Das Versprechen der Fragmente
Die Berlinische Galerie zeigt Marc Brandenburgs Ausstellung »20th Century Debris«
Im vermeintlichen Niemandsland zwischen dem betonierten Berlin-Mitte und dem so pazifizierten wie gentrifizierten Kreuzberg steht die Berlinische Galerie. Sie bewirbt die Werkschau des Künstlers Marc Brandenburg mit einer Flatterfahne, auf der ein gut gebauter, recht blasser Mann zu sehen ist. Der trägt nichts als eine weiße Unterhose und seine mit vielen kleinen Tätowierungen bestochene Haut. Aber mit sexpositiver »Börlinn«-Promotion hat die Ausstellung »20th Century Debris« nichts zu tun. »Debris«, das ist Geröll, Schutt, sind Bruchstücke. Und Fragmente versprechen bekanntlich, dass sich alles zum Besseren zusammensetzen lassen könnte.
1965 kam Marc Brandenburg in Westberlin als Sohn einer Deutschen und eines GIs zur Welt. Ein paar Jahre wuchs er in den USA auf. Marc Brandenburg hat Erfahrungen mit der Modebranche, den berufscoolen Kommerzwelten. Das ist sicherlich von Vorteil, um als Archäologe wider Willen zu zeigen, wie Gesellschaft zerfällt, eine Leere sich auftut – die in seiner Kunst bekämpft wird.
Brandenburgs Bleistiftzeichnungen zeigen junge Gespenster, auf die man neidisch sein kann: Sie bewohnten Welten wie das Berlin der frühen 90er Jahre. Ihnen scheint ins Gesicht geschrieben, dass sie Zeit haben. Jungs fläzen sich auf Sofas, hängen irgendwo draußen ab, schauen sich verliebt an oder nachdenklich aus dem Rahmen heraus. Brandenburg zeichnet Fotografien ab, Schnappschüsse, die zunächst schlicht dokumentieren. Meisterschaft im Fotorealismus lässt die frühen Arbeiten seines »Bilderbuchs« viel ferner erscheinen als abgeklärte Abstraktionsmethoden.
Alles, was wir sehen, war wahr. Da hat sich jemand die Mühe gemacht, das alles abzuzeichnen: Ikonen wie die Pop-Madonna und die Christen-Madonnen. Berliner Interieurs, alte Möbel und Treppenhäuser, Fanposter. Im Mittelpunkt stehen entweder die Dinge oder die Menschen, heimisch scheinen sie schon nicht mehr zu sein in dieser Welt. Das Dickpic, das wir zu sehen bekommen, war kein Klick auf den Smartphonebildschirm, sondern stundenlange Arbeit. Erlebte Zeit konzentriert sich auf dem Papier.
Diese Präzision, der selektive, aber nicht pausenlos interpretierende Blick, lässt uns den Zeichnungen sehr nahekommen, doch entrückt sie zugleich in eine unwiederbringliche Vergangenheit. Modifiziert bleibt diese Wirkung in Blättern, bei denen Brandenburg die Hell- und Dunkelwerte umkehrt, so dass wir gezeichnete Fotonegative vor uns haben. Die Motive, die abgebildeten Menschen, durften sich nie vollständig entwickeln.
Brandenburgs Werk ist kein melancholisches Poesiealbum, um der guten alten Zeit nachzutrauern. In einem Ausstellungsraum scheint nur Schwarzlicht auf die Zeichnungen. In einem Interview sagte Brandenburg, dass ihn irgendwann genervt hätte, wie im Getümmel der Vernissagen niemand mehr den Bildern Beachtung schenkte, sondern alle nur wichtig daherquatschten. Dagegen hilft Dunkelheit. Brandenburg zeichnete die Schlafsäcke von Obdachlosen, die er ohne deren Umgebung, ohne sozialen Kontext zeigt, so dass wir erst auf den zweiten Blick erkennen, dass in diesen textilen Faltenwürfen Menschen schliefen. Er gibt seinen Arbeiten keine Titel, alles bleibt namenlos.
Eine Panoramaansicht aus dem Berliner Tiergarten führt uns im Schwarzlicht von Wand zu Wand, auf eine Bank wurde »Homo« gesprayt. Die Stadt ballt sich um uns zusammen. In einer Videoarbeit zappelt vor einem Dönerladen eine Winkearmfigur: Willkommen oder Abschied? Es gibt bei Brandenburg keine zynische Lust an der Dystopie. An einer Wand läuft ein Clip aus einem Mary-Poppins-Film und erinnert an den kindlichen, nicht kindischen Wunsch nach der Veränderung der tristen Welt. Brandenburg begann, sich für Schlieren und Kameraschwenks zu interessieren. Auch Fotorealismus ist historisch. Er gestaltete Motive für temporäre Tattoos. Ein Panini-Album-Model-Mann ziert zwei Wände, übersät mit Zitaten – vielleicht um nicht aus der Zeit zu fallen? Samplen sich die Menschen nur noch selbst?
Brandenburg arbeitet beharrlich in kleinen Formen. Seine Karriere nahm Fahrt auf, als in den 90er Jahren Kunst aus Deutschland boomte, er gilt als Ikone der schwulen Subkultur. Gegenüber der Süddeutschen Zeitung erklärte Brandenburg, dass ihn die heutige Weltlage an Stephen-King-Romane und Tim-Burton-Filme erinnere, die KI drohe, alles auszuhöhlen. Doch es besteht Hoffnung: »Ich glaube daran, dass Leute aufstehen werden, sich durch diesen Horror nicht einschüchtern lassen und sich nicht mit dieser Leere, die hinter dieser phantastischen Show wartet, abfinden.«
→ »Marc Brandenburg: 20th Century Debris«, Berlinischen Galerie, bis 14.9.
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