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Aus: Ausgabe vom 06.03.2026, Seite 1 / Titel
Sozialpolitik

Neue deutsche Härte

Attacke auf Arme: Bundestag beschließt mit »schwarz-roter« Koalitionsmehrheit Grundsicherung statt Bürgergeld. Sozialverband und Mieterbund warnen vor Existenznot und Wohnungsverlust
Von Oliver Rast
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Ans Eingemachte soll es gehen: Die, die wenig zum Leben haben, müssen blechen, sollen bluten

Es ist weit mehr als nur ein Etikettenwechsel. Es ist eine neue Attacke gegen Arme – per Gesetz. Die »schwarz-rote« Regierungsmehrheit im Bundestag hat am Donnerstag beschlossen: Grundsicherung statt Bürgergeld. Damit hat das CDU/CSU-SPD-Kabinett eine seiner »zentralen Sozialreformen« im Plenum durchgesetzt. Ein Beschluss, der zugleich eine Klatsche für den koalitionären Juniorpartner ist. Vor drei Jahren erst hatte die sozialdemokratisch geführte Ampelregierung das Bürgergeld eingeführt.

Von dieser Fußnote abgesehen, wen trifft die »Reform«? Viele, sehr viele. Etwa 5,5 Millionen Menschen hierzulande beziehen Bürgergeld bzw. Grundsicherung. Sie sind darauf angewiesen, weil ihr Einkommen nicht den Lebensunterhalt deckt. Darunter sind rund 800.000 Aufstocker, deren Bezüge selbst bei Vollzeit unter dem Existenzminimum liegen. Und: Wer seinen Job verliert, rutscht nach einem Jahr Arbeitslosengeld automatisch in dieses System. Besonders betroffen sind 1,8 Millionen Kinder und Jugendliche. Junge Menschen, die in Haushalten leben, die ohne staatliche Unterstützung nicht über die Runden kommen.

Mit dem Bundestagsbeschluss will die Koalition Transferleistungen »gerechter und treffsicherer« machen. Übersetzt: fordern statt fördern. Wer nicht pariert, wird sanktioniert – noch stärker als zuvor. Dazu passt: Wer arbeiten kann, muss seine Arbeitskraft »im maximal zumutbaren Umfang« einsetzen, verlangen die Koalitionäre. Ackern um jeden Preis – sprich: zum Billiglohn, bestenfalls ohne Tarifvertrag, ohne betriebliche Mitbestimmung. Das ist längst nicht alles.

Künftig fällt die Karenzzeit für mühsam Erspartes weg, Freibeträge für Schonvermögen sinken. Stichwort: Wohnkosten. Vom ersten Tag des Leistungsbezugs an gelten strenge Mietobergrenzen. Überschreitet die Miete die festgelegte Grenze, »drohen sofortige Kürzungen, ohne Übergangsfrist und ohne Kostensenkungsverfahren«, kritisierte der Deutsche Mieterbund (DMB) am Donnerstag. Ferner sollen Leistungsberechtigte etwaige Mietrechtsverstöße rügen und gegen Immobilienhaie juristisch vorgehen. Völlig realitätsfern – und ein Abwälzen der Verantwortung »auf Mieter in prekären Lebenslagen«, weiß der DMB. Nicht nur das. Mietern drohe, dass sie etwa durch Eigenbedarfskündigungen ihre Unterkunft verlieren, wohnungslos werden, betonte die Präsidentin vom Sozialverband VdK, Verena Bentele, am Donnerstag.

Ohne Wohnung zu sein interessiert Kanzler Friedrich Merz nicht. Der Ex-Blackrock-Aufsichtsratschef hatte während des Wahlkampfes von einem »Einsparpotential« beim Bürgergeld im zweistelligen Milliardenbereich getönt. Einige Wochen später nur noch von fünf Milliarden Euro – jetzt seien es einige hunderttausend Euro. Auch das eine »dreiste Lüge«, so Cansin Köktürk (Die Linke) in einem Statement. Bereits 2028 koste der Umstieg auf Grundsicherung mehr, als er einspare, »unter anderem aufgrund des höheren Personalbedarfs«, erklärte die sozialpolitische Fraktionssprecherin weiter.

Fakten, die Totalverweigerer sozialer Standards beiseitewischen. Etwa Kapitalverbände und ihre parlamentarischen Schleppenträger von der AfD. Die Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) verlangt »weitere Reformen«, schwadroniert von »Eigenverantwortung und Fairness im Sozialstaat«. Abgeordnete der Rechten titulierten das Bürgergeld als »Migrantengeld«, fordern Unterstützung nur noch »für Deutsche«.

