für Blackrock ein neues Profitfeld zu erschließen hat: Die Rüstung und nachfolgend den Krieg. Wenn dafür pro Jahr 100 Milliarden mehr gebraucht werden und der Bundeshaushalt nun mal begrenzt ist, muss man dieses Geld zwangsläufig irgendwoanders wegnehmen. Nur eben scheibchenweise, damit das Volk nicht aufmuckt, bevor seine Welt in einem nuklearen Inferno untergehen darf. Unser wahrer Gegner heißt nicht Merz. Die Gefahr für unser aller Leben kommt ursächlich vom Rüstungskapital. Denn das befiehlt, was er zu tun hat. Dass er da freiwillig mitmacht, mag schandbar sein. Es ändert aber nicht die Bohne daran, woher die Gefahr in Wirklichkeit kommt.
    • Onlineabonnent*in Franz S. aus R. 23. Juni 2026 um 11:16 Uhr
      Blackrock, immer wieder Blackrock, Hauptfeind vieler jW-Leser, als würde Blackrock quasi Deutschland beherrschen. Und dann das Rüstungskapital, von dem »die Gefahr in Wirklichkeit kommt«. Sind Sie da Ingar Solty (»Sechs Säulen der Militarisierung«, 10.06.26) auf den Leim gegangen? Ein Leser hat da einiges richtiggestellt und Zahlen genannt, schauen Sie mal rein. Zu Blackrock: »Blackrock, der Allianz-Konzern und die reichsten Familien Deutschlands« (https://www.kaz-online.de/artikel/blackrock-der-allianz-konzern-und-die-reichsten-f). Hier nur die ersten Sätze: »Blackrock ist präsent in Medien und Diskussionen. Blackrock wird meistens verknüpft mit dem US-amerikanischen Börsenkapital, der unkontrollierten Einflussnahme in Deutschland, dem kalten, kompromisslosen und kurzsichtigen Profitstreben. Blackrock erscheint sehr mächtig und auch etwas undurchsichtig. Und nicht zuletzt wird Blackrock verwendet, um von der deutschen Bourgeoisie abzulenken (…)
  • B.S. aus Ammerland 22. Juni 2026 um 20:27 Uhr
    Der Linke Pantisano … eher Pantomino, hat die historische Wahrheit, dass 80 Prozent der Gründungsmitglieder der CDU ehemalige Nazis waren, einfach dem Geist von Unaufrichtigen und Steuergeldverschwendern wie Günther unterworfen. Ein weiterer Kotau vor den Rechten bei den Linken. So sind sie halt, die Partei Die Linke. Kein historischer Mut, nur leere Worthülsen!
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