Fest steht: Die Grundsicherung wird keine Jobs, keine Wohnungen, keine Kitas schaffen. Nichts. Dafür viel verschärfen: Existenzängste, soziale Not – und den Hass auf Arme. Oder: neue deutsche Härte.

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  • Leserbrief von Uwe Joachim aus Pasewalk (9. März 2026 um 12:04 Uhr)
    Die Bundesrepublik, als Projekt »soziale Marktwirtschaft« gegründet, soll als »neue soziale Marktwirtschaft« weitergeführt werden. Das Sozialstaatsprinzip der Daseinsvorsorge wird zugunsten von Kapitalinteressen privaten Unternehmen und Konzernen überlassen. Das Experiment, der Kapitalismus ist für die Sicherung einer menschenwürdigen Existenz der Bürger besser geeignet als der Sozialismus, erweist sich als Chimäre.
  • Leserbrief von Roland Winkler aus Aue (6. März 2026 um 12:42 Uhr)
    Hat dieses Land mit sozialer Härte gespart, seit ein einstiger Sozialminister, Norbert Blüm, unverblümt erklärte, es brauche kein Schaufenster mehr für die Brüder und Schwestern im Osten? Zugegeben, den heutigen sogenannten Sozialpolitikern fehlt jedes Maß an Moral, Gewissen und Menschlichkeit, wovon sie gern und viel reden. Die im Dunkeln sieht man nicht, dafür hat die deutsche Politik seit »deutscher Einheit« schnellstens gesorgt. Wie hilfreich dazu die Entsolidarisierung derer in und ohne Arbeit ist, dessen sind sich Kapitals willige Vollstrecker nicht seit heute bewusst. Der Bundestag beschließt, angebliche Arbeitsscheue, den sogenannten Sozialstaat ausnutzende Bürger, angeblich arbeitsfähige, nur nicht wollende Menschen von Bürgergeld in Grundsicherung zu befördern. Des Beifalls nicht gerade kleiner Teile der Bevölkerung sicher, können sie ein menschenunwürdiges Arbeitszwangsgesetz abnicken, ohne um die Mehrheit besorgt zu sein. Wenige kritische Stimmen, die das Unsoziale, Menschenunwürdige in aller Tragweite beim Namen nennen – was bewirken sie mehr, als bestenfalls Aushängeschild für eine verlogene, geheuchelte Demokratie zu sein. Einige der Älteren unter uns, in Ost wie West, könnten sich mal daran erinnern, wie gern und laut in der DDR Arbeitsrecht und ‑pflicht als Zwangsarbeit diffamiert wurden, über die nach Ost strahlenden Sender der Freiheit. Wie sich doch die Zeiten ändern. Wie eine zutiefst menschengerechte gesellschaftliche Pflicht wie Recht zu Leben in gesichertem Wohlstand unter der Herrschaft von Kapital und Markt, von Arbeitskraft als Ware, zu einem Recht und einer Pflicht purer Ausbeutung, Verwertung des Menschen als Profitobjekt werden kann. Wer sich Bürgergeld/ Grundsicherung je einmal näher angesehen hat, näher als im Interesse der Kapitalvertreter, aller, die den Verleumdungen gern Glauben schenken, die konnten wissen, wie verschwinden gering die angeblichen Arbeitsverweigerer sind. Dazu brauchte es kein Gesetz.
    Es braucht das Gesetz, um immer mehr Menschen in jede Arbeit zu zwingen, selbst wenn ihre Lebensumstände menschenwürdige Arbeit nicht zulassen. Fordern und Fördern nennen es die Heuchler mit allem Spott und aller Häme. Haben die Interessenvertreter der Arbeitenden und Ärmsten nichts zu den Machenschaften zu sagen? Wer braucht sie dann noch, außer als Interessenvertreter von Kapitals Gnaden?
  • Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin (6. März 2026 um 00:31 Uhr)
    Durch diese skrupellose Mittäterschaft im asozialen menschenverachtenden Kampf gegen die Schwächsten in diesem Land, fördert die SPD weiter den Aufstieg der AfD und schaufelt sich immer tiefer ihr eigenes politisches Grab. Und dafür möchte sie dann auch noch wiedergewählt werden. Aktueller Umfragewert (SPD): 14 % (- 1 %)!

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